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Höhlen-Rettung als Kinospass: Das Geschäft mit dem thailändischen Drama

Zwölf Buben und ihr Trainer werden nach mehr als 14 Tagen gesund aus einer Höhle gerettet. Hollywood wittert bereits das ganz grosse Geschäft.
Philipp Bürkler
Das Höhlendrama als globales Echtzeitereignis. Journalisten warten auf die Rettung der Buben. (Bild: Sakchai Lalit)

Das Höhlendrama als globales Echtzeitereignis. Journalisten warten auf die Rettung der Buben. (Bild: Sakchai Lalit)

Die gesamte Welt hat in den vergangenen Tagen nach Thailand geschaut. Medien rund um den Erdball berichteten über das Schicksal der Buben sowie deren erfolgreiche Rettung seit dem Wochenende. Ein Juniorenfussballteam, bestehend aus zwölf Buben im Alter zwischen 11 und 16 Jahren und ihrem 25-jährigen Trainer, war in einer Höhle im Norden des Landes eingeschlossen. Eine Horrorvorstellung für die Eingeschlossenen sowie für die Angehörigen. Während die Kinder in der Höhle mit der Ungewissheit leben mussten, ob sie jemals gefunden und gerettet würden, wurden die Angehörigen von der Ungewissheit geplagt, ob die Buben überhaupt noch leben und ob sie sie jemals wieder in die Arme schliessen konnten.

Die Anteilnahme in Echtzeit war weltweit gross: Präsidenten, Regierungssprecher und Politiker solidarisierten sich mit den eingeschlossenen Fussballern. Der Fussballclub Manchester United hat die Buben für die kommende Spielsaison in sein Stadion eingeladen, und die Fifa wollte sie für kommenden Sonntag sogar eiligst zum WM-Final nach Moskau einfliegen lassen. Da die Buben bis Sonntag aber noch nicht fit seien, suche man nach einer anderen Gelegenheit für eine Einladung, schreibt der Weltfussballverband.

Alle wollen ein Stück des Glanzes

Die Medienmaschinerie läuft seit Tagen, weltweit, 24 Stunden. Die Geschichte bewegt und interessiert Menschen aus jedem kulturellen Hintergrund und jeglicher Sprache. Keine Frage, die Gefühle und Emotionen hinter der Katastrophe sind universell und gehen allen Menschen nahe. Sie docken an urmenschliche Instinkte an: Angst, Dunkelheit, Eingeschlossenheit, Tapferkeit, Mut und Überlebenswille. Dramatischer macht die Geschichte auch die Tatsache, dass es sich um Kinder handelt, die noch zusätzlich schutzbedürftig und auf Hilfe angewiesen sind. Gleichzeitig ist das Höhlendrama eine Heldengeschichte, die das wahre Leben schreibt.

Alle Kinder und ihr Trainer wurden lebend und wohlauf geborgen, ihre Retter, die Taucher, werden als Helden verehrt. Auch der Rettungsversuch eines Tauchers, der am vergangenen Freitag wegen Sauerstoffmangels sein Leben verloren hatte, geht als Heldentat in die Geschichte ein. Sogar Donald Trump gratulierte auf Twitter zur erfolgreichen Aktion.

Helden passen bestens in die Geschichtsschreibung des US-Präsidenten. Neben den Medien, einigen Präsidenten sowie der Fifa, die sich in den Glanz der Heldengeschichte stellen, wittert auch die Filmbranche in Hollywood ihr grosses Geschäft mit der Höhlenkatastrophe. Bereits am Dienstag, als noch gar nicht alle Buben gerettet waren, meldete sich Michael Scott zu Wort. Er wolle die Geschichte verfilmen, verkündete der Inhaber der Filmproduktionsfirma Pure Flix auf Facebook. Bereits seit Tagen führt Scott zusammen mit seinem Businesspartner Adam Smith von Kaos Entertainment Interviews und Recherchegespräche mit Helfern, Angehörigen und Augenzeugen. Die beiden suchen bereits nach Investoren, um das nötige Budget von 45 Millionen Dollar aufzutreiben.

«Die Kinder brauchen einen Agenten», sagt Prof. Marie-Therese Mäder von der Universität München. (Bild: PD)


«Die Kinder brauchen einen Agenten», sagt Prof. Marie-Therese Mäder von der Universität München. (Bild: PD)

«Pure Flix ist ein christlicher Streamingdienst, eigentlich ein christliches Netflix», sagt Marie-Therese Mäder, Schweizer Professorin für Religionswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Pure Flix vermittle in den eigenen Filmen eine moralisch und gesellschaftlich sehr konservative Haltung. In diesem Weltbild steht Monogamie im Zentrum, Sex vor der Ehe oder freie Liebe werden als inakzeptabel abgelehnt. Auf dem Streamingportal sind neben explizit gewaltfreien Filmen auch Geschichtsfilme über die Bibel oder die Produktion «Gott ist nicht tot» zu finden. Scott, der mit einer Thailänderin verheiratet ist, die wiederum mit dem ertrunkenen Taucher befreundet war, will seinen Film jedoch nicht als christliches Werk verstehen. «Es ist nicht nötig, dass wir einen christlichen Film machen, es soll einfach ein inspirierender Film werden», verspricht er. Scott steht bereits in Kontakt mit den Familien der Kinder, um sich die Filmrechte zu sichern.

Kinder sind Helden und Opfer der Tragödie

Ob der Film, der frühestens im Herbst 2019 zu sehen sein soll, tatsächlich ein Hit wird, ist fraglich. Das Interesse am Drama dürfte in den kommenden Monaten stark nachlassen. Ausserdem ist die Rettung nicht mit einer Verfilmung von den Anschlägen in New York am 11.September zu vergleichen, einem Ereignis, das die Weltgeschichte und unsere Gesellschaft bis heute entscheidend prägt. Obwohl die geretteten Kinder durch ihre physische und vor allem psychische Stärke die eigentlichen Helden sind, geraten sie gleichzeitig in die Opferrolle ihrer eigenen Tragik. Während Pure Flix bei einem kommerziellen Erfolg Millionen einstreichen dürfte, dürfte die finanzielle Beteiligung der Kinder deutlich geringer sein. «Die Kinder bräuchten alle einen Agenten zur Seite gestellt, der ihnen ein Honorar für jedes Interview vermittelt», sagt Mäder. Weder der Film noch die aktuelle Medienberichterstattung helfe den Kindern, ist die Professorin überzeugt. «Als Mutter von drei Kindern beschäftigt mich vor allem, was dieses Ereignis mit der Psyche der Buben macht», so Mäder.

Über die Idee der thailändischen Behörden, die Höhle künftig als Touristenattraktion zu vermarkten, schüttelt Mäder nur den Kopf. «Grauenhaft.» Schlussendlich gehe es nicht um die Interessen der Kinder, sondern um Aufmerksamkeit in einem ökonomischen Markt. Hauptakteur dieser Vermarktung spielt ausgerechnet eine christliche Firma, die sich nach eigenen Angaben an «ethische Standards» halten will.

Erste Bilder der Höhlenjungen aus dem Spital

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