Hinein in den Schlaf, zurück ins Leben

Zweimal führt der Oratorienchor St. Gallen am Wochenende Chorwerke abseits des Gängigen auf. Das 154. Palmsonntagskonzert des traditionsreichen Chors macht mit Louis Spohr und dem Spätwerk Robert Schumanns bekannt.

Martin Preisser
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Uwe Münch probt fürs Palmsonntagskonzert. Er möchte in Zukunft vermehrt junge Menschen für das Singen in einem Chor begeistern. (Bild: Hanspeter Schiess)

Uwe Münch probt fürs Palmsonntagskonzert. Er möchte in Zukunft vermehrt junge Menschen für das Singen in einem Chor begeistern. (Bild: Hanspeter Schiess)

1854 hat der St. Galler Oratorienchor in seinem ersten Palmsonntagskonzert Louis Spohrs «Die letzten Dinge» aufgeführt, knapp dreissig Jahre nach der Entstehung dieser unbekannten, aber wertvollen geistlichen Musik. Ein grosses Kreuz mit Hunderten von Kerzen sei bei der Uraufführung des Werks in Kassel aufgestellt gewesen, erzählt Uwe Münch, seit anderthalb Jahren Dirigent des Oratorienchors.

Als Student hat Münch in Köln einmal einen Blick auf das Autograph dieses oratorischem Werks werfen können und war von dem Stück sofort angetan. «Spohr hat hier ähnlich wie Brahms in seinem <Deutschen Requiem> Texte eines Dichters, aus der Offenbarung und aus dem Alten Testament zu etwas ganz Persönlichem kompiliert. In Spohrs <Letzten Dingen> begegnet uns ein Komponist, der mit ganzer Seele und kraftvoller Innigkeit schreibt.»

Sehr inspiriert

Louis Spohr ist stilistisch ein Mittler zwischen der Musik Mozarts und der Mendelssohns. Seine Harmonik ist schon eindeutig romantisch. «Die letzten Dinge» ist ein geistliches Werk, das im Volk plaziert ist, ähnlich wie das Brahms-Requiem. Uwe Münch macht Appetit auf diese oratorische Rarität: «Spohr beschenkt uns mit einem wunderbar weichen und duftigen Klang, alles wirkt sehr inspiriert und ist schön instrumentiert.»

Das Palmsonntagskonzert, das am Wochenende zusammen mit dem Sinfonieorchester St. Gallen und einem Solistenquartett (Tanja Schun, Terhi Kaarina Lampi, Andreas Wagner und Alexis Wagner) in St. Laurenzen gleich zweimal über die Bühne geht, ist das erste von Uwe Münch selbstkonzipierte Programm. Und neben Louis Spohr hat er zwei weitere rare Kleinodien ausgewählt, die mit dem Spätwerk Robert Schumanns bekanntmachen wollen.

Mit Chormusik in die Schulen

Schumanns «Nachtlied» ist eine völlig unbekannte Komposition. Uwe Münch schwärmt davon. «Ein wenig ist es ja so, dass man Schumanns Spätwerk irgendwie nicht so richtig ernst nimmt. Man bringt es oft zu Unrecht und zu direkt mit seinem psychischen Verfall in Verbindung.» Mit dem «Nachtlied», in dem Schumann den Weg in den Schlaf nachzeichnet, könne man indes gerade das Besondere an Schumanns Spätwerk entdecken, findet Münch. «Schumann schreibt da fast holzschnittartig und mit einer Art kraftvollen Beschränkung der Mittel.»

Beschreibe das «Nachtlied» nach einem Text von Friedrich Hebbel das Leben im Schlaf, sei Schumanns «Requiem für Mignon» ein Stück, das aus jenseitigen Gedanken oratorischer Musik immer wieder auch eine Brücke zurück ins Leben baue.

Dirigent Uwe Münch, der in der Nähe des nördlichen Bodenseeufers lebt, ist als Musiker nach anderthalb Jahren in St. Gallen «angekommen». Er fühlt sich wohl beim Oratorienchor, den er als «wissbegierig und sehr interessiert» beschreibt.

Noch ist die Altersdurchmischung im Chor befriedigend, aber auch beim Oratorienchor muss man sich um den Nachwuchs kümmern. Die Lücken im Chor klaffen vor allem im Bereich der Zwanzig- bis Vierzigjährigen. In Zukunft wird es pro Jahr zwei Programme geben. Eines davon soll auch jüngere Sängerinnen und Sänger vermehrt zum Mitsingen in einem Chor animieren. So ist zum Bettag 2011 ein Abend mit eingängiger Musik von John Rutter und Karl Jenkins geplant.

Der Oratorienchor St. Gallen geht auch vermehrt in Schulen, wo Chormusik attraktiv präsentiert werden soll, um die junge Generation zum Singen solcher Werke zu begeistern. Für das aktuelle Palmsonntagskonzert besuchen beispielsweise Schülerinnen und Schüler die Generalprobe des Oratorienchors.

Konzerte: Sa, 16.4., 19.30 Uhr, und So, 17.4., 17.30 Uhr, jeweils in St. Laurenzen St. Gallen. Vorverkauf bis 16.4. bei Musik Hug. www.oratorienchorsg.ch