Herzschlag der Welt

Urs Widmer erinnert sich in Reise an den Rand des Universums an seine ersten 30 Lebensjahre und das «Zaubergetöse» der Schreibmaschine. Valeria Heintges

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Rattern und Ratschen: Das Geräusch der Schreibmaschine des Vaters prägt Urs Widmer tief. (Bild: gettyimages/Tom Grill)

Rattern und Ratschen: Das Geräusch der Schreibmaschine des Vaters prägt Urs Widmer tief. (Bild: gettyimages/Tom Grill)

Ein Leben kann man nüchtern erzählen. Etwa so: «Urs Widmer, geboren 1938 in Basel, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte in Basel, Montpellier und Paris. Danach arbeitete er als Verlagslektor im Walter Verlag, Olten, und im Suhrkamp Verlag, Frankfurt.» So beschreibt der Diogenes-Verlag die ersten 30 Lebensjahre seines Autors Urs Widmer. Was sich hinter diesen Zeilen verbirgt, welches Leben, welches Glück, welche Lieben, welches Leid, das erzählt Urs Widmer in seiner heute erscheinenden Autobiographie «Reise an den Rand des Universums».

«Kein Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiographie», lautet Widmers erster Satz. Das ist natürlich kokett. Aber eine Autobiographie zu schreiben, ist ein heikles Unterfangen. «Erst träumen wir von der Zukunft, dann leben wir sie, und am Ende, wenn diese gelebte Zukunft vergangen ist, erzählen wir sie uns noch einmal.» Auch diesen Satz schreibt Widmer in seiner einseitigen Einleitung. Und gesteht damit, dass er sein Handwerk, also seine Phantasie, seine Lust am Fabulieren, selbstverständlich auch in diesem Buch beherrscht und benutzt.

Lötschi entdeckt die Sprache

Und wie! Vor allem und besonders zu Beginn. Hochkomisch die Beschreibung «So wurde ich gezeugt». 1937 im Lötschental, wo der Fluss lärmt: «So laut wie die Lonza konnte kein Liebespaar sein.» Wie er – früher Höhepunkt – als Baby die Welt erfährt: Gesichter erscheinen über der Wiege und verschwinden wieder. Dann lernt der kleine Urs, genannt Lötschi (wegen des Tals) gehen und entdeckt die Welt. Schwankend erkundet er das Heim in Basel. Plötzlich hört er es, das «Zaubergetöse», «ein Rattern, ein Ratschen, ein Geklingel», ein «Trommeln». So vertraut seit der Geburt, dass er glaubt, es sei «der Herzschlag der Welt». Es ist der Vater an der Schreibmaschine. Büchernarr, Autorenfreund, Übersetzer wie später der Sohn.

Faszinierend diese «Erinnerung», von der jeder Leser weiss, dass die Phantasie des Schreibenden fehlende Puzzleteile einsetzt, um ein richtiges, ein stimmiges Bild zu erzeugen. Fein in das Bild eingewebt das Spiel mit der Sprache, wenn Worte ihr schweizerdeutsches Geschwisterchen bekommen, in Klammern dahinter gesetzt: «Schribmaschine», «Wohnigsdüüre» oder «Fotöi». Subtil präsentiert sich die Sprache in ersten Fetzen, wird bestaunt, langsam erlernt. Und auch dank Rudolf Graber, Deutschlehrer und Autor, schliesslich meisterlich beherrscht.

Es ist eine Kindheit voller Abenteuer, in Basel, in den Ferien im Lötschental, später im Puschlav. Der Vater: verwachsen mit der Schreibmaschine, voller Witz und Schalk und Spott. Die Mutter, vorsichtig, ernst, solide, sparsam. Ein «Katalog der Gegensätze» zeigt den Grund für ihre Vereinsamung, noch nebeneinander, aber längst kein Miteinander mehr. Der Vater stirbt im Haus der Familie, von ihr unbemerkt.

Eine Betrachtung über das Glück der frühesten Kindheit leitet zugleich dessen Ende ein. Zur äusseren Bedrohung kommt die innere. Der Vater an der Landesgrenze, die Mutter depressiv, im Spital, zum ersten, nicht zum letzten Mal. Auch der Sohn entwickelt Ticks und Macken, die sich später zu Depressionen und Angstzuständen auswachsen. Darüber schreibt Widmer sehr offen.

Phantasiewelten als Flucht

Das Elternhaus bleibt verstörend für den Sohn, der sich Phantasiewelten erschafft. Bubien zum Beispiel, das aus der Bachi-Ulle-Bahn erwächst und im gleichnamigen Roman 1981 «Das enge Land» sein wird.

Widmer teilt sein Leben in Jahrzehnte ein. Und beendet jedes der drei Kapitel mit einer kursiv gedruckten Einschätzung der allgemeinen Lage. Knappe, treffsichere, blitzgescheite Essays, das Heimatland kritisch begleitend, nicht blind verteidigend. Und gekonnte Verweise von der Vergangenheit in die Gegenwart: «Damals war der vielzitierte Begriff der Enge angemessen, nicht heute.»

Widmer flieht aus dem «Leben unter der Käseglocke», zieht zum Studium nach Montpellier, wo er das Leben und die Liebe entdeckt, aber die Uni nur zur Anmeldung betritt. Paris, folgerichtig, auch hier mehr Studium des Lebens als der Akten. Vieles liest sich flüssig, spannend, bereichernd, gibt Einblicke in das Damals. Manches ist auch banal, uninteressant für Aussenstehende, die wir Leser bei privaten Erinnerungen doch sind, wenn die literarische Überhöhung fehlt. Widmer schreibt: «Die Gattung selber, die Autobiographie, scheint mir jede grosse Sprachgeste zu verbieten. Und ich liebe sie doch so, die erhitzte Sprache für den heissen Moment; das Pathos.» Zuweilen spürt man es, dieses Schreiben mit angezogener Handbremse.

1968 die Explosion

1968 folgt der politischen die private Explosion: Widmer schreibt seine erste Erzählung, «Alois», an einem Stück. Jetzt ist er selbst am Herzschlag der Welt. Es ist das Ende. Es ist der Anfang.

Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums, Diogenes 2013, 347 S., Fr. 32.90; Lesung 7.9. Kantonsbibliothek St. Gallen (v. a. Erzählungen), 12.9. Literaturhaus Zürich

Urs Widmer (Bild: Urs Jaudas)

Urs Widmer (Bild: Urs Jaudas)