Hitze macht hellwach

Belles Lettres

Hansruedi Kugler
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In die schläfrige Trägheit sommerlicher Hitze an südlichen Stränden tauche ich gerne mit Cesare Paveses schmalem Roman «Am Strand» ein. Den Melancholiker unter den italienischen Autoren des 20. Jahrhunderts stachelt die drückende Hitze zu höchster Aufmerksamkeit, zu faszinierender psychologischer Einfühlung. Hierzulande am bekanntesten ist sein radikales Tagebuch «Das Handwerk des Lebens», ein meisterliches Selbstporträt eines Künstlers, der am Leben und an den Frauen scheitert. Pavese nahm sich 1950 mit 41 Jahren das Leben – schon damals ein angesehener Autor. Im Roman «Am Strand» umkreisen vier Männer die lausbübisch-reizende Clelia, Gattin des besten Freundes des Erzählers. Dieser wird zum Berater: Alle sehnen sich nach dem «unverfälschten Geschmack des Lebens». Pavese rhythmisiert in Gesprächen und heimlichen Treffen, beim Tanzen, Schwimmen und Rauchen die Frage, wie man richtig leben soll: Hingabe oder Selbstbewahrung? Verantwortung, Tatkraft, Aussenseitertum? Paveses Melancholie setzt den Leser nicht schachmatt, sondern entlässt ihn in hellwache Menschenfreundlichkeit. Was für eine Leistung für einen tragischen Autor!

Hansruedi Kugler

Cesare Pavese: Am Strand. Claasen-Verlag.