Hebamme Gugu fürchtet nichts ausser die Rache der Frösche

Gugu hat vor nichts und niemandem Angst. Davon sind ihr Neffe, der Erzähler Kaulquappe, und seine Frau Kleiner Löwe überzeugt.

Merken
Drucken
Teilen
Mo Yan. (Bild: ap)

Mo Yan. (Bild: ap)

Gugu hat vor nichts und niemandem Angst. Davon sind ihr Neffe, der Erzähler Kaulquappe, und seine Frau Kleiner Löwe überzeugt. Doch eines Tages können sie mit eigenen Augen beobachten, wie die alte Hebamme beim Anblick eines Frosches derart in Panik gerät, dass sie krampft, ihr Schaum vor den Mund tritt und sie in Ohnmacht fällt.

Brutale Ein-Kind-Politik

«Frösche» lautet der Titel des Romans des chinesischen Autors Mo Yan, denn Frösche spielen darin in mehrerer Hinsicht eine wichtige Rolle. Frösche erschrecken Gugu, die Hauptfigur in Mo Yans 500 Seiten dickem Roman, weil sie die Verkörperung ihrer Gewissensbisse darstellen. Denn das zentrale Thema in «Frösche» ist die brutale Durchsetzung der chinesischen Ein-Kind-Politik, die Gugu als Hebamme kompromisslos und stramm auf der Parteilinie durchsetzt. Über tausend «überzählige» Kinder hat sie abgetrieben, doch mit dem Alter kommen die Zweifel an ihrem Tun. Es kann deshalb für Gugu kein Zufall sein, dass die chinesischen Schriftzeichen für Frosch und Baby gleich lautend «Wa» ausgesprochen werden. In einer grossartigen Schlüsselszene des Buches wird die Hebamme eines Nachts von Abertausenden von Fröschen verfolgt. Deren Quaken hört sich an wie das Weinen von Neugeborenen.

Kritik am Nobelpreisträger

Die Erzählung Mo Yans setzt 1960 ein, zur Zeit der grossen Hungersnot in China, und endet knapp fünf Jahrzehnte später. Sie spielt in einem kleinen Dorf in Gaomi, in der chinesischen Provinz Shandong. Sehr lebendig und farbig schildert der Autor mit der Stimme des Erzählers Kaulquappe die Schicksale der Dörfler. Die ersten 400 Seiten lesen sich ausserordentlich zügig. Auf das langfädige Theaterstück, das den Abschluss des Romans bildet und keine wirklich neuen Erkenntnisse bringt, hätte man hingegen verzichten können.

Die Kunst Mo Yans besteht darin, einschneidende Ereignisse der chinesischen Geschichte wie die Schrecken der Kulturrevolution, aber auch den wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahre aus der dörflichen Mikroperspektive zu schildern. Dort setzen seine Kritiker an. Mo Yan, dem letztes Jahr der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, wurde von chinesischen Dissidenten wie dem Künstler Ai Weiwei oder dem Schriftsteller Liao Yiwu vorgeworfen, China und seiner Geschichte gegenüber zu wenig kritisch zu sein. Nach der Lektüre von «Frösche» weiss man es besser. Denn Mo Yan spricht darin sehr wohl zahlreiche Missstände an. An erster Stelle kritisiert er die Ein-Kind-Politik der chinesischen Regierung, die zum Teil bis heute weitergeführt wird. Er macht keinen Hehl aus seiner Abscheu für korrupte und selbstherrliche Beamte, die sich Zweit- und Drittfrauen leisten, um einen männlichen Stammhalter zu zeugen. Er prangert die Ausbeutung der Frauen in den Textilfabriken an und die kapitalistischen Auswüchse im heutigen China, wo man mittlerweile für Geld alles bekommen kann – auch ein Baby.

Autobiographisch gefärbt

Doch Mo Yan bringt seine Kritik differenziert an; seine Hauptfigur Gugu, eine Repräsentantin des Systems, schildert er als komplexe und auch widersprüchliche Persönlichkeit. Mo Yan erzählt, wie Gugu als junge, begabte Hebamme im Dorf die moderne Geburtshilfe einführt und damit vielen Kindern und Müttern das Leben rettet. Er verschweigt aber auch nicht, dass Gugu gnadenlos schwangere Frauen jagt, um sie zur Abtreibung zu zwingen, und dabei auch deren Tod in Kauf nimmt. Dabei macht sie auch vor der eigenen Familie nicht halt. Die erste Frau ihres Neffen Kaulquappe, Renmei, stirbt bei einer gegen ihren Willen durchgeführten Abtreibung. Kaulquappe verrät dabei Renmei gleich doppelt: Nicht nur steht er nicht zu ihr, weil er Angst um seine Karriere in der Armee hat, sondern heiratet kurz darauf widerstandslos Kleiner Löwe, die Handlangerin seiner Tante Gugu.

Diese Episode, so erfährt man aus einem «Spiegel»-Interview mit dem Autor, ist stark autobiographisch gefärbt. Tatsächlich ist eine der Tanten Mo Yans Hebamme und auch er hat seine Frau genötigt, ein Kind abzutreiben.

Christina Genova

fc - buch der woche - mo yan

fc - buch der woche - mo yan