HELMUT HUBACHER: «Ich mag das verbale Pingpong»

Er sass 34 Jahre lang im Nationalrat und war 15 Jahre lang streitbarer Präsident der SP Schweiz. Wie man das schafft, das beschreibt Helmut Hubacher in einem humorvollen Buch.

Rolf App
Merken
Drucken
Teilen
Bern, 19. Dezember 1997: Helmut Hubacher an seinem letzten Tag im Nationalrat. (Bild: Lukas Lehmann/Keystone)

Bern, 19. Dezember 1997: Helmut Hubacher an seinem letzten Tag im Nationalrat. (Bild: Lukas Lehmann/Keystone)

Rolf App

rolf.app

@tagblatt.ch

Die Geschichte handelt von Sämi Sägesser, und sie erzählt viel über den langjährigen SP-Präsidenten Helmut Hubacher, der noch heute, mit über neunzig Jahren, in seinen Kolumnen die Zeit kommentiert. Sämi Sägesser ist Schienenputzer bei den Basler Verkehrsbetrieben. Mit einem Spezialgerät schreitet er jeden Tag viele Schienenkilometer ab. Wenn er am Ende des Monats seinen Lohn bekommt – in bar, wie das damals üblich ist –, geht er ganz gern mit seinen Kollegen noch etwas trinken. Und bekommt zu Hause anschliessend von seiner Frau «auf den Ranzen» – worüber er sich in des SP-Nationalrats Sprechstunde bitterlich beklagt.

Hubacher bittet ihn, das nächste Mal diese Frau mitzubringen. Und in der Tat: Neben ihr wirkt Sämi wie eine halbe Portion. Noch etwas anderes erfährt Hubacher: Dass bei den Sägessers die Schwiegermutter wohne. Sie sollten sich doch zu zweit eine Wohnung nehmen, rät er, und vermittelt ihnen eine am andern Ende Basels. «Das war ein Volltreffer», erzählt Hubacher aus der Distanz von Jahrzehnten in seinem neuen Buch, das in einer lockeren Folge politischer und persönlicher Erinnerungen auch viel über unser Land, seine Politik und seine Politiker erzählt.

Hubacher muss beinahe im Wochentakt vermitteln

Vieles an Hubachers Laufbahn ist Zufall. 1963 rutscht er als erster Ersatzmann ins Parlament, weil der Vorgänger gestorben ist. 1975 fragt der Aargauer Regierungs- und Nationalrat Arthur Schmid ihn an, ob er SP-Präsident werden wolle. Schmid spielt mit offenen Karten: «Ich war dritte Wahl. Zwei Kandidaten hatten ihm abgesagt.» Hubacher macht das nichts aus, und er macht sich auf, seine Partei kennenzulernen. Im Wallis rät ihm der Parteisekretär, vor dem Parteitag nicht Mineralwasser zu trinken, sondern Weisswein. Im Tessin geht es hochtheatralisch her, im Neuenburgischen knochentrocken und in Bern sehr behäbig. Ganz anders in Zürich, da wird lustvoll und mit schonungsloser Härte gestritten. Und zwar nicht nur zwischen den Flügeln: Als sich die Stadträte Emilie Lieberherr und Jürg Kaufmann mit ihrer Partei verkrachen, muss Hubacher beinahe im Wochentakt anreisen, um zu vermitteln zwischen den Alphatieren und ihrer Basis.

Dass er selber ganz anders ist, kommt ihm zugute. So beschreibt er sich selber denn als «gmögigen Menschen, der sich nicht wichtig nimmt, aber sich genug Selbstvertrauen zugelegt hat. Ich mag das verbale Pingpong, ertrage Kritik, hasse Verlogenheit.» Und, was man auch sagen muss: Hubacher ist schlau – auch gegenüber den eigenen Genossen. Da kann er sogar richtig stur reagieren.

Stich winkt ihm mit einem Direktorenposten

Das zeigt sich 1983, in der Stunde der grössten Niederlage. Die SP portiert die Zürcher Nationalrätin Lilian Uchtenhagen, Hubacher taktiert, wie er selber einräumt, «wohl zu provokativ, zu undiplomatisch». In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wählt die Bundesversammlung den Solothurner Otto Stich, was in der Partei ein Erdbeben auslöst. Ein Parteitag debattiert darüber, ob die SP – wie die Geschäftsleitung vorschlägt – aus der Regierung austreten soll. Im Verhältnis von 3:2 stimmen die Delegierten aber für den Verbleib, worauf Stich Hubacher zu sich zitiert und ihn auffordert zurückzutreten. Gewissermassen als Zückerchen bietet er ihm einen Direktorenposten bei der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn (BLS) an: Schliesslich sei er ja einmal Eisenbahner gewesen.

Doch Hubacher erkennt den Trick: Ein Bundesrat hat null Einfluss bei der BLS. Hätte er zugesagt, und wäre der Deal ruchbar geworden (wofür Stich gewiss gesorgt hätte), er wäre erledigt gewesen. «Weisst du», sagt Hubacher deshalb zu Stich: «So schlau wie die Finken sind die Spatzen auch.»

In solchen Geschichten, die Hubacher gern mit lustigen Details ausschmückt, lernt man nicht nur ihn kennen, sondern auch seine Partei. Die ist, wie gerade wieder die Auseinandersetzungen im Vorfeld des Zukunftsparteitags am kommenden Wochenende zeigen, ein empfind- liches Gebilde und braucht weniger einen Dompteur als einen geschickten Moderator. Hubacher füllt diese Rolle mit grosser Lust aus, indem er darauf achtet, dass die Konflikte nicht eskalieren. 15 Jahre lang hält er sich so an der Spitze der Sozialdemokratischen Partei, und zwar über Erfolge und Niederlagen hinweg.

Er staunt selber darüber, was er alles geleistet hat

Helmut Hubacher staunt selber darüber, was er da geleistet hat – als Parlamentarier, als Parteipräsident, als Sekretär des Verbands des Personals Öffentlicher Dienste (VPOD) und später als Chefredaktor der «Basler Arbeiter-Zeitung». Aber er lernt auch, wie er mit den Belastungen umzugehen hat. Das Wochenende zum Beispiel gehört der Familie. Ausnahmen sind SP-Parteitage und Geschäftsleitungssitzungen. Sechs Wochen Ferien sind gesetzt. Und ausserdem, merkt er verschmitzt an, sei er «nie zu faul zum Schlafen» gewesen. Er brauche seine acht Stunden, daran gebe es nichts zu rütteln.

Doch sein wichtigstes Rezept verbirgt sich im Titel seines Buchs: «Ich bin gerne Politiker gewesen.» Politiker sein, das bedeutet: für Menschen wie diesen Sämi Sägesser und viele andere da sein, im täglichen Gespräch auch sehr kritische Fragen beantworten. Hubacher hat da ein paar schöne Beispiele parat. Als ihn auf dem Berner Bärenplatz eine Frau mit dem Satz angeht: «Was macht ihr eigentlich den lieben langen Tag im Bundeshaus?», lädt er sie zum Kaffee ein und fragt, ob sie ein Halbtaxabo besitze. Und dann erzählt er, wie der St. Galler Regierungsrat Florian Schlegel die Idee zu diesem Halbtaxabo eingebracht und die Partei sie durchgesetzt habe.