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Thomas Hürlimann:
Heimkehren kann so schwierig sein

Der Schweizer Autor Thomas Hürlimann schickt den Protagonisten seines neuen Romans auf eine Irrfahrt. Die ist so verrückt wie der Tanz eines Todgeweihten – und feiert das Leben.
Susanne Holz
Nachdenklichkeit ist Pflicht und Kür. Der Autor am Vierwaldstättersee.Bild: Christoph Schuerpf/KEY, (5.6.2017)

Nachdenklichkeit ist Pflicht und Kür. Der Autor am Vierwaldstättersee.Bild: Christoph Schuerpf/KEY, (5.6.2017)

Zwei Dinge bleiben vor allem hängen, hat man die 522 Seiten des neuen Romans von Thomas Hürlimann (67) gelesen. Es sind wiederkehrende Sätze, schöne Sätze, Sätze wie Musik. Und das klingt erstens so: «Nicht die Fremde war fremd, fremd war die Heimat, die man draussen für ­immer verlor. Das hatten schon Odysseus, Robinson und all die anderen, die eines Tages zurückgekehrt waren, bitter erfahren müssen. On ne revient jamais. Man blieb draussen. Für immer.»

Thomas Hürlimann gehört seit vielen Jahren zu den bedeutendsten Schweizer Schriftstellern. Sein neuer Roman trägt den Titel «Heimkehr». Zwölf Jahre sind vergangen, seit 2006 der Vorgänger «Vierzig Rosen» auf den Markt kam. Eine Krebserkrankung hielt den Autor längere Zeit vom Schreiben ab – nun ist er heimgekehrt auf die Bühne der Literatur. Mit einem Schelmenstück, das sich durch sprachliche Eleganz und intellektuelle Brillanz, durch eine leichtfüssige und fantastische Ironie auszeichnet.

Es ist auch eine Heimkehr zu seinen früheren Werken, zu «Vierzig Rosen» (2006), zu «Der grosse Kater» (1998), zu einer Mutter aus dem Geschlecht der jüdischen Schneiderfamilie Katz oder zu einer übermächtigen Vaterfigur. «Heimkehr» ist ein szenisch komponiertes und sehr bildstarkes Werk. Mit vielen Bezügen zu den Lebensstationen des Autors: als da wären Einsiedeln, der Sihlsee, die Zentralschweizer Landschaft, aber auch Zürich, Berlin, Sizilien.

Vom kurzen Glück des Kaffeetrinkens

Und weil das Buch seinem Leser so einiges an Denkleistung abfordert, ist es gut, sich ab und zu entspannt zurücklehnen zu können. Die zweite wiederkehrende Satzmusik, die sich beim Lesen in Gehirn und Gefühl eingräbt, bezieht sich auf die «Kunst des Kaffeetrinkens», erlernt auf Sizilien, und klingt so: «– aber ach, kurz war das Glück, rasch genossen, schon vorbei».

Eingebettet in die wiederkehrenden Freuden des Kaffeetrinkens und in das beständige ­Gefühl des Fremdseins, lässt Thomas Hürlimann seinen Protagonisten Heinrich Übel junior, geboren am 21. Dezember 1950 – was dem Geburtsdatum des Autors entspricht –, eine wahre Odyssee erleben. Der junge Übel will heimkehren zum Vater, gerufen von diesem, als die Kräfte schwächer werden und der Vater vermutlich bereut, den Sohn einmal verstossen zu haben, und zwar mit den Worten: «Mein lieber Abfall, du bist weit vom Stamm gefallen!»

Heinrich Übel senior ist Gummifabrikant, sein Verkaufsschlager vor Erfindung der Pille und nach Ausbruch der Aids-Seuche sind «Verhüterli». Heinrich Übel junior ist zur Zeit der versuchten Heimkehr, die einfach nicht gelingen will, 38 Jahre alt – grosse Teile des Romans spielen 1989 vor dem Berliner Mauerfall.

Das Buch beginnt mit einem Autounfall, ein Unfall, den der Autor selbst erlebt hat, 1998, auf der Brücke über dem Sihlsee. Im 2015 erschienenen Text «Nietzsches Regenschirm» beschreibt Hürlimann diesen Unfall: «Ich kroch aus dem Wrack und schleppte mich ans Ufer. (...) Es war zwei Uhr nachts, die Welt schlief. Ich gab auf, wankte zum nahen Friedhof und setzte mich an dessen Mauer zum Sterben hin.» Heute sagt Thomas Hürlimann: «Der Unfall war der Start zum Roman.»

«Liebe ist angewandte Unendlichkeit»

Und der im Roman beschriebene dunkle und kalte Stausee im «Fräcktal», Machwerk des mächtigen Vaters und Gummifabrikanten, ist der eine Hommage an den Sihlsee? «Ich zog da verschiedene Landschaften zusammen und baute aus ihnen das Fräcktal. Neben dem Sihl- hat mich auch der Wäggitaler-See inspiriert», erklärt Hürlimann, der etliche Jahre in einem Dorf bei Einsiedeln lebte. Und trotz 25 Jahren in Berlin dieses Dorf immer noch mag: «Einsiedeln ist ein höchst lebendiges Dorf mit vielen Vereinen und Beizen und gemeinsamen Projekten, wie dem Welttheater. Ich fürchte, nicht mehr viele Städte oder Dörfer unseres Landes würden ein solches Projekt stemmen können.»

Wie seine Neufassung des «Einsiedler Welttheaters» (2000/2007) ist auch Hürlimanns Roman «Heimkehr» ein Spiel mit Mysterien. Der Protagonist wird von einer Bühne auf die nächste geworfen, vom dunklen «Fräcktal» verschlägt es ihn ins helle Sizilien, sodann nach Afrika, nach Zürich, nach Berlin. Wer mitreist, wird gefordert und belohnt. Bei aller klugen Ironie darf es auch mal heissen: «Liebe ist angewandte Unendlichkeit.» Und wie viel Autobiografie steckt denn nun in «Heimkehr»? Thomas Hürlimann: «Ich erfinde die Wahrheit. Der Kern ist autobiografisch, doch entsteht daraus etwas ganz Anderes.»

Hinweis

Thomas Hürlimann: Heimkehr.

S.-Fischer-Verlag, 522 S., Fr. 35.–.

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