«Hereinspaziert», hereinspaziert!

Düstere Ahnungen und lustvoller Grusel, schräge Gestalten und Töne: Das Nextex-Team hat eine vielgestaltige «Kunstgeisterbahn» inszeniert. Viele Werke unter dem Titel «Hereinspaziert!» sind eigens für die Schau entstanden.

Kristin Schmidt
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Die Arbeit von Co Gründler «Erased Beauty» in der Ausstellung «Hereinspaziert!» im Projektraum Nextex. (Bild: Urs Jaudas)

Die Arbeit von Co Gründler «Erased Beauty» in der Ausstellung «Hereinspaziert!» im Projektraum Nextex. (Bild: Urs Jaudas)

Es ist dunkel. Nacht. Der Pfad ist schmal. Rechts und links türmt sich der Schnee. Hie und da liegt ein Ast, wächst ein Baum. Der schwache Lichtkegel der Lampe wandert – wir wandern mit, sehen, was der Wanderer sieht. Doch was ist das genau? Bewegt sich etwas unter einem der Schneehügel? Ist das Schwarze dort wirklich nur ein Stecken? Wollen wir lieber umkehren? Mitnichten! Grusel lockt, also hinein in die Geisterbahn. Hinein den schwarzen Schlund.

Roman Signers Schwarzweissfilm, 2013 gedreht, ist der Auftakt der «Kunstgeisterbahn» im Nextex und ein treffliches Beispiel für das Hühnerhautprinzip. Eigentlich ist in der Winternacht nichts Furchterregendes zu sehen, aber genau diese leere Dunkelheit genügt, um die Urangst vor dem Wald auferstehen zu lassen. Das gilt genauso für Geräusche. Ein paar Schritte weiter im dunklen Tunnel, den Iris Betschart und Adrian Schmid für die Ausstellung entworfen haben, tönt es unheimlich. Es rauscht und rumpelt. Das ist die «Wichtwucht» von Sven Bösiger, die Tonspur eines Videos, aufgenommen an einem Bergsee im Misox. Die Hirten dort sagen, aus dem See kämen geheimnisvolle Geräusche. Oder bläst nur der Wind ins Mikrophon?

Die Kraft der Vorstellung

Schliesslich kommt es beim Spiel mit der Angstlust nicht nur auf die entsprechend gestaltete Umgebung an, sondern ganz entscheidend auch auf die Reizerwartung, das nervöse Gefühl und die daraus folgende gesteigerte Aufmerksamkeit. Kein Wunder, dass schon eine sanfte Berührung Schauder provoziert: Sind es Spinnweben oder Fledermäuse, die sich plötzlich in den Haaren verfangen? Aber dazu passt der Klang nicht, dieses leise Klingeln, ein vertrautes Geräusch. Verursacht wird es von Schlüsseln. Sie hängen an zarten Schnüren und werden von einem Windhauch sachte bewegt. Der St. Galler Hans Guggenheim gibt mit dieser Arbeit seinen Einstand im Nextex.

Schlüssel sind ja fast schon ein Muss, wenn es um Geister geht; ebenso die schemenhaften Umrisse nicht näher greifbarer Wesen. Michèle Mettlers durchscheinende Bilder lassen sie erahnen. Mit Emulsion malt die Künstlerin auf Glasscheiben und entwickelt Fotografien darauf. Ihre Bilder, beleuchtet von einer Taschenlampe, oszillieren zwischen Malerei und Fotografie, zwischen Materie und Schatten. Andere Grenzen überschreitet «Erased Beauty» von Co Gründler. Als Objekt ist es zwar von dinglicher Präsenz, aber Art und Herkunft des todtraurigen Mischwesens bleiben ein Rätsel. Aber auch das Vertraute kann solche Reize entfalten. Silvia Studerus stellt Fotos aus der Serie «Busch/Wiese/Wald» aus. Sie zeigen nichts weniger, aber auch nicht mehr als das im Titel Genannte, es sind solide konstruierte Schwarzweissaufnahmen. Und doch: Gerade im Verzicht auf Narration eröffnen sich grosse Gedankenräume, die zu einem zweiten Blick animieren: Vielleicht verbirgt sich doch der eine oder andere Naturgeist in diesen Feldstücken. Kaum realer sind Jonathan Delachaux' Mitwirkende, der Genfer Künstler lebt seit Jahren mit drei fiktiven Persönlichkeiten zusammen und hat eine davon eigens für das Nextex in Szene gesetzt.

Faszinierende Graubereiche

Pascal Schwendener bittet sein Publikum um Mitarbeit in einer interaktiven postdigitalen Installation. Doch prädigitale Diaprojektoren sind ein geeigneteres Mittel, zwiespältige Gefühle auszulösen: Andy Guhls «Sliced Cat Brain» ist genau, was der Titel verspricht und zugleich voller bernsteinfarbener Schönheit. Der Ausstellungstitel erinnert bewusst an den Jahrmarkt. Trotzdem ist die «Kunstgeisterbahn» kein Gespensterklamauk, sondern eine fein abgestimmte Schau über die Ambivalenz des Grusels. Der kleine Bruder der Angst lockt im Graubereich zwischen Wissen und Vermuten. Die Künstlerinnen und Künstler bewegen sich gekonnt auf diesem schmalen Grat und inszenieren lustvoll düstere Seitenwechsel.

Bis 3.10; morgen Do: Bar ab 19 Uhr; Vortrag der Historikerin Heidi Eisenhut «Collectio Magic et Occulta», 20 Uhr; Projektraum Nextex, Blumenbergplatz 3