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Grandiose Spielfreude auf Schloss Hagenwil

Haben zwei Besoffene die arme Kohlenträgerin umgebracht? Die Komödie «Die Affäre Rue de Lourcine» auf Schloss Hagenwil lebt vom Spiel von Walter Andreas Müller und Hans-Rudolf Spühler.
Dieter Langhart
Haben die beiden eine Frau umgebracht? Alles spricht gegen Mistingue (Hans-Peter Spühler) und Lenglumé (Walter Andreas Müller).  (Bild: Andrea Stadler)

Haben die beiden eine Frau umgebracht? Alles spricht gegen Mistingue (Hans-Peter Spühler) und Lenglumé (Walter Andreas Müller).  (Bild: Andrea Stadler)

Ach, wie traurig klingt das Akkordeon auf der leeren Bühne. Dann spielt Dražen Gvozdenović einen Walzer, doch sein Gesicht bleibt traurig. Zwei Paar verdreckte Schuhe, ein umgekippter Stuhl, hingeschmissene Jackets, der Kammerdiener staunt und sagt nichts, die Frau des Hauses in Rot summt ein Lied und ärgert sich über das Wasserschloss, diese «Vorstadtpfütze», aus dessen Dach es tropft, die Zeitungsverkäuferin bringt das Morgenblatt.

Jetzt schieben sich zwei Beine durch den Vorhang vor dem Bett, ein Loch klafft im rechten Socken. Lenglumé zerrt sich aus dem Bett, die Hose noch um die Waden. In seinem Kopf wütet ein Kater und er hat Durst, Lenglumé säuft die Blumenvase leer.

Da schnarcht ja noch einer, stolpert rülpsend aus demselben Bett, die Flasche noch in der Hand. Er heisse Mistingue, sagt er, und sei Lenglumés alter Schulfreund. Am Jahresbankett der Schule seien sie gestern gewesen. Doch was ist danach passiert? Filmriss. «Vielleicht haben wir irgendwelche Gräueltaten begangen», sagt Mistingue. Das Premierenpublikum lacht schallend, es freut sich auf Irrungen und Verwirrungen.

Humor mit rabenschwarzen Händen

Da findet Lenglumé Kischkerne in seiner Hosentasche, Mistingue Pflaumenkerne. Aber weshalb sind ihre Hände plötzlich rabenschwarz? Aha, Kohlestücke stecken im Hosensack. Wo kommen die denn her? Flugs die Hände waschen.

Norine tritt auf und macht ihrem Gatten Lenglumé Beine, eine Taufe steht an, zuerst das Frühstück, meinetwegen à trois. Doch was liest sie in der Zeitung? Eine Kohlenträgerin ist gestern Nacht umgebracht worden. Leglumé und Mistingue schauen sich an und erstarren.

Es wird eng für Lenglumé (Walter Andreas Müller). (Bild: Tagblatt/Andrea Stalder)

Es wird eng für Lenglumé (Walter Andreas Müller). (Bild: Tagblatt/Andrea Stalder)

Der künstlerische Leiter Florian Rexer hat «Die Affäre Rue de Lourcine» ausgewählt und inszeniert, als neuntes Stück der Schlossfestspiele Hagenwil. Geschrieben hat es Eugène-Marie Labiche 1857. In seinen zahllosen und erfolgreichen Komödien und Possen nahm der Franzose die Bourgeoisie aufs Korn – der er selbst angehörte. Labiche zeigte ihre Fehler, ihre Lächerlichkeit mit psychologischer Schärfe. Seine Welt schien ihm unbeweglich, er beobachtete nur, urteilte nicht.

Perfekt aufeinander ­eingespielt

Der Regisseur belässt dem Stück seinen etwas angestaubten Ton, frischt es aber leicht auf und inszeniert «Die Affäre Rue de Lourcine» nicht historisierend; vielmehr sind Bühne (Michael S. Kraus) und Kostüme (Barbara Bernhardt) leicht ironisch entworfen. Florian Rexer setzt voll und ganz auf die beiden Hauptfiguren, auf Walter Andreas Müller (WAM) und Hans-Rudolf Spühler, und lässt ihnen Leine. Und sie machen grandioses Theater.

Sie sind nicht nur Schulfreunde auf der Bühne, sie haben auch gemeinsam die Schauspielausbildung am Bühnenstudio Zürich durchlaufen, der heutigen Theaterakademie. Und sie sind schon miteinander aufgetreten. Perfekt aufeinander eingespielt, sprühen sie nur so vor Spiellust, spielen ganz aus dem Körper. Und weil das Publikum so hart an der Bühnenkante sitzt, bekommt es jedes Zwinkern, jede Handbewegung, jeden Schlenker mit.

Trotz aller Komik geben Walter Andreas Müller (links) und Hans-Rudolf Spühler der Tragik ihrer Figuren Raum. (Bild: Tagblatt/Andrea Stalder)

Trotz aller Komik geben Walter Andreas Müller (links) und Hans-Rudolf Spühler der Tragik ihrer Figuren Raum. (Bild: Tagblatt/Andrea Stalder)

WAM als Lenglumé rollt mit den Augen, schlägt sich die Hand vor den Mund, grinst wie ein verschlagener Teufel, wenn er einen neuen Ausweg aus der sich anbahnenden Katastrophe erkennt. Denn immer mehr Indizien deuten darauf hin, dass er und sein Saufkumpan die arme Frau umgebracht haben.

Spühler schafft es durch den ganzen Abend, dass ihm nie die Hose vom einen Träger rutscht, jagt sein «Heilandzack» durch den Schlosshof, wenn er eine neue Bedrohung erkennt, lümmelt sich an den Tisch, schnappt sich eine neue Flasche und lallt und schreit.

«Ihr habt in den Abgrund gesehen»

Die beiden bleiben dennoch nicht im Klamauk stecken und geben der Tragik ihrer Figuren Raum: der Angst, dem Kleinmut, der Biederkeit. Neben ihnen haben es die andern Schauspieler nicht ganz einfach. Bigna Körner gibt eine kühle, beherrschte, zielstrebige Norine; Jan Opderbeck ist mehr als ein steifer, gesichtsloser Diener; Falk Döhler spielt Lenglumés Cousin Potard als geschleckten Dandy und Möchtergern-Parvenu. Und Doris Haudenschild als Zeitungsverkäuferin und geheimnisvolle Madame Tourvelle hätte längere Auftritte verdient.

Lenglumé (Walter Andreas Müller) sucht und findet immer wieder einen Ausweg aus der sich anbahnenden Katastrophe. (Bild: Tagblatt/Andrea Stalder)

Lenglumé (Walter Andreas Müller) sucht und findet immer wieder einen Ausweg aus der sich anbahnenden Katastrophe. (Bild: Tagblatt/Andrea Stalder)

Haben Lenglumé und Mistingue es wirklich getan? Die Auflösung der Handlung sei nicht verraten. Sie kommt etwas dünn daher, und die zwei Kerle singen zum Schluss das Lied vom Abgrund, in den wir gesehen haben. Das Premierenpublikum, vor allem Honoratioren und Sponsoren, spendete herzlichen Beifall. Es hat sich köstlich amüsiert.

«Die Affäre Rue de Lourcine», Schloss Hagenwil, bis 8.9.2018. Infos unter schlossfestspiele-hagenwil.ch

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