Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Höhenflüge und Abgründiges

Der aus Holland stammende Künstler Rik Beemsterboer lebt und arbeitet seit elf Jahren in St. Gallen. Im vergangenen Jahr erhielt er für seine grossformatige Porträtserie alter Meister einen der städtischen Werkbeiträge.
Brigitte Schmid-Gugler
Beemsterboer, van Gogh, Rembrandt: Dem Geheimnis des Selbstporträts auf der Spur. (Bild: Urs Bucher)

Beemsterboer, van Gogh, Rembrandt: Dem Geheimnis des Selbstporträts auf der Spur. (Bild: Urs Bucher)

Sein Feld ist die Peripherie. Künstlerisch. Geographisch. Wer ihn im Atelier besuchen will, muss quasi mit einem Bein in St. Gallen, mit dem anderen in Wittenbach stehen. Auf den Plätzen und Wegen um die unscheinbaren Wohnblöcke am westlichen Stadtrand tummeln sich Scharen von Kindern. Väter, Mütter. Sie reden nicht deutsch. Rik Beemsterboer sagt, er möge diese Stimmung, die Stimmen auch, die zu ihm hereindringen und ihm akustisch vermutlich einen Teil seiner Inspiration durch Wand und Fenster schieben. Seine beiden Werkräume befinden sich ebenerdig: Linolboden, ein Sofa, kleine Ecke für Kaffeemaschine und Zwischendurch-Verpflegung. Und sonst nur Bildtafeln. Meist grossformatige. Riesige.

Für die aktuelle Serie, die nachgemalten Selbstporträts von alten Meistern, hatte er, der in St. Gallen zu den Hauskünstlern der Galerie Paul Hafner gehört, einen der letztjährigen Werkbeiträge der Stadt erhalten. Peripherien des Schauens. An der Grenze des gerade noch Fokussierbaren. So nah, eindringlich und unerbittlich, dass einen ob dem Anblick solcher Gesichtslandschaften der Schwindel droht. Stirnpartien wie Schneefelder, Nasenwände für Kletterpartien, Wangenknochen wie Bergkuppen, Schnurrbärte wie das dichte Geäst von Nadelbäumen. Forschungsarbeiten am undurchschaubaren Wesen Mensch – eine Intension, welcher der aus Holland stammende Kunstmaler Rik Beemsterboer seit Jahren folgt.

Herumstreifendes Erkunden

Mit dem Vorhaben, Fotografie zu studieren, war er in die Akademie für Moderne Kunst in Enschede eingetreten. Nach den obligatorischen zwei Einführungsjahren entschied er sich für die Malerei, im sehr freien Umgang der Dozenten, allesamt selber Künstler, mit ihrer Studentenschaft gleich von Anfang an für die Abstrakte Malerei, von der er sich bis hin zum heutigen Fotorealismus von Jahr zu Jahr stärker entfernte. Zehn Jahre lebte Beemsterboer später in Amsterdam, zwischen den wichtigsten Grachten, das Wasser, das holländische Flachland dominierten seinen Blick und die Bildfindung seiner Malereien.

Der Schock war vorauszusehen, als er mit seiner Schweizer Ehefrau vor elf Jahren nach St. Gallen zog. Berge, Hügel, wohin Auge und Sinne reichen. Rik Beemsterboer setzte sich dem neuen Anblick aus, er streifte herum, besah sich die alpine Gegend, den Alpstein, konnte sich nicht satt sehen ob dem Gebirge, drehte Steine um und befühlte Flechten und Moose, schaute den auf- und absteigenden Nebelschwaden zu und wollte unbedingt wissen, wie sich das alles übersetzen lässt, malerisch.

Mit dem Blick des gerade erst Geborenen in eine neue Welt hinein ging er an seine Malereien heran, die, man «fühlt» es ihnen an, wie später die Gesichter von Menschen die grenzüberschreitende Transparenz durchscheinen lassen. Mit dem inneren Drang, das Gesehene wahrhaftig werden zu lassen, um an ihm teilzunehmen, um es Teil des «Eigenen» werden zu lassen und ihm vielleicht das abzugewinnen, was der Künstler mit den Worten umschreibt: «Ich merkte, dass ich hier keine Vergangenheit habe.» Nicht zufällig wohl liegt da ein Buch von Gerhard Richter, der 1966 – da war Rik Beemsterboer gerade mal zwei Jahre alt, und im Westen wurde ausschliesslich ungegenständliche Kunst produziert – verlauten liess: «Alle Maler sollten Fotos abmalen», wobei es ihm, wie Beemsterboer, nicht um das Abmalen von lesbaren Motiven ging, sondern ums Er-Innern.

Gegen das Vergessen

Erinnern, die «Stills» so beharrlich betrachtend, bis sich in ihnen Welt – die Verlorenheit, Einsamkeit – im Grenzbereich von Idylle und Brutalität offenbart: Der Hund als zweckdienliches «Element» in der Begegnung von Menschen; die Wartende an der Tankstelle – das Vage, der unbehagliche Kippmoment wie in einer Erzählung von Raymond Carver; die grossformatige Porträtserie von zeitgenössischen Despoten und, besonders hervorzuheben, eine 25teilige Bilderserie im quadratischen Kleinformat diesmal – sie sind die Ausbeute einer längeren Recherche zur Frage nach der Persönlichkeit von Amokläufern an Schulen. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind Vorfälle solchen Grauens nachgewiesen. Beemsterboer forscht in den Gesichtern, nur das. Ins Anscheinende, Scheinbare, Unergründliche – vom Rausch beseelt, zu vernichten. Indem er «nachmalt», frontal, Passbild-akkurat, fragt er nach dem Warum und noch eindringlicher nach dem peripheren Raum des schnellen Vergessens.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.