Ackermannshof
Höchste Eisenbahn, mal eine Revolution anzuzetteln

Das Basler Duo Thorgevsky & Wiener inszeniert Lenins legendäre Zugreise: «Zürich–Petrograd einfach» wird im Ackermannshof aufgeführt.

Iris Meier
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Maria Thorgevsky & Dan Wiener sind im Ackermannshof zu sehen.

Maria Thorgevsky & Dan Wiener sind im Ackermannshof zu sehen.

Thorgevsky & Wiener

Am 9. April 1917 um 15:00 bestieg Wladimir Iljitsch Lenin gemeinsam mit seiner Frau Nadeschda Konstantinowna Krupskaja, seiner Geliebten Inessa Armand und 30 weiteren russischen Emigranten in Zürich den Zug, um nach Petrograd zu fahren und in Russland die provisorische Regierung zu stürzen und die Umwandlung einer bürgerlichen in eine sozialistische Revolution zu fordern.

Genau 100 Jahre später spielte das Basler Theaterensemble Thorgevsky & Wiener den Teil dieser Reise nach, der durch die Schweiz fuhr. Der Zug, gezogen von einer historischen Dampflokomotive, verliess Zürich um exakt 15:00 Uhr, die Zuschauerinnen und Zuschauer konnten Lenin und seine Reisegruppe begleiten.

Für dieses eindrückliche Theatererlebnis ist der Zug leider abgefahren. Doch es gibt eine Bühnenfassung des Stückes, die Uraufführung dazu findet im Basler Ackermannshof statt.

Ein skrupelloser Machtmensch

Wie wollen Thorgevsky & Wiener die Stimmung der Zugfahrt in den kahlen Raum des Philosophicums übertragen? «Mit schauspielerischen Mitteln», sagt Maria Thorgevsky. Aber klappt das? «Das werden wir ja sehen!»

Ein Probenbesuch zeigt: 20 schwarze Stühle als Zugabteile aufgestellt, ein paar Koffer, ein Samowar und engagiertes Schauspiel reichen, dass man sich tatsächlich in diesem Zug wähnt.

Zu Beginn ist das Stück witzig, man erlebt Lenin, wie er über seine Genossen flucht und sich von seiner Frau den Rücken kraulen lässt. Doch bald entpuppt sich Lenin, «das Gehirn der Revolution», als skrupelloser Machtmensch. Thorgevsky & Wiener war es wichtig, ihn nicht als blosse anekdotische Figur auftreten zu lassen. «Wir wollten keine Historienklamotte auf die Bühne bringen», sagt Dan Wiener. «Für uns ist Lenin Sinnbild für Populismus, Machtgier, skrupellose Menschenverachtung - und somit auch ein interessanter Bezug zu bestimmten Politikern unserer Zeit.» Maria Thorgevsky, selber in Russland aufgewachsen, war es ein Anliegen, auch Menschen eine Stimme zu geben, die damals keine hatten, weil sie examiniert worden waren. Menschen, die bei der Revolution unter die Räder gerieten.

Ein Stück mit Drive

Was war die grösste Schwierigkeit bei der Inszenierung? «Dass es keine eigentliche Haupthandlung gibt», sagt sie. «Aber es war mehr eine Aufgabe als ein Problem.» Eine Aufgabe, die sie klug gelöst hat. Das Stück hat Drive, und in den verschiedenen Zugabteilen finden parallel kleine Geschichten statt, was für den Zuschauer anregend ist. «Eine weitere Herausforderung war die historische Richtigkeit. Wie spielt man solche Ereignisse nach, damit sie der Geschichte gerecht werden können?», ergänzt Wiener. Thorgevsky hat den Text aufgrund von Originalquellen geschrieben. Entstanden ist eine Mischung aus satirischer Überhöhung und persönlicher Betroffenheit.

Das Stück wird bis 11. Juni in Basel gezeigt, wer die Woche bereits anders aufgegleist hat, kann noch auf den Zug aufspringen: Am 18. und 25. Juni macht die Produktion Halt im Landesmuseum Zürich. Bei dieser Gelegenheit würde es sich dann auch empfehlen, die Ausstellung «1917 Revolution Russland und die Schweiz» anzuschauen.

«Zürich–Petrograd einfach» Ackermannshof, St. Johanns-Vorstadt 21, Basel. 8. bis 10. Juni, 20 Uhr. 11. Juni: 17 Uhr.