«Hoffnung auf junge Generation»

Filmemacher Samir über seinen Dokumentarfilm «Iraqi Odyssey» – und wieso sich eine solch monumentale Familiengeschichte über ein Jahrhundert voller Hoffnung, Krieg, Chaos und Exil nicht in 90 Minuten erzählen lässt.

Geri Krebs
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Eine Familie, verstreut rund um den Erdball: Filmemacher Samir (links) mit seinem Cousin Jamal Al Tahir, der mit seiner Frau in Moskau lebt. (Bild: pd/Looknow)

Eine Familie, verstreut rund um den Erdball: Filmemacher Samir (links) mit seinem Cousin Jamal Al Tahir, der mit seiner Frau in Moskau lebt. (Bild: pd/Looknow)

Samir, Ihr «Iraqi Odyssey» ist ein gewaltiges und ungemein vielschichtiges Familienepos, beeindruckend auch durch seine Länge von fast drei Stunden...

Samir: (unterbricht) Entschuldigung, aber ich verstehe nicht, worauf Sie mit dieser Frage hinauswollen.

Ich wollte fragen, ob Sie mit dieser epischen Länge nicht möglicherweise gewisse Zuschauer abschrecken oder überfordern.

Samir: (seufzt) Fragen Sie Frederick Wiseman auch, warum er in seinem neuesten Film den Zuschauer drei Stunden lang durch die «National Gallery» führt, oder fragen Sie einen Regisseur aus Hollywood, warum sein Action-Spektakel zweidreiviertel Stunden dauert?

Ich würde das fragen, wenn ich die Gelegenheit dazu hätte, sie hat sich so aber noch nicht ergeben. Aber ich habe gehört, dass es auch eine 90minütige Version von «Iraqi Odyssey» gibt?

Samir: Ja, das ist so, ich habe für den WDR – der den Film mitproduzierte – eine Kurzfassung zusammengeschnitten. Wie diese zustande kam, war ja bezeichnend: die zuständige Redaktorin schaute sich den «Director's Cut» an, war davon angetan und sagte dann, dass sie noch eine kürzere Version haben müsse. Ich schlug ihr vor, sie solle mir sagen, wo sie Kürzungsmöglichkeiten sehe – worauf sie meinte, das wisse sie nicht.

Was machten Sie darauf?

Samir: Ich machte ihr Vorschläge. Wenn ich die Geschichte mit meinem Grossvater weglasse, ist der Film um 40 Minuten kürzer. Und wenn ich auch noch meine Cousine und schliesslich meine eigene Geschichte weglasse, hätte der Film die erforderliche Länge. Worauf die Redaktorin fand, das gehe gar nicht, denn durch den Grossvater erfahre man die ganze Vorgeschichte, und einzig mit der Cousine sei die dritte, in der Diaspora geborene Generation repräsentiert. Und ich selber sei als Erzähler unerlässlich.

Und wie ging es weiter?

Samir: Da von der Redaktorin keine Alternativvorschläge kamen, schnitt ich den Film genau in der hier ausgeführten Weise zusammen – und ich bin mit dem Ergebnis entsprechend (un-)zufrieden. Ich möchte nochmals betonen: Eine so weit verzweigte, sich über so grosse geographische und zeitliche Räume erstreckende Familiengeschichte lässt sich in neunzig Minuten nicht erzählen. Es fehlen dann einfach zentrale Teile.

Ihr letzter Film «Forget Bagdad» über irakische jüdische Kommunisten, die in Israel leben, datiert von 2002. Der Film fand damals über das Thema hinaus viel Beachtung, weil kurz nach dem Kinostart Bushs Irak-Krieg begann. Nun passiert mit «Iraqi Odyssey» durch das Erstarken des IS und die Anschläge in Paris etwas Ähnliches...

Samir: Wäre ich abergläubisch, würde ich sagen: Jedes Mal, wenn ich einen Film über mein Heimatland mache, bricht danach ein neuer Krieg aus. Nein, ernsthaft, ich hatte mit den Arbeiten an «Forget Bagdad» längst angefangen, als niemand ahnen konnte, dass die Amerikaner in den Irak einmarschieren würden. Und mit «Iraqi Odyssey» habe ich vor zehn Jahren begonnen. Zu einer Zeit, als man hoffte, dass durch den Sturz des Diktators Saddam Hussein im Irak nun langsam doch eine Wende zum Besseren einsetzen könnte.

Leider ist das Gegenteil eingetreten, dennoch verbreiten Sie am Ende einen gewissen vorsichtigen Optimismus, was die nähere Zukunft des Irak betrifft. Warum?

Samir: Ich setze meine Hoffnung auf die junge Generation, die nun schon mehr als zehn Jahre ohne das totalitäre Regime von Hussein lebt und dank der neuen Technologien global vernetzt ist. Natürlich hat man nach Saddams Sturz gemeint, schlimmer als unter ihm könne es nicht mehr kommen. Dann kam al- Maliki und hat innert kürzester Zeit alle Hoffnungen zerstört, hat eine schiitische Diktatur errichtet. Doch seit September ist al-Maliki nicht mehr im Amt; mit al-Abadi hat der Irak wenigstens einen nicht ganz so kompromittierten neuen Staatschef.

Dafür hält der IS seit Mitte 2014 Teile des Landes unter seiner Kontrolle ...

Samir: Ja, das stimmt, aber man muss auch sehen, dass der IS nicht vom Himmel gefallen, sondern auch ein Ausdruck der Globalisierung ist; eine Folge der «Ausweitung der Kampfzone», wie es vor Jahren Michel Houellebecq formuliert hat. Auch der IS bedient sich der modernen Technologie. Das Erstarken des IS hatte in vieler Hinsicht mit der verheerenden Politik von al-Maliki zu tun, die Eroberung von Mosul an Pfingsten 2014 war ein Weckruf für alle Irakis. Selbst die korruptesten Politiker haben von da an gemerkt, dass etwas geschehen muss. Seither sind einige Gebiete, die unter der Kontrolle des IS standen, zurückerobert worden. Der IS befindet sich im Irak in der Defensive und er wird, so wie sich die Lage derzeit präsentiert, weiter zurückgedrängt werden.

Ab Do im Kinok St. Gallen, ab 12.3 im Luna Frauenfeld, weitere Kinos folgen. Regisseur Samir ist am 5.3., 19 Uhr, im Kinok und am 12.3., 19.30 Uhr, im Luna zu Gast.

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