Hinter den Erinnerungen

LESBAR SCHWEIZ

Irene Widmer, sda/Bettina Kugler
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Johansen-Klavier-US-4.indd (Bild: Irene Widmer, sda/Bettina Kugler)

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LESBAR SCHWEIZ

«Ich lerne Klavier spielen», notiert die Erzählerin am 22. September in ihr Tagebuch. Sie weiss nicht, worauf sie sich einlässt, doch: «Es gefällt mir, das nicht zu wissen.» Tag für Tag absolviert sie ihre Übungen. Schon damals in Bremen stand bei den Grosseltern ein Klavier. Siebzig Jahre ist das her, ein ungeliebter Onkel spielte darauf. Ahnte das Mädchen, dass er Hauptsturmführer bei der Reiter-SS war? Das Kind wohnte mit der Mutter in der Nähe der Borgward-Werke, die von den Alliierten bombardiert wurden. Der Vater blieb unsichtbar. So waren Mutter und Tochter einander nah, ohne dass das Kind Genaues wissen wollte. Es lebte in den Tag hinein, mehr unbeschwert als bedrückt. Die toten Zeugen können nicht mehr befragt werden. Deshalb bleiben Geheimnisse, zum Beispiel über den Vater. Die Schreiberin notiert tastend und behutsam, so, wie sie sich ihrem Klavierspiel hingibt: um Motive kreisend, Tonlagen ausprobierend, im Gleichmass. Entsprechend liest sich auch ihr unaufgeregt berichtendes Tagebuch. Hin und wieder hätte ihm ein Intermezzo gut getan, und sei es nur ein schnell hingetuschtes. Was weiss die Erinnerung noch, was stammt von Recherchen, was vom Hörensagen? Am Ende ist es ein amtliches Dokument, das die Vaterfigur schärfer konturiert. Das Mädchen damals hat vieles nicht wissen können.

Hanna Johansen: Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte, Dörlemann 2014, 320 S., Fr. 33.50

Hinter den Bildern

Edinburgh, Kopenhagen, Boston, St. Moritz – Anna Michaelis, Reporterin um die fünfzig, muss im neuen Roman der deutschen Journalistin und Autorin Angelika Overath weit reisen und immer neu aufbrechen, um vor der überraschenden Erkenntnis wegzulaufen, dass ihr Ehemann Georg sie mit einer jungen Lehrerkollegin betrügt. Zur Ruhe kommt sie auf dieser Flucht jeweils in Gemäldegalerien: vor Bildern mit Rückenansichten von Frauen, die in einem magischen Moment zu sprechen scheinen und die Wahrheit hinter den Bildern ausplaudern. Wahrheiten, die Anna Michaelis mit Erinnerungen an ihre Ehe, an ihre Jahre als Studentin, an die Zeit mit den Kindern erinnern und zu einem neuen Selbstbild führen. Overath beobachtet Anna dabei genau, aber doch distanziert; die Bildbeschreibungen entwickeln eine faszinierende Eigendynamik. Umso überraschender mutet die Kurve an, die der Roman gegen Ende in Skagen nimmt. Das buchstäblich kunstvolle Selbstbewusstsein wird dabei breit mit dem Kitschpinsel übermalt.

Angelika Overath: Sie dreht sich um, Luchterhand 2014, 279 S., Fr. 28.50

Bild: Irene Widmer, sda/Bettina Kugler

Bild: Irene Widmer, sda/Bettina Kugler