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Philippe Herreweghe dirigiert Bach in Luzern mit links

Philippe Herreweghe gastiert mit Bachs h-Moll-Messe im KKL. Der Belgier ist seit den 1970er-Jahren ein Pionier der historisch informierten Aufführungspraxis. Was damals eine Revolution war, ist heute längst kommerziell erfolgreich.
Interview: Katharina Thalmann
«Ich habe meinen Stil gefunden», sagt der 72-jährige Philippe Herreweghe. (Bild:PD/Wouter Maeckelberghe)

«Ich habe meinen Stil gefunden», sagt der 72-jährige Philippe Herreweghe. (Bild:PD/Wouter Maeckelberghe)

Sie spielen Bachs h-Moll-Messe achtmal hintereinander in ganz Europa. Ausserdem haben Sie das Werk schon dreimal auf CD eingespielt. Entdecken Sie trotzdem jeden Abend etwas Neues?

Philippe Herrewege: Genau darum spielen wir diese Musik so gerne: Es gibt Tausende von Messen aus dem Barock, und die meisten sind nicht sehr interessant. Aber hier entdecke ich immer neue Aspekte. Zudem gibt es die ewige Suche nach idealen Solisten – und auf dieser Tournee ist das meiner Meinung nach gelungen.

Sie spielen die acht Konzerte in neun Tagen. Was ist das Schwierigste an so einer Tournee?

Jedes Konzert ist ein Trialog zwischen Musik, Ausführenden und Publikum. Die Tourneedichte ist zwar physisch anstrengend, aber die Tourneeorte sind einzigartig und bereichernd. Luzern ist famos, weil wir dort die Akustik anpassen können.

Zumal Sie erst vorletzte Woche noch in Schanghai waren und Schumann dirigiert haben.

Genau. Das Orchester ist gut, aber die Poesie dieser Musik zu erklären, Goethe, Hölderlin, Jean Paul … Das ist nicht ganz einfach. Zudem habe ich mich an der rechten Schulter verletzt – und muss jetzt mit links dirigieren.

Gute Besserung! Hilft es, dass Sie dieses Werk schon seit über einem halben Jahrhundert dirigieren?

Mit 20 fiel mir das schwer, nun könnte ich dazu die Zeitung lesen. An meiner Konzeption von Bach ändert sich nicht mehr viel. Ich habe meinen Stil, meine Grammatik gefunden. Mein Ziel ist, es nur noch besser klingen zu lassen. Obwohl: Die grösste Gefahr ist, zu viel Musik machen zu wollen. Diese Partitur ist zwar sehr musikantisch, aber man sollte vornehmlich das Mysterium des Glaubens thematisieren – das kann ich mit 72 besser als mit 20.

In den 70er-Jahren waren Ihre Ideen neu, jung, revolutionär. Wie hat sich die Musikwelt vor der historisch informierten Aufführungspraxis angehört?

Die damaligen Dirigenten spielten Bach mit einer romantischen oder postromantischen Auffassung. Aber immerhin spielten sie Bach! Ich habe Glück, dass ich die ganze Entwicklung mitgemacht habe, gemeinsam mit Nikolaus Harnancourt und Gustav Leonhardt. Seither habe ich einen eigenen Stil entwickelt: Mein Chor und ich kommen weiterhin vom Singen. Harnancourt kam vom Cello, Leonhardt vom Cembalo.

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, Sie kommen weiterhin vom Singen?

Das ist meine Art der Artikulation und der Phrasierung. Wenn ich an Bachs Musik arbeite, arbeite ich ausschliesslich auf Text. Ich brauche nie Begriffe wie «Forte» oder «Piano», gebe nie Anweisungen wie «In Takt sieben kommt die zweite Note später» und solche Dinge.

Haben Sie das Gefühl, dass das Label der historisch informierten Praxis zu häufig gebraucht wird?

Ursprünglich waren es ja Musikwissenschafter, die sich mit der Musik der Renaissance und des 18. Jahrhunderts auseinandergesetzt haben. Und dann sind sehr starke Musiker dazugekommen wie eben beispielsweise Harnancourt. So wurde diese Praxis kommerziell erfolgreich. Die Leute wünschen sich immer, neue Musik zu entdecken, haben aber eher Mühe mit zeitgenössischer Musik – also fanden sie neue Musik in alter Musik.

Und wie sieht es heute aus?

Inzwischen gibt es – wie auch im regulären Musikgeschäft – stärkere und schwächere Figuren in dieser Szene. Es ist wie bei Komponisten: 0,001 Prozent sind fantastisch, und sehr viele sind … weniger fantastisch. Es gibt auch in der Musik Museen, Antiquitäten und Brockenstuben. Ebenso wie es im Fussball verschiedene Ligen gibt, und alle haben ihre Fans. Das ist immer so gewesen.

Sie klingen sehr gelassen.

Nun, in der Barockmusik ist das Label schlicht einfacher zu verkaufen. Weil es kleinere Gruppen sind. Das ist eine ganz andere Ökonomie als bei einem Sinfonieorchester. Das Schlimme ist: Normalerweise lag in der Musikgeschichte der Akzent auf den lebenden Komponisten. Das ist in unserer Industrie komplett schiefgelaufen, zeitgenössische Musik ist eine Peripherie. Aber ich darf das eigentlich nicht sagen, weil ich selber wenig zeitgenössische Musik spiele (lacht).

Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe (Leitung), h-Moll-Messe, Montag, 17. Juni 2019, 19.30 Uhr, KKL Luzern

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