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«Fidelio» in Bregenz: Hinter Gittern im Cyberspace

In der Neuinszenierung am Vorarlberger Landestheater spielt Beethovens Freiheitsoper «Fidelio» in einer Welt umfassender digitaler Kontrolle. Hinter die «namenlose Freude» des glücklichen Ausgangs setzt die Regie viele Fragezeichen.
Bettina Kugler
Im geschlechtsneutralen Look: schöne neue «Fidelio»-Welt in Bregenz (Réka Kristóf, Raphael Sigling, Susanne Bernhard). (Bild: Anja Köhler)
Vom Sockel in die Gruft: Jacquelyn Wagner und Norbert Ernst im St. Galler Jubiläums-«Fidelio» 2018. (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)
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Hinter Gittern im Cyberspace

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Freude, schöner Götterfunken? Die Zeile aus Schillers «Ode an die Freude», als jubelnder Höhepunkt am Ende von Beethovens 9. Sinfonie so bekannt, dass fast jeder sie pfeifen könnte, schwingt mit, wenn Florestan und Leonore sich im Finale der Oper «Fidelio» in den Armen liegen und von «namenloser Freude» singen. Erst recht, wenn im Schlussbild noch die befreiten Häftlinge einstimmen und den Sieg der Gerechtigkeit preisen, in Worten, die man nicht ohne Unbehagen aufnimmt: «Heil sei dem Tag! Heil sei der Stunde ...»

Gefangen in Zahlencodes und Algorithmen

Die Freude jedenfalls steigt ungestüm und in gewaltiger Energie aus dem Orchestergraben auf: So ist das auch in Bregenz beim Symphonieorchester Vorarlberg unter der ebenso zupackenden wie präzis-nuancierten Leitung von Karsten Januschke. Zugleich ist diese Freude jedoch mit Fragezeichen versehen, gesetzt durch die Regie. Mag die sich nach der Pause vorläufig verabschiedet haben, nach einem ambitionierten ersten Aufzug, der Beethovens «Fidelio» in einer Welt umfassender digitaler Kontrolle ansiedelt, so meldet sie sich kurz vor Schluss abrupt zurück: mit einem ziemlich ratlosen Retter in Narrengestalt.

Als eine Art Guru in seidenen Pluderhosen tritt der Befreier Don Fernando (Thomas Stimmel) in Erscheinung und stellt einen denkwürdigen Monolog vor das Finale – hehre Sätze, mit Erstaunen vorgetragen, das schwarze Moleskine-Notizbuch in der Hand. Freiheit? Freude? Gab es sie jemals? Kann es sie geben?

Schöne neue Welt der Gleichheit – mit Hipsterdutt

Verglichen mit Jan Schmidt-Garres Neuinszenierung des «Fidelio» zum Jubiläum des Theaters St. Gallen in der Spielzeit 2017/18 wird in der Bregenzer Produktion unter der Regie von Henry Arnold die Utopie der Oper deutlicher – und auch deutlicher in Zweifel gezogen, weggewischt wie eine unerwünschte Nachricht auf dem Handyscreen. Wer es nach dem grotesken Auftritt Don Fernandos noch nicht begriffen haben sollte, merkt es spätestens, wenn der Chor sich zudringlich um Leonore/Fidelio schart, geradezu übergriffig wird in seinem Loblied auf die Gattentreue.

Doch Bühne und Kostüme von Kathrin Hauer erschaffen zusammen mit den Videoprojektionen von Daniel Dodd-Ellis schon von Beginn an eine kühle, gruselige Umgebung. Einen Raum, der sich historischen Festlegungen entzieht – dafür aber seine Insassen umso gründlicher erfasst und unter Kontrolle hat. Zahlencodes flimmern über die durchscheinenden Gittervorhänge; man trägt geschlechtsneutrale, kittelartige Gewänder über Hosen, dazu die Lieblingsfrisur unserer Tage: Hipsterdutt für alle.

Erst Konzepttheater, dann Opernposen von gestern

Während im ersten Aufzug noch eifrig gescannt, an unsichtbaren Bildschirmen getippt und herumgewischt wird, sind die Sänger später immer mehr auf ihre eigene szenische Intuition angewiesen. Kein Wunder, dass auch hinter den Gittern des Cyberspace zuweilen gestikuliert wird wie in alten Opernzeiten, lange vor dem Regie- und Konzepttheater. Am liebsten nah an der Rampe – was auch akustisch günstiger ist als eine Etage weiter oben. Dort hat Adam Kim als Don Pizarro seinen ersten Auftritt: eiskalt rachsüchtig. Hinabgestiegen, kann er die Farbpalette der Verderbtheit dann deutlich besser zeigen.

Darstellerisch agiert er pla­kativ wie ein Manga-Schurke. Reste menschlicher Regungen erlauben sich Marzelline (Réka Kristóf) und Joaquino (Thomas Elwin), ein sehr vitaler Rocco (Raphael Sigling), vor allem aber Susanne Bernhard. Als Leonore/Fidelio wird sie nach anfänglich getrübter Intonation immer stärker – und das nicht nur durch Lautstärke, wie Florestan (Wolfram Igor Derntl). Für einen Halbtoten in Isolationshaft wirkt er proper und singt auch so. Die Ketten dieses Kerkers, erinnert man sich aus dem ersten Aufzug, sind ja längst nur mehr Algorithmen.

Nächste Vorstellungen: heute So, 16 Uhr, 5./7./9.2., 19.30 Uhr, Kornmarkttheater Bregenz.

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