Kunstausstellung
Hochgenuss und dunkle Schatten: Kunstmuseum Bern zeigt erstmals Bilder aus Gurlitts Erbe

Der «Nazi-Schatz» aus München macht seit 2013 Schlagzeilen. Nun kann das Publikum erstmals 150 dieser Bilder sehen. Lohnt sich der Besuch in Bern?

Sabine Altorfer
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Bestandesaufnahme Gurlitt, Kunstmuseum Bern
5 Bilder
Franz Marc: Sitzendes Pferd, 1912 Aquarell und Graphit auf Papier. Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014, Provenienz in Abklärung / aktuell kein Raubkunstverdacht.
August Macke: Im Schlossgarten von Oberhofen, 1914 Aquarell und Graphit auf Papier auf Karton. Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014.
Ernst Ludwig Kirchner: Zwei Akte auf Lager. 1907/08. Kreide auf Papier. KM Bern, Legat C. Gurlitt 2014. Provenienz in Abklärung / aktuell kein Raubkunstverdacht.
Otto Dix: Schütze vom Infanterieregiment 103. Pastell und schwarze Kreide auf Packpapier. KM Bern, Legat C. Gurlitt 2014. Provenienz in Abklärung / aktuell kein Raubkunstverdacht.

Bestandesaufnahme Gurlitt, Kunstmuseum Bern

Keystone

So viel hat man gehört, so viel gelesen: Kann man nun im Kunstmuseum Bern überhaupt Überraschendes, Erhellendes oder Vertiefendes zu dieser Sammlung Gurlitt sehen? Ja, man kann. Erstens 150 Bilder. Im Original (und nicht nur als unscharfe Föteli im Internet). Schön sind sie und exquisit ist die Auswahl an Zeichnungen und Grafiken.

Zweitens erfährt das Publikum in dieser «Bestandesaufnahme Gurlitt. ‹Entartete Kunst› – beschlagnahmt und verkauft» viel über die Hintergründe des «Nazi-Kunsthändlers» Hildebrand Gurlitt. Nur am Rande thematisiert wird die Frage nach «Raubkunst». Dazu gibt es ab Freitag in der Bundeskunsthalle Bonn eine zweite «Bestandesaufnahme Gurlitt».

Gehen Kunstgenuss und dunkle Geschichte zusammen? Oder ist die Forschung zu diesem «vergifteten» Erbe wichtiger, welches dem Kunstmuseum Bern von Cornelius Gurlitt 2014 vermacht wurde? Und darf man, kann man als Besucherin diese Werke geniessen?

Diese Fragen stellte sich auch das Ausstellungsteam im Kunstmuseum Bern um Direktorin Nina Zimmer und Kurator Matthias Frehner. Und entschied sich für ein Sowohl-als-auch. Also für «zwei verzahnte Ausstellungsstränge», so Zimmer.

Kluges Raumkonzept

Als Besucherin kann man entscheiden, beginne ich mit der Kunst oder mit dem Hintergrund. Oder pendle ich von einem Teil zum anderen. Alle drei Varianten sind möglich und sinnvoll. Dank einem gut überlegten Präsentationskonzept.

In der Mitte der Räume stehen schwer und dunkel die Informationswände, davor Vitrinen mit Dokumenten und Fotos. Hier erfährt man kurz und verständlich, was «entartete Kunst» ist, warum sie verfemt wurde, welche Rolle als Handelsdrehscheibe die Schweiz spielte, dass Hildebrand Gurlitt nicht nur Handlanger der Nazis war, sondern auch Verfechter der diffamierten Kunst, und was nach dem Zweiten Weltkrieg passierte. Wer dazu mehr wissen möchte, dem sei der umfangreiche Katalog empfohlen.

Gurlitts Werke: Exquisit

Rundum an den weissen Aussenwänden locken die Kunstwerke. Die Blätter sind sorgfältig gereinigt und einheitlich hell gerahmt. Wer von desolatem Zustand gelesen hat: Vergessen Sie das! Schimmel, Stockflecken und Risse gab es, aber die meisten Blätter lagerten in Cornelius Gurlitts Münchner Wohnung in einem Grafikschrank (der auch in der Ausstellung steht). Dunkel und trocken, das ist perfekt für Papierarbeiten.

So präsentiert sich das «Liebespaar» von Ernst Ludwig Kirchner – sie senfig gelb, er orange gesprenkelt – in prächtiger, farblicher Frische. Auch das Rot, Gelb und Blau der Farbstiftstriche, mit denen der Expressionist Kirchner 1914 seine beiden weiblichen Aktmodelle umrissen hat, überraschen mit Strahlkraft. Die Zeichnungen, Holzschnitte, Lithografien und Aquarelle – manche postkartenklein, die meisten A4 bis A3 gross – sind als Parcours durch die Kunstgeschichte der 1890er-Jahre bis zum Beginn der Naziherrschaft gruppiert.

Man steigt ein bei der Berliner Sezession, mit Max Liebermanns scharfen Zeichnungen, Edward Munchs dunkeln Lithografien und Käthe Kollwitz’ berührenden Gesellschaftskritiken. Weiter folgen «Die Brücke», «Der Blaue Reiter», Künstler des Bauhauses und der neuen Sachlichkeit.

Klingende Begriffe für Kunstkenner, mit Namen, die jede und jeder kennt: Mit Genuss betrachtet man August Mackes farbenprächtigen «Schlossgarten von Oberhofen» und Emil Noldes expressive «Tänzerin», man staunt über den Farbenwirbel von Wassily Kandinsky und die Strenge von El Lissitzky, über Paul Klees Fabulieren oder die geniale Komposition von Franz Marc für das «Sitzende Pferd». Man bewundert die so präzisen wie radikalen Bildfindungen von Otto Dix, George Grosz oder Erich Heckel. Und doch ...

Jedes Blatt hat eine Geschichte

Und doch drängt sich immer wieder das Dunkle der Gurlitt- und der Weltgeschichte ins Bewusstsein. Auch durch die ungewöhnlich grossen Etiketten, die bei den Bildern hängen und die für einmal nicht nur Künstler und Titel anzeigen, sondern auch die «Provenienz». Also die Liste der Besitzer. Im Berner Teil der «Bestandesaufnahme Gurlitt» sind sie recht einheitlich, geht es hier um «entartete Kunst».

Aufgelistet ist also, welchem deutschen Museum es gehörte, bevor es mit Tausenden anderen Werken 1937 von der Reichskammer für Kunst (RMfVP) als «entartet» zensiert und entfernt wurde. Diese Werke hat Hildebrand Gurlitt im Auftrag der Nazis zu Tausenden verkauft (auch in der Schweiz) – und zu Hunderten selber erworben.

So lesen wir weiter: «Besitz ab 1941 Hildebrand Gurlitt – durch Erbgang 1956 an Cornelius Gurlitt – 6. Mai 2014: Erbgang an das Kunstmuseum Bern». Bei manchen Blättern gibt es Lücken oder heisst es «Provenienz in Abklärung / aktuell kein Raubkunstverdacht».

Hinter diesen Bemerkungen steht viel Forschungsarbeit. Insgesamt 1566 Positionen umfasst das Gurlitt-Erbe. Zu 1039 Werken klären das «Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste» und das Kunstmuseum Bern die Herkunft. Bei 112 Werken bestehen noch Lücken, sechs Werke wurden als Raubkunst identifiziert und ihren früheren Besitzern zurückgegeben. Wie viele Werke letztlich als «sauber» definitiv ins Kunstmuseum Bern kommen, lässt sich heute noch nicht sagen. Die aktuelle Ausstellung ist erst der Anfang der Geschichte von Gurlitts Erbe in Bern.

Bestandesaufnahme Gurlitt Kunstmuseum Bern: 2. November bis 4. März. Bundeskunsthalle Bonn: 3. November bis 11. März 2018

Chronologie des Kunstfundes Gurlitt

- 22. September 2010: Nach einer Zoll-Kontrolle im Zug zwischen Zürich und München nimmt die bayrische Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Cornelius Gurlitt wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung auf. Gefunden hatten die Zöllner 9000 Euro in bar, das war legal.

- 28. Februar bis 2. März 2012: Die Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt wird durchsucht, 1280 Kunstwerke werden beschlagnahmt. Nachträglich wird die Aktion als rechtlich umstritten eingestuft.

- 3. November 2013: Die Zeitschrift «Focus» macht den Fall Gurlitt publik. Die Nachricht vom «Nazischatz», vom «Schwabinger Kunstfund» macht weltweit Schlagzeilen. Der schüchterne Eigenbrötler Cornelius Gurlitt wird von den Medien belagert. Nach «Focus» und den ersten Mitteilungen der Behörden soll es sich bei vielen Werken, zusammengetragen von Cornelius’ Vater Hildebrand Gurlitt (dem «Nazi-Kunsthändler»), um Raubkunst handeln.

- 11. November 2013: Kulturstaatsministerin Monika Grütters macht den Fall Gurlitt zur Chefsache: Die «Taskforce Schwabinger Kunstfund» nimmt die Arbeit auf.

- 11. Februar 2014: In Gurlitts Haus in Salzburg werden 300 weitere Kunstwerke gefunden.

- 6. Mai 2014: Cornelius Gurlitt stirbt mit 81 Jahren in München – ohne seine Sammlung wiedergesehen zu haben. Am kommenden Tag gibt die Stiftung Kunstmuseum Bern bekannt, dass Gurlitt sie in einem Testament als Alleinerbin eingesetzt hat.

- 24. November 2014: Das Kunstmuseum Bern nimmt die Erbschaft an.

- 28. April 2015: Uta Werner, Cornelius Gurlitts Cousine, legt im Namen eines Teils der Familie Beschwerde ein.

- 14. Januar 2016: Die Taskforce legt ihren Abschlussbericht vor. Die dürftigen Resultate werden heftig kritisiert.

- 15. Dezember 2016: Das Oberlandesgericht München lehnt den Einwand gegen Gurlitts Testament ab; Bern ist rechtskräftiger Erbe.