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HITPARADE: Jodler als Popstars

Ob Heimweh, Wiesenberg oder der urchige Gölä. Popmusik mit Jodlerchörli dominiert die Schweizer Charts. Ein neues Genre, ein cleveres Geschäftsmodell, aber musikalisch und inhaltlich ein Rückschritt.
Stefan Künzli
Die erfolgreiche Gruppe Heimweh: Ein Männerchor im Trachtenlook, kein Jodlerchor. (Bild: PD)

Die erfolgreiche Gruppe Heimweh: Ein Männerchor im Trachtenlook, kein Jodlerchor. (Bild: PD)

Stefan Künzli

Noch vor wenigen Jahren wären Jodlerchörli in der Schweizer Hitparade undenkbar gewesen. Zu verstaubt, zu volkstümlich, zu altmodisch. Doch seit einigen Wochen besetzen gleich drei Alben mit urchigem Schweizer Gesang die vordersten Plätze. Mehr noch: Heimweh mit «Blueme», Gölä mit «Urchig» und der Jodlerklub Wiesenberg mit «Land ob de Wolke» sind die erfolgreichsten Schweizer Produktionen. Alle drei haben Platinstatus für 20000 verkaufte Einheiten erreicht. Etwas, das heute nur noch ganz wenige erreichen. «Blueme» sogar schon eine Woche nach der Veröffentlichung. Gleichzeitig ist das erste Album, «Heimweh» von 2016, sogar mit Doppel-Platin ausgezeichnet worden. Seit über einem Jahr ist es ununterbrochen in den Top 40 der Schweizer Albumcharts platziert. Man kann von einem neuen musikalischen Genre sprechen. Nennen wir es «Jodelchörli-Pop». Das Rezept: Man nehme einen Männerchor und lasse ihn einen Popsong singen. Garniere ihn mit volkstümlichen Elementen wie Jodel oder Instrumenten wie Akkordeon. Fertig! Noch einfacher geht’s mit alten Hits. Auf dem neuen Album von Heimweh sind es «Blueme» von Polo Hofer sowie das populäre Volkslied «Stets i truure». Dazu kommen englische Hits. «Sweet Child o’ Mine» von Guns N’ Roses wird zu «Als wärs geschter gsi».

Dieter Ringli, Professor für Volksmusik und Musikgeschichte an der Hochschule Luzern, freut sich über den Aufschwung und die neue Popularität der Schweizer Volksmusik. Sie bewegt sich, verändert sich und nimmt neue, genrefremde Elemente auf. Schweizer Volksmusik lebt. Noch in den 1990er-Jahren war der Aufschrei in der Volksmusikszene gross, als Christine Lauterburg ihren Jodel mit technoiden Klängen mischte. «Heute beklagt niemand mehr den Verrat an der ‹ächten› Volksmusik. Das ist vorbei», sagt Ringli. Die Szene ist kein Klub von Hinterwäldlern mehr.

Eigentlich freut sich Ringli auch über den Hype um den Jo­delchörli-Pop. Die Jodlerchöre werden wieder zur Kenntnis genommen. Ihr Stellenwert ist gestiegen, und indirekt profitieren auch die traditionellen Jodlerclubs von der Hitparade-Sensation. Und doch kann sich Ringli mit dem neuen Genre des Jodelchor-Pop nicht anfreunden.

Die Pioniere vom Wiesenberg

Angefangen hat alles vor rund zehn Jahren in Nidwalden. Der Jodlerklub Wiesenberg wollte seinen Präsidenten zu seiner ­Heirat mit der Jodelversion von «Ewigi Liebi» der Band Mash überraschen. Prompt wurde aus der spontanen Idee ein nationaler Hit: «Ewigi Liäbi» hat das Genre mit Jodelchor und Popsong begründet. «Das war noch erfrischend und überraschend», sagt Ringli. Der unerwartete Erfolg hat aber sofort die Musikindustrie auf den Plan gerufen. Gemäss Ringli war schon «Das Feyr vo dr Sehnsucht», die Kooperation der Wiesenberger mit Sängerin Francine Jordi, ein musikindustrieller Reflex, der die Amateurjodler überfordert und den Jodlerklub fast zerrissen hat.

In der Beurteilung der Gruppe Heimweh ist der Volksmusikexperte hin- und hergerissen. Dem Initiator, Georg Schlunegger von Hitmill, bescheinigt er eine clevere Strategie, die auf kommerziellen Erfolg getrimmt ist. Die Aushängeschilder Beny Betschart und Frowin Neff stehen für Authentizität und das vermeintlich «Ächte». Der Appenzeller Neff ist ein bekannter Appenzeller Akkordeonist, und Betschart ist gemäss Ringli der wohl beste Muotathaler Jodler. Die anderen Sänger haben aber wenig mit Volksmusik zu tun. Dafür treten sie in Trachten auf und werden nur mit Vornamen vorgestellt.

In der Geschäftsstrategie spielt das Zielpublikum die zen­trale Rolle. «Heimweh ist ein Nostalgie- und Retro-Produkt, das mit den Sounds und Hits der 80er-Jahre Leute anspricht, die damals jung waren», sagt Ringli. Eine Rückbesinnung auf traditionelle, einfache Formen und den klassischen Popsong. Ins Konzept passt auch der Titelsong «Blueme». Wenig originell, denn der Song wurde zuvor schon vom Jodlerklub Wiesenberg und anderen gecovert. Der Hitmill-Produzent nutzt geschickt den Zeitgeist, der schon dem Sänger Trauffer zu Höhenflügen verhalf. Der Erfolg von Heimweh deckt sich mit der neu entdeckten Schwingfest-­Begeisterung und Swissness-­Euphorie. In Texten von Liedern wie «Dazumal», «Als wärs geschter gsi», «Drhäime» und «Hie chumi här» werden konservative Werte in einer heilen Welt ze­lebriert, die mit Vorliebe in die Vergangenheit weisen. Insofern markiert der Jodelchörli-Pop eine Re-Ideologisierung. Er kann als eine Fortsetzung des volkstümlichen Schlagers gesehen werden, der an Bedeutung verloren hat.

Zur besten Schweizer Band gekürt

«Das Geschäftsmodell funktioniert. Hitmill hat alles richtig gemacht. Der Erfolg gibt Schlunegger recht», sagt Dieter Ringli. Bei den Swiss Music Awards in diesem Jahr wurde Heimweh denn auch gleich zweimal ausgezeichnet und zur «besten Schweizer Band» gekürt. Mit der Qualität von Heimweh hat Ringli mehr Mühe. «Die Musik ist ultrabillig gemacht. Ein einfach gestricktes Industrieprodukt.» Im Gegensatz zu den Wiesenbergern und ihrer Mischung aus Jodelliedern und Naturjodel sei Heimweh kein Jodlerchor, sondern ein Männerchor. «Der Jodel ist nur exotisches Beigemüse», sagt Ringli und bezweifelt, dass der Trend nachhaltig ist.

Und was ist mit Gölä und seinem Album «Urchig»? «Klanglich ist Gölä näher bei der Volksmusik, bleibt aber auch sehr langweilig», sagt Ringli. Der Berner habe es «nie mehr wirklich geschafft, an die grossen Erfolge aus seiner Anfangszeit anzuknüpfen». «Gölä hat früher eine originelle Frische ausgezeichnet, heute ist er nur noch peinlich», sagt Ringli.

Der Ursprung des Jodels

Der Schweizer Jodel geht auf den Rufgesang der Hirten zurück. Sie entwickelten Techniken, um weite Distanzen zu überbrücken. Ähnliches gibt es in allen gebirgigen Regionen der Welt. In den Alpen wurde von Alp zu Alp kommuniziert oder mit Juchzern das Vieh angelockt. Es ist Singen ohne Text auf Lautsilben. Dabei kommt es zum Registerwechsel: Das heisst, der Sänger wechselt häufig und schnell zwischen Brust- und Kopfstimme. Kennzeichnende Merkmale des Jodelns sind grosse Intervallsprünge und grosser Tonumfang. Der Naturjutz oder Naturjodel ist die Urform des Schweizer Jodels. Der Jodelgesang ohne Worte wurde von den Bergbauern in der Innerschweiz, im Appenzellerland, Toggenburg und im Berner Oberland begründet. Der Naturjodel war also stark regional geprägt. Anfang 20. Jahrhundert verdrängte das beliebte Jodellied den Naturjutz. Erst mit der Gründung des Eidg. Jodlerverbandes 1910 wurde es als identitätsstiftender Schweizer Gesang gefördert. Das Jodellied ist zweiteilig. Im ersten Teil wird die Schweizer Heimat thematisiert, glorifiziert und idealisiert. Im zweiten Teil wird nach streng reglementierten Regeln gejodelt. (sk)

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