Schweizer Literatur
Berserker mit Thurgauer Wurzeln: Christian Uetz legt mit «Das nackte Wort» einen versauten philosophischen Roman vor

Man möchte rufen: «Heilige Scheisse». Christian Uetz ist bekannt für seine energiegeladenen Performance-Auftritte. Mit seinem neuen Roman widmet er sich dem Sadomasochismus.

Florian Bissig
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Provoziert gerne literarisch: Christian Uetz.

Provoziert gerne literarisch: Christian Uetz.

Bild: Keystone/Christian Beutler

Georg Niemann ist ein betriebsamer Geist. Er geht grossen Fragen nach und gibt sich nicht mit den gängigen Antworten zufrieden. Das Göttliche glaubt er in der Sprache zu finden. Denn, ist nicht das Sprechen etwas Transzendentes? Auch die Art, in der Georg seine Religiosität ausleben will, ist unorthodox. Der Ehemann und Familienvater will sich erniedrigen und unterwerfen. Am liebsten möchte er von einer Domina kalt behandelt, benutzt, getreten und gepeitscht werden. Denn Schmerzen bereiten ihm himmlische Ekstasen.

Sie führen eine offene Ehe - aber sie lehnt es bald ab, ihn zu quälen

In der Praxis gibt es allerdings Probleme. Georgs Frau Liv hat zwar nichts dagegen, dass ihr Mann im Haushalt eine dienende Rolle einnimmt. Und auch im Bett lässt sie sich gern einmal bedienen. Aber sie möchte eine Beziehung auf Augenhöhe führen, statt sich als Herrin mit einem Sklaven herumzuschlagen. Und als Georg sie mit Handschellen und Domina-Ratgebern beschenkt, ist sie verärgert. Die beiden lieben sich, zu Georgs Leidwesen. «Dass du mich liebst, ist das Einzige, was mir mit dir fehlt. Ich vermisse manchmal den Schmerz der Verlassenheit.»

Glücklicherweise führen die beiden eine offene Beziehung. In der dreissig Jahre jüngeren Toa findet Georg, was er sucht. Sie quält gern, und sie kann wunderbar kalt und ablehnend sein. Allerdings ist sie bald derart ablehnend, dass sie es ablehnt, Georg weiter zu quälen. Dies, obwohl er sie mit allerlei Vorschlägen umzustimmen versucht: «Ich wäre auch heilig dankbar, deine Pisse zu trinken und deine vegane Scheisse zu essen, was so abscheulich ist, dass es sich mir zum unermesslichen Geschenk der göttlichen Gnade transsubstantialisiert.»

Hier versohlt eine Frau dem Mann den Hintern

Neben solchen spirituell-pornografisch überdrehten Glanzlichtern ist in Christian Uetz’ Roman «Das nackte Wort» auch allerlei Holpriges und Formloses zu lesen. Sein an Nietzsche und den Psalmisten geschultes Pathos ist oft hart an der Grenze zum Lächerlichen. «Und siehe da, während ich an ihr unterging, hörte ich sie plötzlich sagen: Hör nicht auf!» Der Roman ist eine Abfolge von erzählten Passagen, Briefen und Dialogen. Doch in allen Formen dominiert die Stimme Georgs, der mit seinen Ansichten ringt, und mit dem Unverständnis seiner Gesprächs- und Sexpartnerinnen. Dieses Monologische wird ermüdend, lange bevor die 140 Seiten um sind. Dabei stecken bemerkenswerte Gedanken in dem philosophischen Roman. So argumentiert Georg auch für die politische Herrschaft der Frau. Gleichberechtigung sei erst möglich, nachdem die Männer zu gehorchen gelernt hätten. Als ein christlich-dionyischer Anti-Nietzsche sucht er die Erfüllung in einer Art Sexsklavenmoral. Und im Gegensatz zu «Shades of Grey» ist es hier der Mann, der den Hintern von der Frau versohlt bekommt.

Uetz lehnt sich beim literarischen Vorbild Sacher-Masoch an

Seine Geschichte in lesenswerter Weise zu erzählen, scheint dem Autor kein Anliegen zu sein. Die Perspektive ist starr, alle Ereignisse, die nicht pornografischer Natur sind, werden knapp wiedergegeben. Sie dienen bloss als Stichwortgeber für die nächsten Gedankenflüge. Am Ende bekommt Georg von Toa endlich, was er sich wünscht, wobei es ihm fast so schlimm ergeht wie dem Helden aus Sacher-Masochs «Venus im Pelz», dessen Wiedergänger er ist. Denn nachdem Toa herausgefunden hat, dass Georg eine Studentin sexuell bedrängt hatte, peitscht sie ihm den Hintern so brutal aus, dass ihm Hören und Sehen vergehen. Gern möchte man sich dabei vorstellen, dass ein paar der Hiebe dem flachen Plot gelten.

Christian Uetz: Das nackte Wort. Roman. Secession, 160 S.
Vernissage: Mo. 30.8., 20 Uhr, Kaufleuten, Zürich. Moderation: Philipp Theisohn.

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