Henry James – der Meister des Seelenthrillers

Über 20 Filme sind nach Büchern von Henry James gedreht worden. Zum Beispiel «Portrait of a Lady» (1996) von Jane Campion, mit Nicole Kidman. Im angelsächsischen Raum zählt der Epiker James zur Weltspitze. 1843 in New York in einer wohlhabenden Familie geboren, starb er am 28. Februar 1916 in London.

Heiko Strech
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Henry James (Bild: pd)

Henry James (Bild: pd)

Die englische Literatur hat Henry James stark beeinflusst, etwa mit der Erzählperspektive aus der Sicht einer Person (Bewusstseinsstrom). Der eher zurückhaltende Junggeselle und Workaholic schrieb 20 Romane, 112 Novellen, 12 Dramen, Reisebücher und Literaturkritiken. Für uns heute aktuell ist das Thema Frau in der Männerwelt. James hat zwar nie direkt geworben für die Frauenemanzipation, aber allein durch die Darstellung der im Doppelsinn ins Korsett gepressten Frauen aufmerksam gemacht auf ihre offene oder subtile Unterdrückung. «Heiratsnötigung» könnte man dieses Delikt auch nennen. Der latente Homoerotiker James lebte übrigens Seelenfreundschaften mit starken Frauen. Im Roman «Porträt einer jungen Dame» (1881) weist die Amerikanerin Isabel Archer qualifizierte Bewerber ab. Sie will frei sein und die Welt kennenlernen. Aber dann heiratet sie doch Gilbert Osmond, der sich als kalter Egoist entpuppt. Sie flieht, geht wieder zu ihm zurück. Der Traum von der Selbstverwirklichung ist geplatzt.

Suggestive Bewusstseinsströme

Im Small Talk der gehobenen Gesellschaft entdecken wir die verborgenen Tragödien und Komödien um Gier und Geld. Und der Lesesog setzt ein: Im Inneren und in den Äusserungen seiner Figuren lässt James suggestiv Bewusstseinsströme fliessen, beleuchtet er subtile Wesensverwandlungen in widerspruchsvoller Beziehungsdynamik. Er ist kein Autor des expressiven Forte. Aber zwischen Piano und Mezzoforte geschieht Ausserordentliches. Hier ein Geheimtip: «Die Aspern-Schriften» (1888) ist kunstvoller, dichter und moderner als das bereits grossartige Porträt einer Dame. Der Erzähler hat ein scheinbar ehrenhaftes Ziel: Er will die Liebesbriefe Asperns haben. In Venedig macht er sich in einem tristen Palazzo an Miss Bordereau, steinalte Geliebte des Dichters, und ihre Nichte Tina heran. Die Greisin gibt die «Aspern-Papers» nicht heraus. Der Erzähler wird immer aufdringlicher. Mit Kniffs und Tricks umgarnt er Tina. Sie setzt seiner Habgier ein verzweifelt-egoistisches Motiv entgegen: Wenn er sie heiratet, überlässt sie ihm die Papiere. Entsetzt kneift er. Als er doch halb heiratswillig zurückkehrt, teilt Tina mit, sie habe die Aspern-Briefe verbrannt. Wobei – das ist das kunstvolle James-Zwielicht – nicht einmal sicher ist, ob es die Papiere überhaupt gab.

Die Seelenrätsel bleiben

Henry James ist nicht der erste, der Lokal und Person ineinander spiegelt. Aber wie virtuos der triste Palazzo in einem abweisend-kalten Venedig mitspielt in diesem Beziehungsdrama – das lässt uns nicht los. So kenntnisreich Henry James in die Seelentiefen seiner Figuren hinabtaucht: Er weiss, wir können nie in die tiefsten Verästelungen eigener und fremder Motive gelangen. Das Rätsel bleibt. Bei allem Drehen und Wenden. Dafür steht noch einmal «Das Drehen der Schraube» (The Turn of the Screw, 1898). In dieser «Geistergeschichte» bleibt nichts gewiss – ausser das Ungewisse. James hatte den Plot wie meist irgendwo aufgeschnappt und eine wahrhaft ungeheure Phantasmagorie daraus entwickelt. Thema ist das unfassbar Böse. Auf einem Landsitz wird eine junge Gouvernante Erzieherin zweier engelhafter Waisenkinder – Flora und Miles. Sofort meldet sich ein exzessiver Mutterinstinkt. Eines Tages erscheinen ihr ein Mann und eine Frau. Zwei Verstorbene: Der Diener Quint und die Gouvernanten-Vorgängerin Miss Jessel. Sie sollen einen bösen Einfluss auf die Kinder gehabt haben. Dies lässt James in seiner Perspektivtechnik die Gouvernante erzählen. Sie glaubt, die Kinder stünden weiter im Bann der «Geister». Offen bleibt, ob sie diese nur mit dem inneren oder auch dem äusseren Auge sieht. Besonders beklemmend und rätselhaft: Die Geister tun nichts. Sie sind «nur» da. Nie erfährt man, was sie den Kindern Böses vermittelt haben. Hier hat James den für ihn typischen Seelenthriller effektvoll mit einem «normalen» Thriller verbunden. In der Schlussszene lässt er seine Zurückhaltung fahren hinein ins äusserste Espressivo. Es sei nicht verraten, wie es zur Katastrophe kommt. Wobei echt der Weg, den die Gouvernante zur Rettung der Kinder gewählt hat, in Vernichtung umschlägt. Ur-tragisch. Der kleine Miles stirbt. Mit den Worten der Gouvernante: «Ich fing ihn auf, ja, ich hielt ihn, doch nach Ablauf einer Minute begann ich zu begreifen, was ich tatsächlich hielt. Wir waren allein mit dem stillen Tag, und sein kleines Herz, nunmehr frei, war stehengeblieben.»

Die Bücher von Henry James sind auf Deutsch leicht greifbar beim Manesse-Verlag Zürich und bei dtv in München.

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