Interview
«Hier fühle ich mich wohl und kreativ»: Kinsun Chan, Tanzchef am Theater St.Gallen, gibt Einblick in sein Denken und Schaffen

Kinsun Chan leitet seit Sommer 2019 die Tanzkompanie am Theater St.Gallen. Neben klassischem Tanz hat der Schweiz-Kanadier auch bildende Kunst und Grafikdesign studiert. Eine Choreografie der Tanzkunst.

Dieter Langhart
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Offen für Vorschläge von den Tänzern: Tanzchef Kinsun Chan.

Offen für Vorschläge von den Tänzern: Tanzchef Kinsun Chan.

Bild: Urs Bucher

Woher kommt der Name «Kinsun»?

Kinsun Chan: Diesen Namen gibt es eigentlich nicht. Meine Mutter hat ihn aus verschiedenen chinesischen Zeichen und Bedeutungen kreiert. Kinsun bedeutet «neuer Anfang».

Weshalb sind Sie aus den USA in die Schweiz gekommen?

Ich kam zum ersten Mal in die Schweiz, als ich Teil der Kompanie des Ballett Zürich wurde. Ich bin in Vancouver in Kanada geboren und habe in den USA Kunst, Grafikdesign und später Tanz studiert. Meine Mutter hatte mich zum Tanz gebracht. Ich war gern allein, aber sie fand, ich sollte meine soziale Seite stärken, und zwar durch den Tanz. Mein erster Tanzlehrer war ein Kellner aus dem Restaurant meiner Eltern.

«Während der ersten Tanzstunde war ich sehr unsicher, aber bald fand ich es sehr spannend. Ich interessierte mich in erster Linie für Breakdance, ging dann in ein Tanzstudio und entdeckte das Ballett für mich. »

Ich tanzte Ballett ohne weitere Ziele, einfach aus Interesse und Lust. Aber da ich spät damit angefangen hatte, musste ich 150 Prozent leisten. Zu choreografieren begann ich erst, als mir Heinz Spoerli, der damalige Direktor des Ballett Zürich, einen Schubs gab und mir die Möglichkeit bot, ein Stück zu choreografieren.

Sie haben als Solist in Zürich und Basel Erfahrung sammeln können.

Ja. Ich kam aus den USA zum Ballett Zürich unter Heinz Spoerli und später zum Ballett am Theater Basel unter Richard Wherlock. Ich habe viel von beiden Direktoren und Tanzkompanien gelernt.

In Zürich haben Sie auch Kunstausstellungen gemacht – gibt es einen Zusammenhang?

Oh ja. Der Tanz ist eine visuelle Kunst, er ist eine Skulptur in Bewegung. Ich denke intensiv in Bildern, die sich im Raum bewegen. Tanz ist wie die Fortsetzung der alltäglichen Körpersprache.

Bei «Coal, Ashes and Light» hatte Kinsun Chan den Farben Schwarz, Grau und Weiss je andere Musik, einen anderen Raum und eine andere Bewegungssprache zugeordnet.

Bei «Coal, Ashes and Light» hatte Kinsun Chan den Farben Schwarz, Grau und Weiss je andere Musik, einen anderen Raum und eine andere Bewegungssprache zugeordnet.

Bild: Gregory Batardon

In Ihrer Truppe am Theater St.Gallen sind zehn Nationen vertreten.

Als wir im vergangenen Frühjahr zum ersten Mal ein Vortanzen für die Tanzkompanie hatten, bekamen wir 750 Bewerbungen aus der ganzen Welt.

«Tanz kennt keine Grenzen, er ist eine internationale Sprache.»

Selbst wenn Tänzer sich nicht verbal verstehen können, bieten Tanz, Bewegung und Körpersprache eine gemeinsame Grundlage – sie erlauben, sich dennoch zu verständigen und ein gegenseitiges Verständnis zu entwickeln. Ähnlich wie bei Mr.Bean, Marcel Marceau oder Dimitri, die mit ihrer Pantomimensprache Grenzen und Kulturen überschreiten.

Wie führen und motivieren Sie Ihre Tänzer?

Ich bin verantwortlich, aber stets offen für Vorschläge von den Tänzern. Nach meiner Anweisung beginnen die Tänzer, sich frei zu der von mir zugewiesenen Aufgabe zu bewegen. Wir inspirieren einander gegenseitig, und dies schafft etwas Gemeinsames. Manchmal filmen wir die Proben und besprechen sie hernach. Wir probieren intensiv aus, treten dann zurück, nehmen Abstand – und dann muss man die Schritte fast wieder vergessen, damit man dieses Bild aus der Distanz betrachten kann, um es weiter zu entwickeln. Auch mit dem Bühnenbild und den Kostümen spielen wir – da kennt die Kreativität keine Grenzen. Aber ich strebe auch individuelle Ziele an und Ziele für die Tänzer.

«Wir besprechen alles, wie das zum Beispiel eine Fussballmannschaft tut. »

Das Wichtigste ist: «Wir sind noch nicht da, wo wir hin wollen.» Wenn du versuchst, perfekt zu sein, erreichst du keine Perfektion. Der Weg ist wichtiger als das Ziel.

Wie lange dauert eine Tanz­karriere?

Frauen können länger tanzen, da Männer mehr Bewegungen mit grossen Sprüngen und Hebungen machen. Doch was die Bühnenpräsenz und die Ausstrahlung betrifft, ist das Alter egal. Den Tanz kann man nicht wie ein Bild an der Wand aufhängen, er lebt im Moment, er ist ein lebendiges Kunstwerk.

Wie erzählen Sie Geschichten?

Wenn ich eine Geschichte erzählen möchte, versuche ich zuerst die Seele der Situation und der Charaktere zu verstehen und von innen heraus zu arbeiten. Ich transportiere dies dann durch Bilder und Bewegung. Ähnlich wie Kunstwerke oder Architektur, die Atmosphären schaffen, Emotionen transportieren und Geschichten erzählen können.

Leidet der Tanz am älter werdenden Publikum?

Nein, Tanz ist für jedes Alter. Während die Themen unserer Werke für jedes Alter zugänglich sind, ist es interessant zu beobachten, wie der Raum, in dem wir spielen, das Publikum auch beeinflussen kann. Unsere beiden Spielstätten, das Grosse Haus und die Lokremise, sind architektonisch sehr verschieden und schaffen unterschiedliche Atmosphären. Wir beobachteten, dass «Rain», meine erste Produktion hier in St.Gallen, die in der Lokremise gezeigt wurde, viele junge Leute anlockte. Bei der zweiten Produktion «Coal, Ashes and Light» im Grossen Haus begrüssten wir ein sehr gemischtes Publikum.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Kunst wird nicht erschaffen, um die Kritiker zu erfreuen, sie kommt aus der Seele; ihr geht es um Emotionen und Bilder. Kunst ist eine offene Form, in der sich die Zuschauer oder Beobachter frei bewegen und die sie frei interpretieren können.

«Zugleich ist Kritik unglaublich wichtig, denn es ist wunderbar, Rückmeldungen zu den Werken zu bekommen und zu sehen, dass sie etwas in Menschen auslösen.»

Wie alt sind Sie?

(Kinsun Chan winkt lächelnd ab.)

Wie ist Kinsun Chan privat?

Wie der bekannte Schweizer Schriftsteller Robert Walser geniesse ich lange Spaziergänge.

Wo ist Ihre Heimat?

Hier in der Schweiz! Meine Eltern stammten aus Hongkong, dann wanderten sie nach Kanada aus, und da bin ich geboren und in Amerika aufgewachsen. Hier in der Schweiz fühle ich mich wohl und kreativ, ich kann meine Flügel ausbreiten und neue Reisen beginnen. Gemeinsam mit den Tänzern lasse ich sie neue Welten der Kreativität und Kunst entdecken.

Kunst, Grafikdesign und Tanz

Kinsun Chan stammt aus Kanada und studierte Kunst, Grafikdesign und Tanz. Seine Karriere als professioneller Balletttänzer begann er in den USA, dann ging er nach Europa und wurde Solist am Opernhaus Zürich unter Heinz Spoerli, danach bei Richard Wherlock in Basel. Seit 2000 arbeitet er zudem als Choreograf und Ausstatter. Für Beate Vollack, seine Vorgängerin am Theater St.Gallen, kreierte er mehrere Bühnenbilder. Hier hat er zwei Stücke choreografiert: «Rain» (Oktober 2019) und «Coal, Ashes and Light» (Januar 2020). (dl)