Hoch, höher, am tiefsten

Autoren wagen sich schreibend auf den Berg: Der Schweizer Roman Graf schickt André auf einen Alpengipfel, der Österreicher Thomas Glavinic Jonas auf den Mount Everest. Und eine Gruppe Engländer erklimmt den falschen Hügel.

Valeria Heintges
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Der Gipfel aller Gipfel, der Berg aller Berge: Mount Everest, 8850 Meter über dem Meeresspiegel. Thomas Glavinics Alleskönner Jonas versucht in «Das grössere Wunder» den Aufstieg. (Bild: ky/John McConnico)

Der Gipfel aller Gipfel, der Berg aller Berge: Mount Everest, 8850 Meter über dem Meeresspiegel. Thomas Glavinics Alleskönner Jonas versucht in «Das grössere Wunder» den Aufstieg. (Bild: ky/John McConnico)

Edmund Hilary, Erstbesteiger des Mount Everest, hat es auf den Punkt gebracht: «Nicht der Berg ist es, den man bezwingt, sondern das eigene Ich.» Der Brite hat damit nicht nur die Faszination des Bergsteigens erklärt, sondern zugleich, warum es auch in der Literatur von hohen Bergen und deren Besteigung nur so wimmelt.

Gleich drei neue Bücher beweisen, dass dem noch heute so ist. Der Winterthurer Roman Graf schickt seinen in Berlin lebenden André auf einen namenlosen Schweizer Gipfel. Dass das Unternehmen keinen Erfolg haben wird, zeigt bereits der Titel «Niedergang». Zwar hat der Schweizer André im Internet die anstehende Tour akribisch geplant, inklusive Zahl und Dauer erlaubter Trinkpausen. Aber er merkt bald, dass er die Tour zu früh im Jahr angesetzt hat. Erst «erstickt regenschwerer Nebel» das Bergdorf, dann schneit es. Das macht die steilen Aufstiege noch mühsamer als geplant und schlägt Louise, Andrés Freundin, auf die Stimmung.

Hochmut per Höhenmeter

Je höher sie steigen, umso langsamer wird Louise, umso genervter André und umso missmutiger alle beide. André, auf Erfolg getrimmt und von Sehnsucht nach seinen heimatlichen Bergen getragen, wird auch immer hochnäsiger und hochmütiger. Louise ist plötzlich «ein kleines Mädchen […], das sich zu ihm heraufmühte». Er nennt sie abschätzig eine «Flachländerin», irgendwann sogar den «störrischen Esel aus Mecklenburg». In sein wachsendes Überlegenheitsgefühl mischt sich immer deutlicher eine Abneigung gegen alle Deutschen, «nicht gegen einzelne Menschen, […], sondern gegen die Menschen als Gruppe und gegen den Staat».

Das Gefühl wird nicht gemindert, als die beiden in der Berghütte von einem freundlichen Sachsen bedient werden, mit dem Louise lacht und scherzt, während sich zwischen dem Paar das Schweigen breitmacht.

Geschickt sorgt Roman Graf dafür, dass dem Leser dieser André, aus dessen Sicht alles erzählt wird, immer unsympathischer wird. Die Bergbesteigung nutzt Graf, um das Ego seines Helden in immer höhere Höhen zu schicken, bis seine Selbstherrlichkeit zur Allmachtsphantasie wird. Die Volksweisheit «Hochmut kommt vor dem Fall» beschreibt Graf in einer kargen, präzisen Sprache. Seine Parabel ist dabei fast zu deutlich – zudem erfährt der Leser nie, was diese so unterschiedlichen Menschen André und Louise eigentlich je zusammengehalten hat.

Dafür ist Thomas Glavinic in seinem 523-Seiten-Roman «Das grössere Wunder» in diesem Punkt sehr deutlich: Jonas glaubt an die eine grosse Liebe, für die er alles zu tun bereit ist. Die Bergbesteigung ist für ihn fast nebensächlich. Wichtiger ist die Liebe, «das grössere Wunder». Daher will Jonas Marie, schön, intelligent, erfolgreich und also ihm ebenbürtig, zur Rückkehr bewegen.

Glavinics Roman, der es auf die Longlist, aber nicht die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte, ist viel grösser angelegt als Grafs, um nicht zu sagen: völlig ohne Mass. Jonas ist ein Alleskönner, der sich erst bei Grenzüberschreitungen aller Art als Mensch fühlt. Er ist hoch intelligent, versteht alle Sprachen und hat Geld im Überfluss. Nichts kann ihn aufhalten, nichts hält ihn auf. Das macht ihn übermütig, beinahe übermenschlich. Sogar seine Bereitschaft, Schmerzen zu ertragen, ist jenseits alles Üblichen. Zwangsläufig nimmt er keinen Alpengipfel in Angriff, sondern den Gipfel aller Gipfel, den Berg aller Berge: den Mount Everest.

Fast bis zum Ende erzählt Glavinic abwechselnd Jonas' Erlebnisse bei der Besteigung und sein Leben in Rückblicken. Am Berg plagen ihn ständig Schmerzen, Übelkeit, Beklemmung. Der Tod ist allgegenwärtig, schon der zweite Satz lautet: «An seinem Zelt wurde der erste Leichnam vorbeigetragen.» Eindringlich schildert Glavinic die Stimmung dort oben: Die unmenschliche Anstrengung, die allen abgefordert wird. Die Mischung aus Zweifel, Einsamkeit und fiebriger Alkoholstimmung, die alle gepackt hat. Und das zermürbende Warten auf besseres Wetter, um den Gipfel in Angriff zu nehmen.

Jonas kann alles, weiss alles

Dem gegenüber setzt Glavinic die ebenso masslose, unglaubliche Vergangenheit seines Jonas, den er schon in seinen Romanen «Das Leben der Wünsche» und «Die Arbeit der Nacht» zum Helden erkor. Aufgewachsen ohne Vater, lebt Jonas mit seinem behinderten Zwillingsbruder, den er bedingungslos liebt, bei der alkoholkranken Mutter. Als ihn einer von deren Liebhabern spitalreif schlägt, übernimmt Picco, Grossvater seines besten Freundes Werner, die Erziehung. Der setzt den Buben nie Grenzen, nicht einmal, als sie diese kriminell ausreizen. Der Alte ist rührend liebevoll zu den dreien, verfolgt aber nach aussen ein alttestamentarisches Verständnis von Rache, das selbst vor gröbster Misshandlung nicht zurückschreckt.

Wem das alles zu viel und zu ernst ist, hat eine wunderbare Alternative: «Die Besteigung des Rum Doodle» von William E. Bowman. Der Roman, 1956 erschienen, erst jetzt übersetzt, ist Kult unter Bergsteigern. Glavinic erwähnt die Kneipe in Kathmandu, die danach benannt wurde. Bowman schildert eine Gruppe «very british gentlemen», die einen Berg besteigen wollen. Aber der Navigator kann nicht navigieren, der Bergführer nicht bergführen, der Arzt ist immer krank. Am Ende stehen sie auf dem falschen Gipfel. Edmund Hilary würde sagen: Aber sie haben sich selbst bezwungen.