Heiter gestimmt ins Paradies

76 000 Besucher aus 46 Ländern, 99 Verkaufs- und 27 Gratiskonzerte: Das Lucerne Festival im Sommer ist das Highlight der klassischen Musik in der Schweiz. Was aber bleibt? Eine künstlerische Bilanz zum Schluss.

Mario Gerteis
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Gang von der Bühne: Simon Rattle und die Wiener Philharmoniker nach Edward Elgars «Traum des Gerontius». (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Gang von der Bühne: Simon Rattle und die Wiener Philharmoniker nach Edward Elgars «Traum des Gerontius». (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

War es bloss Zufall oder doch höhere Strategie? Das Lucerne Festival 2015 bot zum Auftakt und zum Ausklang zwei Visionen des Paradieses. Als kindliche Phantasie in Gustav Mahlers 4. Sinfonie, als Vision des ewigen Lebens in Edward Elgars Oratorium «The Dream of Gerontius». Nicht ohne Klippen freilich für die Ausführenden, die im Luzerner KKL souverän umschifft wurden.

Indem Bernard Haitink bei Mahlers Lied «Das himmlische Leben», welches die Keimzelle der Sinfonie bildet, nicht auf kindertümelnde Anbiederung, sondern auf Ironie setzte – Verklärung mit einem Lächeln. Auch Simon Rattle verzichtete (unterstützt von einem fabelhaften englischen Jugendchor und von den Wiener Philharmonikern auf eher ungewohnten Pfaden) auf jedes Pathos, führte Elgars spätromantisches Seelengemälde durch die Fährnisse des Jenseits in überirdische Verklärung.

Feiner Humor

Doch eigentlich war nicht das Jenseits, sondern (erdenhafte) Heiterkeit das Motto des diesjährigen Luzerner Festivals. Und zwar in vielfältigen Varianten, von der verschämten Pointe bis zum drallen Witz. Sogar mit feinem Humor, in den klassischen Gefilden sicher am delikatesten bei Joseph Haydn. Auch hier setzten – eigentlich kaum erstaunlich – reife Dirigenten wie Bernard Haitink (86) und Simon Rattle (60) die deutlichsten Akzente: der erstere mit betörender Lockerheit bei der Sinfonie Nummer 60, der letztere mit einem selber zusammengestellten launigen Pasticcio aus Orchesterstücken, die geistvoll als «Imaginäre Phantasie» schmunzelndes Vergnügen boten.

Aber natürlich gab es auch die gegensätzliche Spielart – Humor als Spott und Sarkasmus. Am frappantesten in den Sinfonien von Dmitri Schostakowitsch. Sein tönender Witz kann die Geste der Verweigerung annehmen – zum Beispiel in der 9. Sinfonie. Alle erwarteten am Ende des Zweiten Weltkrieges eine markige Siegeshymne, Schostakowitsch aber lieferte eine klassizistisch verspielte Partitur. Erstaunlich, dass gerade die Russen dieses Stück «wider den Strich» nach Luzern brachten. Yuri Temirkanov, der den legendären St. Petersburger Philharmonikern seit 1988 vorsteht, muss keine Rücksichten nehmen. Er darf die Doppelbödigkeit dieser Musik auskosten.

Bitterer Humor

Handkehrum spürt man bei gewissen Schostakowitsch-Kreationen die Verzweiflung unter der Maske der Lustigkeit. Das haben die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle in der kompromisslosen 4. Sinfonie unbarmherzig herausgemeisselt – unvergesslich, wie der hoffnungsverheissende Aufschwung gegen Schluss in ein trostloses Nichts versinkt. Demgegenüber setzte Andris Nelsons auf markant herausgemeisselte Einzelereignisse. Bei der 10. Sinfonie bildet das kurze Scherzo den Mittelpunkt: eine grimmige Groteske, mit welcher der Komponist offenbar ein Porträt von Stalin entwerfen wollte. Mit diesem Werk eröffnen Nelsons und das Boston Symphony Orchestra übrigens ihren Schostakowitsch-Zyklus auf CD (Deutsche Grammophon 479 5059).

Die Vielseitige

Dass eine Künstlerin, die als «artiste etoile» herausgestrichen wird, sich gleich sechsmal präsentiert, ist gewiss nicht die Regel. Mehr noch: die 43jährige Geigerin Isabelle Faust demonstrierte hinreissend, welch umfassendes Repertoire sie beherrscht. Und dabei mit jedem Werk einen Akt von Identifikation erstrebt. Das reichte von Bach über Standardwerke von Mozart und Mendelssohn bis zur ekstatischen Kantabilität von Karol Szymanowskis 1. Violinkonzert. Dazwischen lieh sie ihre «beredte» Geige jenem Schwärmer (in Strawinskys «Histoire du soldat»), der damit den Teufel zu überlisten sucht…

Wie ein Solist unter seinem Wert vermittelt werden kann, bewies der Fall Kristian Bezuidenhout. Der Südafrikaner holländischer Abstammung gilt heute als einsamer Könner unter den Tastenkünstlern auf dem alten Fortepiano. Für seinen Mozart-Auftritt mit dem Amsterdamer Concertgebouw-Orchester (unter Daniel Harding) wählte er, wohl des grossen Saals wegen, einen modernen Flügel. Diesen allerdings betätigte er wie ein historisches Instrument – und dies ging nicht auf. Finessen zerflatterten, der grosse Bogen brach immer wieder ab.

Neue Musik – und Verdi

Dass Höhepunkte sich auch ausserhalb der sogenannten Top-Prominenz einstellen können, wurde gleich doppelt bewiesen. Einmal beim Schlusskonzert des Lucerne Festival Academy Orchestra, das sich in voller 130-Besetzung präsentierte. Und zwar mit Pioniertaten der Neuen Musik um 1920. Dort, wo die Grenzen zwischen Klang und Geräusch sich auflösen, wo die moderne Grossstadt zur Klangkulisse wird. Feurig führte der junge spanische Dirigent Pablo Heras-Casado die hochengagierte Nachwuchsschar durch Bela Bartóks «Wunderbaren Mandarin» und Edgard Varèses mit Nebelhörnern und Signalpfeifen garnierte «Amériques».

Und dann das Humor-Ereignis Nummer eins: die konzertante Darbietung von Giuseppe Verdis geistsprühender Altersoper «Falstaff». Geprägt von zwei starken Persönlichkeiten: dem prächtig bramarbasierenden Bariton Ambrogio Maestri in der Titelrolle und dem Dirigenten Jonathan Nott (dem künftigen Chef des Orchestre de la Suisse Romande), der mit den Bamberger Symphonikern bewies, wie anspielungsreich das Orchester das Geschehen um den feisten Möchtegern-Liebhaber kommentiert.