Interview

Historiker Valentin Groebner: «Der Löwe ist im sicheren Abseits»

Was erzählt uns eigentlich das Löwendenkmal, das wie seine Erbauerin – die Luzerner Kunstgesellschaft – 200-jährig wird? Der Historiker Valentin Groebner im Interview über «Denkmal-Manie», Tourismus und brave Kunst. Ab Juni geht das Kunstprojekt «L21» weiter.

Céline Graf
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Blumen statt Blut für die Touristen: Das 1821 eingeweihte Löwendenkmal wurde bald zur Attraktion. (Bild: Postkarte der Gebrüder Metz, ca. 1896, ZHB Luzern Sondersammlung)

Blumen statt Blut für die Touristen: Das 1821 eingeweihte Löwendenkmal wurde bald zur Attraktion. (Bild: Postkarte der Gebrüder Metz, ca. 1896, ZHB Luzern Sondersammlung)

In der beliebten Serie«Game of Thrones» sagt ein schlauer Königsberater: Was die Menschen vereine, seien weder Armeen noch Geld noch Flaggen, sondern Geschichten. «Es gibt nichts Mächtigeres in der Welt als eine gute Geschichte.» Einverstanden?

Valentin Groebner: Ja, ich würde hinzufügen, es gibt nichts Mächtigeres als eine gut erfundene Geschichte. Denn Vergangenheit besteht nicht aus einer Geschichte, sondern aus vielen, meistens widersprüchlichen Geschichten. Die eine gut erfundene Geschichte ist deshalb so mächtig, weil sie vieles der wirklichen, unübersichtlichen Vergangenheit weglässt.

Ist das Luzerner Löwendenkmal ein gutes Beispiel dafür?

Ja. Es zeigt, wie ein sentimentales Bild – das sterbende Tier – ein Stück weit die wirkliche, unübersichtliche Vergangenheit zum Verschwinden bringt. Heute sehen wir im Löwendenkmal vor allem die Geschichte von Luzern als Tourismusort.

Der Wiener Valentin Groebner ist  an der Universität Luzern Geschichtsprofessor für Mittelalter und Renaissance. In seinem neuesten Buch «Retroland» (2018) erforscht er den Geschichtstourismus und die «Sehnsucht nach dem Authentischen». (Bild: Franca Pedrazzetti)

Der Wiener Valentin Groebner ist an der Universität Luzern Geschichtsprofessor für Mittelalter und Renaissance. In seinem neuesten Buch «Retroland» (2018) erforscht er den Geschichtstourismus und die «Sehnsucht nach dem Authentischen». (Bild: Franca Pedrazzetti)

Was bleibt verborgen?

Wir sehen keine verstümmelten und toten Soldaten der Schweizergarde, die beim Sturm der Revolutionäre auf die Tuilerien 1792 den französischen König verteidigten. Wir sehen auch nicht die vielen – vermutlich mehrere hunderttausend – Innerschweizer Söldner, die seit dem 15. Jahrhundert in fremde Dienste gingen. Und die selbst kaum davon profitierten – im Gegensatz zum Innerschweizer Patriziat, das sie an kaufkräftige ausländische Mächte verkaufte. Die Namen der einfachen Schweizergardisten fehlen am Denkmal, es nennt nur die der Offiziere. Das Soldpatriziat erinnert damit an sich selbst und sagt: Wir sind, wir waren ein sterbender Löwe. Das ist sentimentale Vergangenheits-Inszenierung, die an Zynismus fast nicht zu überbieten ist.

Der 1821 eingeweihte Löwe galt zwar als meisterliche Kunst. Doch seine aristokratische Ausstrahlung provozierte viel Kritik und sogar Angriffe von «jungen Radikalen mit Hammer und Meissel». Er spaltete.

Wir können uns die Härte der Konflikte zwischen Konservativen und Liberalen in der Innerschweiz fast nicht mehr vorstellen. Kommt hinzu: In der Zeit des Löwen beginnt ein neuer Umgang mit Vergangenheit. Es ist eines der ersten Denkmäler in Europa, das keinen toten Fürsten, Bischof oder Feldherren darstellt, sondern ein Ereignis.

«Wir können uns die Härte der Konflikte fast nicht mehr vorstellen.»

Ein politisches Ereignis?

Ein politisches oder im Fall des Löwen ein militärisches. Generell beginnt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine «Denkmal-Manie», weil es ein Bedürfnis gibt, die Vergangenheit in der Gegenwart zu behalten.

Und weil sich im 19. Jahrhundert in Europa viele Staaten gründen, auch die Schweiz.

Richtig. Die Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts waren so jung, dass sie möglichst viel Vergangenheit brauchten. Und die stellten sie sich selber hin, im ganz wörtlichen Sinn. Der Löwe taugte aber eben nicht zum Nationaldenkmal. Es war ja auch gedacht als Wahrzeichen der katholischen königstreuen Kämpfer gegen die Französische Revolution. Und wurde in den folgenden 50 Jahren unfreiwillig zum Wahrzeichen der Tourismusmetropole Luzern.

Oder doch nicht ganz unfreiwillig? Sein Gründer Karl Pfyffer von Altishofen, der erste Präsident der Kunstgesellschaft Luzern, führte einen Laden mit folkloristischer Kunst und Löwen-­Abbildungen. Er war eine Art früher Souvenirhändler.

Aber nur für noble Kundschaft. 1821 gab es schon seit gut zwei Generationen die Tradition der Schweizreisen von Gebildeten, die auf dem Weg in die Alpen auch in Luzern Halt machten. Schön fanden sie die Stadt nicht. «Klein und hässlich» sei sie, schrieb Schopenhauer. Den Tourismus als massenhafte «Fremdenindustrie» gab es noch nicht. Karl Pfyffer war sicher ein kluger Mann, aber die grossen Umbrüche in Luzern durch Eisenbahn und Dampfschifffahrt sah er sicher nicht voraus.

In Ihrem Buch «Retroland» schildern Sie, wie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch eine Begeisterung für mittelalterliche Gebäude aufkam. Die Kapellbrücke galt zunehmend nicht mehr als «garstig», sondern sehenswert. Warum ausgerechnet das Mittelalter?

Weil das weit genug weg war und man es nach den Bedürfnissen der neuen Nationalstaaten neu formatierte. Es ging darum, die Zerstörungen der Revolution rückgängig zu machen, zu reparieren. Der Löwe war 1821 ja auch nicht traditionelle, sondern topmoderne Kunst. Das macht mich schon nachdenklich: Wie viele zeitgenössische Kunstwerke haben wir heute, zu denen die Touristen in Massen pilgern? Meistens besuchen wir doch Monumente von früher. Davon handelt «Retroland»: Warum der Wunsch nach dem Alten, ist nur alte Kunst schön? Pfyffer und seine Zeitgenossen sahen das anders. Aber in unsicheren Zeiten blickt man lieber auf die scheinbar schönere Vergangenheit.

Die Welt war entsetzt, als am 15. April die Notre-Dame von Paris brannte. Eine Bestätigung für Ihre These?

Ich möchte nicht hartherzig erscheinen, aber was in der Notre-Dame verbrannt ist, stammte nicht aus dem Mittelalter, sondern war deutlich jünger als das Löwendenkmal. Die vielfach umgebaute und teilweise zerstörte mittelalterliche Kathedrale hat ihre heutige Form erst Mitte des 19. Jahrhunderts bekommen – nach der Vorlage eines Erfolgsromans von Victor Hugo, der 1831 erschienen war.

«Beim Brand der Notre-Dame war die Betroffenheit nach 48 Stunden vorbei.»

Dennoch war eine häufige erste Redaktion: Oje, hier brennt Kulturgeschichte.

Sicher, aber wie kann man echte Trauer von blosser medialer Pose unterscheiden, an die man sich mit den eigenen Spenden und Selfies anschliesst? Notre-Dame ist eine der zehn meistbesuchten Sehenswürdigkeiten des Planeten. Und die Betroffenheit war nach 48 Stunden vorbei.

Was ist mit der Symbolik: Krise der Nationalstaaten, Frankreich brennt?

Das Nationalmuseum von Brasilien ist vor einem Dreivierteljahr abgebrannt. Können Sie sich an eine vergleichbare universale Betroffenheit erinnern? Dort ist erheblich mehr kaputt gegangen als in der Notre-Dame. Das sind vertraute, eingespielte Narrative, gute Geschichten über eine Walt-Disney-Kirche aus dem 19. Jahrhundert. In Frankreich ist die brennende Kathedrale ein besonders starkes Symbol wegen der Kathedrale von Reims, die 1916 von deutschen Truppen in Brand geschossen wurde.

Wie symbolträchtig wäre es, wenn der Luzerner Löwe brennen würde?

Wenig, glaube ich: Die grossen Konflikte, für die der Löwe im 19. Jahrhundert stand, haben sich erledigt. Und als wichtigstes Luzerner Wahrzeichen haben ihn Kapellbrücke und Wasserturm abgelöst. In einer endlosen Tourismus-Schleife ist der Löwe als Zeugnis von Luzerns Tourismusgeschichte im sicheren Abseits gelandet. Seien wir ehrlich: Man könnte es ja auch geschmacklos finden, dass ein Denkmal für Tote aus Pflichterfüllung international vermarktet wird. Wir finden das allerdings normal. Eher regen wir uns über die vielen Cars auf dem Löwenplatz auf.

Die Kunst versucht mit ­Aktionen wie dem «L21»-­Projekt, verborgene Seiten des Löwen hervorzuholen.

Das stimmt, bislang bleiben diese aber recht brav. Schockeffekte vertragen sich eben schlecht mit Fremdenverkehr, der will Idylle. Der Luzerner Stadtrat lehnte 2008 ein Kunstprojekt ab, das den Brunnen rot färben wollte als Erinnerung an die gefallenen Schweizer Söldner. «Assozia­tionen zu Blut» seien vor diesem Denkmal von nationaler Be­deutung «nicht angebracht», lautete die Begründung. Mit realer Gewalt darf der Löwe im 21. Jahrhundert nicht mehr in Zusammenhang gebracht werden.

Kunstprojekt «L21» rückt dem Löwen auf den Pelz

(cg.) Das Projekt «L21» der Kunsthalle Luzern rückt dem Löwendenkmal mit «künstlerischen Befragungen» auf den steinernen Pelz. Zum 200-Jahr-Jubiläum finden zwischen 2018 und 2021 verschiedene Aktionen statt. In diesem Jahr steht die aktuelle Wahrnehmung des Löwendenkmals im Mittelpunkt. Im und neben dem Brunnen gibt es zwischen Juni und September Performances, Installationen oder Rundgänge. Im Oktober startet die Kunsthalle-Ausstellung «we are the lion». Heuer los geht es am Samstag, 1. Juni, um 20.21 Uhr mit einer Tauchperformance von Heidi Hostettler.

Ganzes Programm: www.loewendenkmal21.ch