Herodes am Hackbrett

So einfach wie in der Bibel geht die Weihnachtsgeschichte nicht. Bis Jesus tatsächlich geboren ist, geht so einiges drunter und drüber: Patrick Barlows «Messias» in der Inszenierung des Theaters St. Gallen: Ziemlich schräg und höchst amüsant.

Martin Preisser
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Klappt das wirklich mit der musikalischen Begleitung? Opernsängerin Angela Fout als Opernsängerin Erna Timm im «Messias». (Bild: pd/Tine Edel)

Klappt das wirklich mit der musikalischen Begleitung? Opernsängerin Angela Fout als Opernsängerin Erna Timm im «Messias». (Bild: pd/Tine Edel)

Ausser dem Papst dürfte das Stück des englischen Autors Patrick Barlow wohl jedem gefallen. Ziemlich frech wird die Weihnachtsgeschichte im «Messias» zerzaust. Schräger Humor, schwarz und englisch auch, skurrile Gags, eine pralle farbige Farce. Endlich sagt einmal ein Theaterstück, wie kompliziert die Weihnachtsgeschichte damals wirklich war.

«Der Messias», der auch auf vielen grossen Bühnen riesigen Erfolg und unzählige Wiederaufnahmen feiert, wäre kein gutes Stück, würde er einfach die Geburt Jesu und alles, was dazu führt, auf die Schippe nehmen. Virtuos baut Barlow zusätzlich stinknormalen Beziehungsknatsch ein, nimmt die Eso- und Psychoszene bissig ins Visier. Kurz: Die Weihnachtsgeschichte ist im Jetzt angekommen. Und schon von der Ausgangskonstellation her ist Barlows «Messias» auch ein Stück mit vielen ironischen Seitenhieben auf den Theaterbetrieb selbst.

Temporeich inszeniert

Da fehlt es für solch eine heilige Weihnachtsgeschichte schlicht an Personal. Theodor und Bernhard müssen in alle Rollen schlüpfen. Schwierig wird das, wenn der Erzengel Gabriel und Maria vom selben Mann gespielt werden. Schliesslich kann er sich ja nicht selbst erscheinen. Dass das Ganze nicht im Klamauk endet, verdankt die spritzig-rasante, temporeiche Inszenierung von Stefan Kraft den beiden Hauptakteuren Matthias Albold (Theodor) und Christian Hettkamp (Bernhard). Das ist hohe Kunst, soviel Komik zwei Stunden durchzuhalten, immer die richtige Mimik drauf zu haben und auch vor deftigen Comedy-Elementen nicht zurückzuschrecken. Schnell und trickreich geht da alles ab, die Verwicklungen um die Geschichte sind immer auch eine Satire auf die Schwierigkeiten, ein Theaterstück überhaupt auf und über die Bühne zu bringen.

Die Bühne ist einfach, die Kostüme sind aussagekräftig (Peter Nolle). Josef und Maria, ein ganz normales Paar mit Beziehungsfrust, die beiden römischen Legionäre, etwas begriffsstutzige Hirten, der heilige Geist, Moses, Erzengel Gabriel, der Tyrann Herodes als Appenzeller am Hackbrett, und gar eine Hebamme im Stall – der Rollentausch von Albold und Hettkamp macht jedesmal unheimlich viel Spass, und die Mimikry gelingt ihnen famos. Das Stück soll improvisiert wirken, und dieses Improvisationstalent im Zwei-Mann-Stück macht unablässig gute Laune im Publikum.

Bravouröse Opernsängerin

Zwei-Mann-Stück? Ja, wenn da nicht noch die Opernsängerin Frau Erna Timm wäre. Das Tolle an der St. Galler Inszenierung: Frau Timm ist mit einer ganz bravourösen «echten» Opernsängerin besetzt, am Premierenabend mit Angela Fout. Allerdings hat man kaum Muse, ihr bei den wunderschönen, mit echtem Belcanto ausgesungenen Puccini- und Barockarien zuzuhören, schon gibt es die nächsten Verwicklungen auf dem Weg zur Geburt des Jesusknaben. Angela Fout scheint sich in ihrer Rolle selbst immer zu amüsieren und augenzwinkernd auf die beiden Herren zu schauen.

Sie bildet fast so etwas wie einen singenden ruhenden Pol in dieser virtuosen Komödie. Und wenn sie am Schluss auf einer Schaukel hereinschwebt und mit den beiden Helden das Halleluja aus Händels «Messias» schmettert, dann hat der prallvolle Abend seinen Höhepunkt erreicht. Wen die ganze Weihnachtsseligkeit ein wenig deprimiert, sollte sich mit Barlows «Messias» zu zwei Stunden Lachen verführen lassen. Das Stück ist kräftige Medizin gegen graue Jahresübergänge.

Weitere Aufführungen: 21., 23., 27.–31. Dezember; 3., 4., 8., 12., 16., 22. Januar (jeweils Lokremise) www.theatersg.ch

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