Herr Gnadenlos

Martin Parr erweist sich in Zürich als unerbittlicher Betrachter unseres vergeblichen Versuchs, total individuell zu sein. Selten so bitter gelacht.

Valeria Heintges
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Meister vor Matterhorn: Selbstporträt von Martin Parr mit ortstypischen Zugaben. (Bild: Martin Parr/Magnum)

Meister vor Matterhorn: Selbstporträt von Martin Parr mit ortstypischen Zugaben. (Bild: Martin Parr/Magnum)

Martin Parrs Blick ist ansteckend. Wer sich seine Ausstellung «Souvenir» im Zürcher Museum für Gestaltung angeschaut hat, wird nachher seinen gnadenlosen Kamerablick überall anwenden müssen. Die Frau, die da in der Badi liegt, mit dem welken Hals und dem knallbunten Bikini – hätte er sie nicht fotografiert? Oder die Dame mit dem Zebrastreifenmantel und den dunkelgrünen Hosen – hätte ihr Bild nicht auch wunderbar in die Schau gepasst?

Die Schönen und die Reichen

Martin Parr ist seit 1994 Vollmitglied der renommierten Fotoagentur Magnum als Meister entlarvender Bilder. Beliebtes Sujet: Die Schönen und die Reichen, die auf seinen Bildern alle so überzeugt ihre immergleichen Statussymbole ausstellen, dass sie jede Individualität verlieren. Alle haben die gleiche Frisur, die gleichen Perlenketten um den Hals, die gleichen teuren Kleider am Leib und vollführen auf Parrs Bildern sogar die gleichen Gesten. Für seine Serie «Luxury» fuhr er zu Pferderennen und Opernbällen weltweit, fotografierte in Dubai, London, Moskau. Und für seine im Auftrag des Zürcher Museums erstellte Serie «Think of Switzerland» auch nach Zürich, St. Moritz und Zermatt.

Gnadenlos sein Bild vom Winterpolo St. Moritz, auf dem es scheint, als sei selbst der wuschelige Schosshund nur ausgesucht worden, weil er tatsächlich haargenau zu Pelzmantel und -mütze passt. Dass alle synchron auf die Spielfläche schauen, verstärkt den egalisierenden Eindruck: Die Statussymbole werden zum Gleichstellungs-, nicht zum Alleinstellungsmerkmal.

Gleichförmige Individualität

Martin Parr sieht diese gleichförmige Individualität überall: Die «Bored Couples» zeigt er in allen Restaurants dieser Welt gleich gelangweilt, gleich frustriert, gleich ausgelaugt. In der Serie «Small World» stellen sich Touristen vor den Pyramiden in Ägypten genauso zum Gruppenbild auf wie vor dem thailändischen Tempel von Angkor Wat oder der griechischen Akropolis. Die einmalige Sehenswürdigkeit wird zum austauschbaren Hintergrund, als sei sie nur Fototapete. Touristenfotos ändern ihre Bedeutung, vom Beweisstück der Entdecker zum Zeugnis einer sich immer weiter globalisierenden Welt.

Nur die Kulisse ändert sich

Diesen Effekt steigert Parr in seinen Selbstporträts, wenn er sich selbst als Touristen zeigt: Zwar altert der Mann im Vordergrund in den zwanzig Jahren der Serie, aber zuweilen scheint es, als sei er im Studio stehengeblieben, während hinter ihm eine andere Kulisse eingebaut wurde.

Auch in der Schweiz hat sich Parr fotografieren lassen: Wie ein Tourist, der gerade aus dem Auto gestiegen ist, steht er ein wenig gelangweilt vor dem Matterhorn, an der Leine neben sich einen ebenso gelangweilt dreinschauenden Bernhardinerhund.

Martin Parr hat den Blick für das Skurrile, das unauffällig Auffällige – und er ist zur rechten Zeit am rechten Ort. Seine Fotos wirken wie perfekt austarierte Schnappschüsse, nicht ästhetisiert, nicht von Photoshop perfektioniert, vielmehr erlaubt sich der Magnum-Fotograf scheinbar «Fehler»: eine Unschärfe hier, ein halbes Pferd, ein Arm, ein Bein am Bildrand dort. Und immer wieder fragt man sich, wie es der Brite schafft, sich den Porträtierten so gnadenlos und indiskret zu nähern. Vielleicht ist es eine Mischung aus Dreistigkeit und Unauffälligkeit. Sicher geht seinem entlarvenden Blick wirkliche Auseinandersetzung voraus und liegt ihr echtes Interesse zugrunde. So ausgestattet kann er im Alltag aufgehen und ihn in seiner Tristesse und Banalität ablichten.

In der Serie «Think of Switzerland» hinterlässt ein weisses Vanilleeis-Kreuz im roten Erdbeereis unappetitliche Schlieren auf dem Teller. Goldbarren werden so nahe herangezoomt, dass es sich auch um die Schokoladenvariante handeln könnte. Eine Wandergruppe zieht im Gänsemarsch vor der Scheidegg entlang, alle mit Sonnenhütchen, kurzen Hosen, Wanderschuhen und -socken. Und die Strassenecke in Olten könnte mit ihren langweiligen grauen Häusern überall in der Schweiz oder der westlichen Welt sein.

Brutal und unerbittlich

Martin Parr zeigt keine Idylle. Sein Blick ist brutal und unerbittlich, der Humor britisch-schwarz. Besonders erschlagend seine Sammlung von Thatcher- und Bin-Laden-Devotionalien: sie als Puppe oder Teekanne, er auf WC-Papier und Streichholzschachteln. Selten so bitter gelacht.

Martin Parr: «Souvenir», Museum für Gestaltung Zürich, bis 5. Januar

Tierisch, tierisch: Schneepolo-Weltmeisterschaft 2011 in St. Moritz. (Bild: Martin Parr/Magnum)

Tierisch, tierisch: Schneepolo-Weltmeisterschaft 2011 in St. Moritz. (Bild: Martin Parr/Magnum)