Kunst
Highheels und Tampons im Museum

Mit humorvoll-weiblichem Blick kämpft sich Joana Vasconcelos ins Bilbao Guggenheim.

Manuel Meyer, Bilbao
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Aus Kochtöpfen baut Joana Vasconcelos Stöckelschuhe und nennt sie spitzfindig «Marilyn». LUIS TEJIDO/EPA/Keystone

Aus Kochtöpfen baut Joana Vasconcelos Stöckelschuhe und nennt sie spitzfindig «Marilyn». LUIS TEJIDO/EPA/Keystone

KEYSTONE

Ein monströs-hübsches Fabelwesen nimmt die Besucher im Foyer des Guggenheim-Museums Bilbao in Empfang. «Egeria». Die monumentale, tonnenschwere Skulptur schwebt über ihren Köpfen: 30 Meter hoch, 44 Meter lang und 36 Meter breit nimmt sie über vier Etagen verteilt die überhohe Eingangshalle ein. Die kunterbunten Tentakel sind mit Perlen,Fransen und Quasten dekoriert und schlängeln sich in Ausstellungsräume, Flure und sogar in den gläsernen Fahrstuhlschacht.

«Egeria» ähnelt einer gigantischen Krake. Das Textil-Monster der portugiesischen Künstlerin Joana Vasconcelos soll eine Walküre darstellen, eines jener weiblichen Geisterwesen aus der nordischen Mythologie. Odins Todesengel, die über dem Schlachtfeld schweben, um verstorbene Krieger ins Walhall zu führen. «Meine Walküre ist ein kritischer Blick auf die Rolle des Weiblichen in der Welt und in der Kunst, einer ebenfalls von Männern dominierten Szene», erklärt Vasconcelos.

Mit Wow-Effekt

Die Künstlerin aus Lissabon hat mit «Egeria» mal wieder jenen «Wow»-Effekt produziert, für den sie international bekannt wurde und der ihr nun mit erst 46 Jahren eine Retrospektive im weltberühmten Guggenheim-Museum im spanischen Baskenland beschert.

«Die Interaktion mit dem emblematischen Bau von Frank Gehry ist ihr gelungen. Schauen Sie nur, wie virtuos ihr weibliches Stofffabelwesen ‹Egeria› mit der futuristischen Architektur aus Stahl und Titan harmoniert», meint Kuratorin Petra Joos. Vor dem Museumseingang steht in der Nähe von Jeff Koons berühmten «Puppy»-Hundewelpen aus Ringelblumen Vasconcelos «Pop Galo»-Installation.

Für die Künstlerin ist die Retrospektive vor allem eine Gelegenheit, «zurückzuschauen, um nach vorne schauen zu können». Deshalb nennt sie die Ausstellung auch «I’m Your Mirror». «Es ist ein guter Moment, die Maske abzulegen und zu schauen, wer ich eigentlich bin – als Mensch, als Frau, als Künstlerin», sagt Vasconcelos. Symbolisch gestaltete sie für diese Selbstreflexion eine gigantische Stahl-Maske aus fast 500 barocken und modernen Spiegeln – 3,5 Meter hoch, 6,2 Meter lang, drei Tonnen schwer.

Wer Vasconcelos Werke der vergangenen 20 Jahre sieht, wird überwältigt von einer Kombination aus Humor und einem unkonventionellen Einsatz von Materialien, mit dem die Portugiesin die Gegenwart, Gewohnheiten, Gesellschaftsstrukturen und Geschlechter-Identitäten untersucht. Sie zeigt in ihren Werken eine grosse Sensibilität für Materialien, Symbolik und Farben. So entstanden sind zu Fado-Liedern drehende Herzen aus rotem Plastikbesteck oder Stühle aus ValiumTabletten. Mit ihrer gigantischen «Call Center»-Pistolen-Installation wirft sie einen kritischen Blick auf unsere Technologie-Abhängigkeit.

Monumental und polemisch

Meistens sind ihre Werke monumental. Der Grund: «Der Betrachter kann nicht einfach wie an einem Gemälde vorbeigehen. Um meine Werke komplett zu sehen, muss er drumherum gehen. So zwinge ich ihn, sich Zeit für meine Kunst und mein Anliegen zu nehmen», sagt Vasconcelos. Oftmals ist ihr Anliegen die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft.

Ein schönes Beispiel dafür steht direkt in der Mitte des Saals – die drei Meter hohen Stiletto-Absatzschuhe aus Stahlkochtöpfen. Die Installation «Marilyn» soll den mal selbst gewählten, aber oft auch von der Gesellschaft aufgezwungenen Spagat der modernen Frau symbolisieren – als Mutter, Hausfrau, Verführerin und Karrierefrau. Schräg gegenüber steht eines ihrer vielleicht polemischsten Werke, eine sich ständig aufhängende und köpfende Burka-Installation. In einem anderen Raum dampfen poetisch «Transformer»-Bügeleisen in Lotusblütenform vor sich hin.

In einer Ecke leuchtet der 2005 für die Biennale in Venedig entworfene fünf Meter hohe Kronleuchter «Die Braut». Die 14 000 Lichter entpuppen sich allerdings als schneeweiss leuchtende Tampons. Ein Werk mit doppelter Botschaft: «Tampons gaben uns Frauen die sexuelle Befreiung», erklärt die Künstlerin. «Andererseits verdeutlicht das Werk, wie viele Frauen heute noch Gefangene vergangener Traditionen sind. Viele wollen in Weiss heiraten, dem Symbol der Jungfräulichkeit. Aber welche Braut heiratet heute noch als Jungfrau?», so Vasconcelos.

«Die Braut» – und die Polemik um das Werk – bescherte ihr den internationalen Durchbruch. Sogar im Château de Versailles, wo Joana Vasconcelos 2012 als ersteweibliche Kunstschaffende überhaupt eine Einzelschau gewidmet wurde, weigerte man sich, «Die Braut» auszustellen.

«Joanas Werke sind so unglaublich feminin und feministisch», schwärmt Kuratorin Petra Joos. Dazu ist Joana Vasconcelos eine sehr humorvolle und sehr portugiesische Konzeptkünstlerin. Sie kombiniert das Globale mit dem Lokalen, das Intime mit dem Öffentlichen, Handwerk mit Industriellem. Sie arbeitet bewusst mit regionalen Häkel- und Stricktechniken, integriert portugiesische Fado-Musik und Keramiktraditionen in ihre Werke. So ist auch ihr interaktives Gesellschaftskarussell von Keramik-Skulpturen in Form von Fröschen, Insekten, Stier- und Eselsköpfen umstellt, die mit gehäkelten Netzen überspannt sind. «Ich bin purer, zeitgenössischer Barock», sagt Joana Vasconcelos und passt mit ihrer üppigen, trendigen und doch kritischen Kunst herrlich in dieses futuristische Architektursymbol namens Guggenheim.

Joana Vasconcelos: I’m Your Mirror, Guggenheim, Bilbao, bis 11. November.

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