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HELEN MEIER: Die Radikale

Keine lebende Autorin besitzt eine Biografie – nur die Ausserrhoder Kulturpreisträgerin. Charles Linsmayers Lesebuch zeigt Helen Meier ganz neu: unsentimental, unermüdlich, todesmutig.
Dieter Langhart
Helen Meier: «Ich will die Wahrheit, sonst nichts.» (Bild: Benjamin Manser (12. Mai 2017))

Helen Meier: «Ich will die Wahrheit, sonst nichts.» (Bild: Benjamin Manser (12. Mai 2017))

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Welche Herausforderung an einen Literaturvermittler, die Biografie einer lebenden Autorin zu schreiben, die also den Text zu lesen bekommt. «Helen Meier war zuerst erschrocken nach ein, zwei Tagen voller Überraschungen für sie, dann war sie mit allem einverstanden», sagt Charles Linsmayer im Gespräch über sein jüngstes Buch. Band 34 der Reihe Reprinted by Huber trägt den Titel «Übung im Torkeln entlang des Falls» und erinnert an Helen Meiers persönlichstes Buch, den autobiografischen Roman «Lebenleben» (1989). Darin sagt Lia: Wir haben das Torkeln entlang des Falls zu üben.

Charles Linsmayer kennt die Autorin wie kaum ein anderer. Er hat elf Gespräche mit ihr geführt, er hat die Laudatio gehalten, als ihr im Mai der Ausserrhoder Kulturpreis verliehen wurde, er hat ihre unveröffentlichten Tagebücher gelesen und den Briefwechsel im Nachlass des Ammann-Verlags. Da war 1984 «Trockenwiese» erschienen, Helen Meiers erster Erzählband. Zudem hatte Linsmayer Zugang zu ihrer Fotosammlung. Die im biografischen Nachwort abgedruckten Bilder reichen vom Geburtsjahr 1929 bis zur Ehrung in Trogen.

Bisher unveröffentlicht: Persönliche Trauerode

Die 37 Texte für das Lesebuch hat Linsmayer gemeinsam mit der Autorin ausgewählt. «Geschichten» nennt sie Helen Meier, und sie stammen aus all ihren Büchern seit «Trockenwiese».

Die längste Geschichte, 1994 verfasst, hat noch niemand gelesen: «Walensee» ist ein Erstdruck. Und «das Persönlichste, das Helen Meier je geschrieben hat», sagt Linsmayer. Darin verarbeitet die Schriftstellerin einen Tod. Zwischen den Sätzen Am schlimmsten ist die Nacht. Gefühle zerreissen mich, mein Fleisch ist ihrem Rachen und Vergiss Dich, dann vergisst Du ihn liegen Hader und Lethargie, Erinnerung und Verzweiflung, Wut und Widerstand. Helen Meier lebt von Stunde zu Stunde, von Atem zu Atem und beschwört den verstorbenen Liebsten mit aller Intensität. Denn nur so kann sie sich den Abschied ermöglichen, nur so kann sie der Sprachlosigkeit entrinnen. Den Tod des Geliebten zu verarbeiten, eine grössere Arbeit wird von mir nie mehr verlangt.

Auch in vielen der übrigen Texte des Lesebuchs sind die Figuren akut Gefährdete, stehen nah am Abgrund. «In Helen Meiers Geschichten ist nichts Trautes, nichts Gemütliches, nichts Wohlgeordnetes», hat Klara Obermüller zu «Trockenwiese» geschrieben, und das gilt für vieles in Helen Meiers Werk. Für die erste Geschichte des Lesebuchs etwa, «Flugtag», wo ein Fallschirmspringer, dessen Schirm sich nicht öffnet, eine extreme Wandlung durchläuft. Oder für «Rot und Schwarz», den wohl modernsten Text, in dem eine Ich-Erzählerin zwei Frauen beobachtet – und einen Totschlag.

Glück und Qual der Liebe, der Tod und die Wahrheit

Eine radikale, eine starke und unermüdliche, eine unsentimentale Erzählerin ist Helen Meier. Ich will die Wahrheit, sonst nichts. Ich will keine Klage, ich will die Darstellung, hat sie einmal in ihr Tagebuch geschrieben. Um die Wucht des Todes geht es ihr und, immer wieder, um die Liebe als Glück und als Qual zugleich. Helen Meier schreibt aber eher Geschichten über das Leiden an der Liebe denn Geschichten über die Liebe.

Ihre «Liebeslehre» setzt sie in mehreren Büchern erzählerisch um, erstmals 1985 in «Das einzige Objekt in Farbe» und durchaus widersprüchlich: Die Menschen alle, sie sterben an Liebesmangel, schreibt sie 1992 in ihr Tagebuch, während es in «Lebenleben» heisst, dass nichts die Natur des Menschen mehr negiere als die Liebe. Stets muss der Leser mitdenken, Helen Meier erzählt, sie erklärt nichts. Und obwohl ein pessimistisches Weltbild ihr Werk durchzieht, erliegt sie nie der Gefahr, sentimental oder süsslich zu werden. Charles Linsmayers Verdienst ist es, diesen existenziellen Aspekt bei Helen Meier herausgearbeitet zu haben. «Er ist erst aus dem Gesamtwerk erkennbar», sagt er, «Besprechungen eines einzelnen Buches schaffen das nicht.»

Erzählt aus existenziellen Erfahrungen heraus

Charles Linsmayer will das Unverwechselbare dieser Autorin herausarbeiten. Geschickt verwebt er in seinem umfangreichen Nachwort biografische Details mit Werkstellen und weist nach, wie präsent und bestimmend frühere Lebenserfahrungen waren, wie untrennbar Leben und Werk bei Helen Meier sind. Er belegt ihr Schreiben aus belastenden Erfahrungen heraus: Der Unfall als Seminaristin in Rorschach treibt sie in die Einsamkeit; die Schizophrenie ist die Geissel der Familie; der Tod des Vaters bei einem Selbstunfall 1953 erschüttert die 24-Jährige zutiefst und wirkt lebenslang nach.

Dann der Herztod des Geliebten 1994 bei einer gemeinsamen Wanderung am Walensee – er entlockt Helen Meier den intimsten Text zu Liebe und Tod. Sie bringt ihre Trauer ungefiltert zu Papier, beschwört alles, was er ihr in den 28 Jahren bedeutete. Während ihre Stärke früher in der Rollenprosa lag, geht es in «Walensee» um sie selber, um die unterschiedlichen Qualen der Liebe, um die Mächtigkeit des Todes.

An der Kulturpreisverleihung erklärte Charles Linsmayer das Geheimnis von Helen Meiers Texten: die unverwechselbare Sprache, ihr eigentümliches, mit keinem andern Autor, keiner andern Autorin zu vergleichendes Erzählen, das scheinbar naiv, aber höchst kunstvoll gestaltet und komponiert ist. Sein Lesebuch trägt dazu bei, dass Helen Meier und ihre Begabung ernster genommen werden als bisher, dass sie wieder ins Gespräch kommt.

Lesereise mit Helen Meier, Charles Linsmayer und Heidi Maria Glössner (Lesung): ? 18. 1., 20 Uhr: Trogen, Kantonsbibliothek im Gemeindehaus ? 19. 1., 19.30 Uhr: Appenzell, Kleiner Ratssaal ? 24. 1., 19.30 Uhr: St. Gallen, Hauptpost, Raum für Literatur

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