Heisse Phase am Kunstmarkt

Es ist eine der spektakulärsten Kunstversteigerungen, die es in New York je gegeben hat: Über mehrere Tage kommt die Sammlung von Alfred Taubman unter den Hammer.

Jens Schmitz
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Gestern abend wollte das Auktionshaus Sotheby's mit der Versteigerung einer Sammlung beginnen, für die es eine Garantiesumme von gut 500 Millionen Dollar versprochen hat – die höchste der Kunstgeschichte. Ausfälle müsste die Firma selbst berappen, aber das steht wohl nicht zu befürchten. Der Nachlass des im April verstorbenen Milliardärs Alfred Taubman gilt als nahezu konkurrenzlos. Er stellt den Bestand vieler Museen in den Schatten. Mehr als 500 Objekte von der Antike bis in die Neuzeit sind im Angebot, darunter bekannte Werke der prominentesten Künstler, von Raffael über Degas bis zu Picasso, Rothko, Henry Moore oder Willem de Kooning. «Das ist ein einzigartiger Moment», sagt Sotheby's Aufsichtsratsvorsitzender Domenico de Sole. «So etwas passiert nicht alle Tage.»

400seitiger Hochglanzkatalog

Alfred Taubman war bis 2005 Mehrheitseigner bei Sotheby's, aber die Hinterbliebenen zwangen das Auktionshaus vor dem Auftrag in einen harten Kampf mit der Konkurrenz. Nun begleitet es seinen Erfolg mit einem PR-Rummel, der in der gediegenen Szene seinesgleichen sucht. Das Hauptquartier in New York ist grossflächig mit den feilgebotenen Schätzen bedruckt, die Ausstellungsetage wurde neu gestaltet: Sie ist dem Einrichtungsstil nachempfunden, den Taubman in seinen eigenen Räumen schätzte, und soll Kunden ein Gefühl vermitteln, wie die Werke im Wohnzimmer wirken. Anstelle eines Möbelhauskatalogs lockt freilich der 400seitige Hochglanzband, begleitet von Onlinevideos mit Prominenten wie Henry Kissinger.

Das Image aufpolieren

Flüssig sollten die Kunden schon sein: Manche Objekte gehen mit einem Schätzwert von 35 Millionen Dollar an den Start. Der Gesamterlös kommt zu je einem Drittel Taubmans Ehefrau Judith, seinen Kindern sowie wohltätigen Zwecken zugute. Geld ist aber nicht der einzige Grund für das Spektakel: Es soll auch Taubmans Image aufpolieren. Der im vergangenen April mit 91 Jahren verstorbene Immobilienentwickler war mit Einkaufszentren reich geworden. In die illustren New Yorker Zirkel stieg er dann mit Sotheby's auf: Nach dem Kauf der angeschlagenen britischen Traditionsfirma 1983 führte Taubman sie an die Börse und schnitt das Angebot statt auf Händler und Museen auf Privatsammler zu. Glanzvolle Veranstaltungen mit Champagner machten aus einem Umschlagsplatz für Fachleute eine Topadresse der High Society. Die Erlöse für Kunst stiegen in ungeahnte Höhen.

Zehn Monate im Gefängnis

2002 allerdings wurde Taubman der Preisabsprache mit dem britischen Konkurrenten Christie's für schuldig befunden. Während der damalige Christie's-Chef Anthony Tennant sich der Bestrafung dadurch entzog, dass er nie wieder in die USA reiste, wanderte Taubman zehn Monate ins Gefängnis. Er beteuerte bis zuletzt seine Unschuld.

Der Skandal erschütterte Manhattan, aber zahlreiche prominente Wegbegleiter hielten zu Taubman. Den Umfang seiner Kunstsammlung kannten dabei die wenigsten. «Wenn ich mir irgendetwas von diesen Versteigerungen erträume, dann, dass man eines Tages von Taubman als einem der grossen Kunstförderer spricht», sagte sein 56jähriger Sohn William jetzt der «New York Times». «Das wäre eine grossartige Anerkennung für meinen Vater.»

Zwei Milliarden Erlös erwartet

Auch das Auktionshaus hat Interesse an einem positiven Bild seines Retters. Trotzdem musste Sotheby's um den Auftrag kämpfen: Dass die Familie auch andere Angebote einholte, führte zum höchsten Garantieerlös der Kunstgeschichte.

Die Taubman-Versteigerung soll an insgesamt vier Tagen bis in den Januar dauern. Mit ihr beginnt auch eine zweiwöchige heisse Phase am New Yorker Kunstmarkt. Das «Wall Street Journal» schätzt, das die drei grössten Häuser Sotheby's, Christie's und Phillips in dieser Zeit mehr als zwei Milliarden Dollar erlösen könnten.