Kultur
Hinter dem Film übers Schweizer Frauenstimmrecht steckt ein Skandal-Baby

Petra Volpe begeistert mit ihrem Film «Die göttliche Ordnung» über die Einführung des Frauenstimmrechtsin der Schweiz 1971. Dabei waren ihre Voraussetzungen als Gastarbeiter-Kind alles andere als vielversprechend

Simone Meier
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Die erfolgreichste Frau der Schweizer Filmbranche: Regisseurin und Autorin Petra Volpe. Nadja Klier

Die erfolgreichste Frau der Schweizer Filmbranche: Regisseurin und Autorin Petra Volpe. Nadja Klier

Am Anfang von Petra Volpes Leben steht ein Skandal. Ein Provinzskandal im aargauischen Suhr. Jenem Dorf, dessen solides Herzstück seit 1939 der Möbel Pfister ist. Der Skandal: Die Tochter von Bäcker Schmid, dessen Bauernbrot weitherum berühmt ist, verliebt sich Ende der 60er-Jahre in einen italienischen Gastarbeiter. Da ist die Tochter 17. Das ist schon schlimm genug.

Mit 19 wird sie auch noch schwanger. Der Bäcker will dem Italiener heftigst die Kappe waschen. Doch der besucht die künftigen Grosseltern strahlend und mit einem riesigen Blumenstrauss. Der Bäcker ist entwaffnet. Das Kind, das 1970 zur Welt kommt, ist Petra Volpe. «Ein kleines, dickes Italiener-Kind mit Brille», sagt sie über sich, hineingeboren in eine Welt der «kleinen Erwartungen», in der Kultur keine Rolle spielt.

Heute ist sie die erfolgreichste Frau, wahrscheinlich sogar der erfolgreichste Mensch der Schweizer Filmbranche. Ihr Drehbuch zu «Heidi» sorgte dafür, dass bis jetzt 3,5 Millionen ins Kino gingen. «Die göttliche Ordnung», ihr Film über die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz, wird unweigerlich ein Erfolg. Niemand hat das von ihr erwartet, sie hat sich jedes Elementarteilchen ihres Erfolgs selbst ergattert. Weil sie musste: «Schreiben und Filmemachen ist für mich die Rettung, sonst würde ich implodieren.»

Alles Neue ist «Güggelimist»

Als die Schweizer Männer am 7. Februar 1971 Ja sagen zum Frauenstimmrecht auf nationaler Ebene, da interessiert sich Petra Volpes Mutter nicht ganz so dringend dafür. Da ist ihre Tochter noch ein ganz frisches «Bébé». Der Grossvater, Bäcker Schmid, findet eh alles «Güggelmist», was neu ist. Nein stimmen «kommt billiger», ist seine Devise.

Ihr Vater will sich integrieren, ist in allen möglichen Vereinen, im Kochklub, im Fussballklub. Im Kochklub ist er noch heute, ausser ihm gibt es dort keinen andern Ausländer, er ist der akzeptierte Italiener, aber immer der Italiener. Von ihm werden italienische Rezepte erwartet. Seit Jahren arbeitet Petra Volpe an einem Dokumentarfilm über das Leben ihres Vaters.

Die Suche nach dem Fremden und die Abgrenzung davon seien typisch schweizerisch, sagt Petra Volpe: «Als ich für ‹Heidi› recherchierte, merkte ich: Es muss gar kein Ausländer sein, die Bewohner eines andern Tales reichen auch schon. Meine Grossmutter kam aus dem Berner Oberland und heiratete nach Suhr, das war die gleiche Katastrophe wie meine Mutter und der Italiener.»

Die Frauenemanzipation streckt ihre glitzernden Fühler bis nach Suhr. Eine gute Freundin von Petra Volpes Mutter lebt als alleinerziehende Frau in Basel, und ihre urbane Unabhängigkeit scheint Volpe unfassbar glamourös. Und eines Tages, sie ist zehn oder elf Jahre alt, besucht sie an einem Mittwochnachmittag eine Freundin: «Ihre Mutter nahm ein Schaumbad – an einem Nachmittag! – rauchte und sagte, sie sei jetzt auch emanzipiert. Ihre Mutter, die sonst immer nur wusch, putzte und kochte, lag in der Badewanne! Das war für mich das ultimative Bild von Freiheit.»

Schulstoff? Fehlanzeige

Die Idee, den ersten Spielfilm überhaupt über die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz zu drehen, kam von Petra Volpes Produzent Reto Schaerli. «Ich nervte mich schrecklich, dass mir die Idee noch nie gekommen war, denn ich wusste sofort: Klar! Ja!» Schliesslich war sie einer der wichtigsten Momente in der Schweizer Politik des 20. Jahrhunderts.

Trotzdem wurde er jahrzehntelang runtergespielt. «Oder habt ihr in der Schule im Geschichtsunterricht über die Einführung des Frauenstimmrechts gesprochen?» Nein. Das war schliesslich nicht Schweizer Geschichte, das war bloss Frauengeschichte. «Es ist doch wie im Film ‹Hidden Figures›, drei Frauen sorgten massgeblich dafür, dass die Amerikaner auf dem Mond landen konnten, und niemand kennt sie. Die Geschichte der Frauen ist immer noch nicht im allgemeinen Kanon.»

1970 versuchte die Schweizer Politik der Bevölkerung klarzumachen, dass es nicht geht ohne Frauenstimmrecht, dass es international beschämend ist für die Schweiz. «Doch als es eingeführt war, hiess es: Und jetzt machen wir einfach weiter wie vorher. Die Männer bestimmten, die Frauen ordneten sich unter, zogen sich zurück, weil die Frauen das eh so verinnerlicht hatten.»

Petra Volpe will, dass das Verinnerlichte nach aussen tritt: «Wir alle, wir Filmemacherinnen, Journalistinnen, Literatinnen müssen feiern, müssen uns empören und einen emotionalen Bezug zu unserer Geschichte und unseren Geschichten herstellen.» Genau. Nicht nur zu «Sissi». Auch Petra Volpe liebt nämlich die verkitschte Welt der «Sissi»-Filme.

«Mädchen brauchen Vorbilder»

«Gerade las ich einen Artikel über den verinnerlichten Sexismus der Frauen. Dort stand, dass Mädchen und Buben im Alter von 7 Jahren denken, dass es für alle möglich sei, Präsident oder Präsidentin zu werden. Alle trauen allen alles zu. Mit 15 sagen die meisten Mädchen, dass es für sie unmöglich sei, Präsidentin zu werden. Da passiert eine sonderbare Verschiebung in der Sozialisierung. Und da hat doch gerade auch die Schule einen riesigen Bildungsauftrag. Mädchen brauchen Vorbilder.» Und die finden sie nicht in «Germany’s Next Topmodel».

Wieso sagten und sagen eigentlich so viele Frauen: «Ich bin keine Feministin»? Petra Volpe hat eine Vermutung. Sie hat auch mit Sex zu tun. Weil das Spiel mit Macht und Unterwerfung im Bett durchaus sehr lustvoll sein kann, während es im Alltag nichts zu suchen hat. Und weil Frauen fürchten, dass ihre alltägliche und ihre sexuelle Rolle und ihre Vorlieben nicht mehr vereinbar seien, wenn sie sich Feministin nennen. «Dabei sind Alltag und Sex ganz unterschiedliche Spielfelder.» Nehmen deshalb Millionen von Frauen «Fifty Shades of Grey» als so befreiende Fantasie wahr? Sicher.

Die Sache mit der Tatsache, dass frau im Sex Erfüllung finden kann, ist 1971 ein Politikum. Petra Volpes Protagonistin Nora in «Die göttliche Ordnung» jedenfalls lernt erst in der Zürcher Frauenszene, was ein Orgasmus ist. Nach einem entsprechenden Workshop bei einer schwedischen Sexpertin wagt sie endlich, von ihrem Mann einen Orgasmus einzufordern. Petra Volpe kennt die Tabuisierung der weiblichen Sexualität noch aus ihrer eigenen Jugend: «Ich bin so aufgewachsen, dass es hiess: Wenn du bei einer Penetration keinen Orgasmus hast, dann stimmt was nicht mit dir.»

Dank Trump «leider aktuell»

Petra Volpe ist heute mit einem Amerikaner verheiratet. Und der versucht gerade, seinen beiden zehnjährigen Zwillingstöchtern klarzumachen, wieso es nötig ist, dass Frauen gegen Trump protestieren. Die Wahl von Trump hat auch «Die göttliche Ordnung» schmerzhaft aktuell gemacht: «Leider. Mir wär’s lieber, der Film wäre ein historischer Film, der mit Schmunzeln auf ein Stück Schweizer Geschichte zurückschaut, und wir können uns alle sagen: Ha, heute ist alles besser! Aber jetzt sehe ich die ganzen Protestmärsche gegen Trump, und auf den Plakaten stehen die gleichen Slogans wie 1970, wie 1920, wie ganz zu Beginn der Frauenbewegung.»

Marschieren wir also. Ins Kino, zu Nora, Theresa, Vroni und wie sie alle heissen in «Die göttliche Ordnung». Marschieren wir gegen den Zerfall von Demokratien. Für uns. Für unsere Mütter und Grossmütter, die erst 1971 endlich das Frauenstimmrecht erzwungen haben. Geschichte ist eine Bitch. Aber manchmal sind wir Bitches stärker als sie.

Die göttliche Ordnung (CH 2017)
97 Min. Regie: Petra Volpe. Ab morgen Donnerstag im Kino.