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Hodler, die Frauen und der Tod

In der Schweiz ist er berühmt, im Ausland fast vergessen. Vor hundert Jahren ist Ferdinand Hodler in Genf gestorben, er war ein Leben lang vom Tod umfangen und von Frauen besessen. Sein Blick prägte die Schweiz in vielerlei Hinsicht.
Rolf App

Am vorletzten Tag seines Lebens bekommt Ferdinand Hodler noch einmal Besuch. Es ist die Fotografin Gertrud Müller, die ihn seit 1908 kennt, und ihn oft beim Malen fotografiert hat, aber auch in der Freizeit, beim Schlittenfahren oder Handorgelspielen. Jetzt, an diesem 18. Mai 1918, fährt er mit seiner Frau Berthe aus und mit Paulette, der kleinen Tochter, die er mit seiner Geliebten Valentine Godé-Darel hat. Man sieht den 65-Jährigen am Ufer des Genfersees, die Haltung leicht gebeugt. Zu Gertrud Müller sagt er, das seien jetzt die letzten Fotografien von ihm. Man sieht ihn am Nachmittag zu Hause, zusammen mit Paulette. Anderntags liegt er da, tot, doch immer noch lebendig wirkend.

Schon lange konnte er nicht mehr ins Atelier gehen. Ein Lungenödem und schreckliche Asthmaanfälle haben ihm zu schaffen gemacht. Deshalb hat er von seiner herrschaftlichen Wohnung am Genfer Quai du Mont-Blanc aus den See gemalt, wieder und wieder. «Prachtstücke von grosser, freier und frischer Malerei» sind entstanden, wie der Malerfreund Cuno Amiet bewundernd schreibt. Es ist die Vollendung eines «grossartigen Spätwerks», sagt Ulf Küster von der Fondation Beyeler. «Sehen Sie, wie da drüben alles in Linien und Raum aufgeht?», fragt Hodler bei einem Spaziergang den NZZ-Journalisten ­Johannes Widmer. «Ist Ihnen nicht, als ob Sie am Rand der Erde stünden und frei mit dem All verkehrten? Solches werde ich fortan malen!»

Die Sterbenskranke wird zum Modell

Drei Jahre früher ein anderer Tod. Seine Geliebte Valentine Godé-Darel liegt sterbenskrank in ihrer Wohnung. Ferdinand Hodler besucht sie immer wieder, zeichnet und malt sie, holt Mass, denn er nimmt es als Künstler sehr genau. Bis zuletzt, da sie tot auf dem Bett liegt. Es ist ein langsames, auch qualvolles Sterben, das er festhält. Aber, sagt Küster, «Hodler liefert Valentine auch aus».

Der Tod: Er beschäftigt diesen Mann geradezu obsessiv. Der Tod – und die Frauen. Und vielleicht besteht zwischen beidem ja ein Zusammenhang. Dem Tod begegnet er früh. Am 14. März 1853 kommt er als erstes von sechs Kindern in Bern als Sohn eines Schreiners zur Welt. Schon 1860 stirbt der Vater an Tuberkulose, auch alle seine Geschwister werden an dieser Krankheit sterben. «In der Familie war es ein allgemeines Sterben», erinnert er sich später. «Mir war schliesslich, als wäre immer ein Toter im Haus, und als müsste es so sein.» Auch die Mutter bleibt nicht verschont. Mit ihr teilt er das Zimmer, in der Nacht schreckt er von ihren Schreien hoch. Bei der Feldarbeit bricht sie 1867 zusammen, die Kinder laden sie auf einen Feldkarren und bringen sie nach Hause. Das Bild der Beerdigung ist Hodler, wie er später sagt, «ein Leben lang klar und scharf vor den Augen geblieben».

Auch wenn es natürlich Spekulation ist: Man kann sich gut vorstellen, dass ein junger Mensch, der solche Erschütterungen erlebt, seine tieferen Gefühlsschichten schützen muss – so dass er unempfindlich wird gegenüber Verletzungen. Dabei geht ihm dann auch jene Empathie verloren, die den Maler vielleicht hätte veranlassen müssen, Valentine ­Godé-Darels Hand zu halten, statt sie zu malen. Und «vielleicht ist hier ein Grund für Hodlers exzessives Verhalten gegenüber Frauen zu finden, das man als eine Beziehungsstörung bezeichnen könnte», spannt Ulf Küster den Bogen weiter in einem kleinen im Verlag Hatje Cantz erschienenen Buch zu Hodlers Leben und Werk. Hodler kann aufdringlich werden, wenn sich eines seiner Modelle seinen erotischen Nachstellungen verweigert. Auch Charlotte Berend-Corinth, der Frau eines Malerkollegen, stellt er nach. Nachdem sie sein Ansinnen abgewiesen hat, gemeinsam ein Kind zu zeugen, schlägt Hodler vor, sie könnte doch die Geliebte seines noch unerfahrenen Sohnes Hector werden. Auch sein erstes wirklich wichtiges Werk, «Die Nacht» von 1889/90, handelt von Frau und Tod. Dessen Mitte bildet ein aus dem Schlaf schreckender Mann, dem eine schwarz verhüllte Figur auf dem Unterleib zu sitzen scheint. Es leitet seine symbolistische Phase ein.

Hodler löst einen Skandal aus und nutzt ihn

Er entwirft Figurenreihen, dabei der Theorie folgend, dass sich Gefühle in Körperhaltungen niederschlagen müssen, und dass dieser Eindruck durch parallele Wiederholung verstärkt wird. Auch seine Landschaftsbilder sind stark von diesem Parallelismus geprägt. «Die Nacht» macht den Anfang, und sie löst den ersten Skandal aus, denn der Genfer Stadtpräsident erwirkt, dass dieses Bild von einer Ausstellung ausgeschlossen wird. Worauf Hodler einen Saal mietet und dort sein Bild zeigt – gegen Eintritt. Mit dem Erlös reist er nach Paris, wo es eine Auszeichnung erhält.

Schon diese frühe Episode zeigt: Hodler weiss, wie man einen Skandal für die Karriere nutzt. Einen weiteren Schub wird ihm die mehrjährige Auseinandersetzung geben, die um das blutig-realistische Fresko «Rückzug aus Marignano» für den Waffensaal des Schweizerischen Landesmuseums in Zürich entbrennt. «Solchen Schund wollen wir nicht», erklärt der Museumsdirektor. Hodler malt nicht Heldentum, sondern die Wahrheit.

Doch der Mann, dessen «Tell» als «verrückt gewordener Menschenaffe» abgelehnt wird, hat auch viele Freunde. Er stellt in Paris aus, die Wiener Secession lädt ihn als Ehrengast ein. Er könnte jetzt international Karriere machen, zumal er enorm fleissig und auch geschäftstüchtig ist. Etwa 2000 Gemälde zeugen von seiner Schaffenswut, die etwa Perfektionistisches hat, ausserdem 10000 Skizzen und 4000 Zeichnungen. Manche Motive, etwa den für eine Banknoten­serie entworfenen «Holzfäller», verkauft er in mehreren Versionen.

Warum Hodler nicht in aller Welt bekannt ist

«Doch leider», sagt Ulf Küster, «kommt es nicht so. Denn heute ist Ferdinand Hodler zwar in der Schweiz einer der bekanntesten Maler – Hodler-Austellungen werden stets zu Publikumsrennern – im deutschsprachigen Ausland wird Hodler aber wenig beachtet. Was einen ehrenwerten Grund hat.» 1914 legt Hodler als einer von 120 Künstlern, Intellektuellen und Wissenschaftern Protest ein gegen die Beschiessung der Kathedrale von Reims durch die deutsche Armee. Das führt dazu, dass er in Deutschland geschnitten wird. Was aber auch sein Gutes hat. «Die Nazis sind nicht auf die Idee gekommen, seine Historienbilder für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.»

So ist Ferdinand Hodler zu einem ausgesprochenen Schweizer Künstler ­geworden. «Er hat die Identität dieses Landes geprägt», sagt Ulf Küster, und kommt noch einmal auf die Berge zu sprechen. Und auf die Farbe, die Hodler erst gegen Ende seines Lebens so richtig entdeckt hat in ihrer Kraft. «Wenn man in Bern über die Kirchenfeldbrücke geht und in der Ferne Eiger, Mönch und Jungfrau sieht, denkt man unweigerlich an Hodler. Er hat die Alpen für uns wie neu geschaffen.»

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