Rede
Hazel Bruggers Erste – in e-Moll

Die Slam-Poetin Hazel Brugger trat am Donnerstag als «Vorband» in der Reihe TOZintermezzo in der Zürcher Tonhalle auf. Lesen Sie hier ihre famose Einführung in die Welt der klassischen Musik für Klassik-Dummies

Hazel Brugger
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Die 22-jährige Slam-Poetin Hazel Brugger stand am Donnerstag erstmals in der Zürcher Tonhalle – und führte dort Klassik-Laien in die Welt der klassischen Musik ein. Jessica Wirth

Die 22-jährige Slam-Poetin Hazel Brugger stand am Donnerstag erstmals in der Zürcher Tonhalle – und führte dort Klassik-Laien in die Welt der klassischen Musik ein. Jessica Wirth

Jessica Wirth

«Was hab ich mir denn jetzt da wieder für eine Verantwortung eingeheimst! Ich bin ja froh, dass ich es überhaupt nach vorne geschafft habe, wenn auch mit sehr angestrengtem Rücken, um von meiner verkrumpelten Wirbelsäule und meiner bäuerlichen Gangart abzulenken. Aber stellen Sie sich vor, ich wäre auf dem Weg zur Bühne dramatisch ausgerutscht! Getaumelt, gestürzt, und hätte im freien Fall mit meinem ungeschickten Körper in den Kellertrakten der Tonhalle ein mundgeblasenes, handgetöpfertes Violoncello im Wert von mehreren zigtausend Millionen-Milliarden Franken zerstört. Eine grauenhafte Vorstellung!

Der Dingsbums-Dirigent dirigierte die Dingsbums-Sinfonie

Kennen Sie das «Irgendwas mit Moll Konzert»? Oder seine «Dingsbums-Variationen»? Wenn ja, sind sie der ideale Gast für die neue Reihe der Tonhalle-Gesellschaft Zürich: Als etwas andere After Hour bietet TOZintermezzo jeweils um 18.30 Uhr nicht nur coole Werbesprüche, sondern ein Schlüsselwerk der Klassik, einen Drink – und eine Einführung der 22-jährigen Slam-Poetin Hazel Brugger.
«Drink» ist etwas viel gesagt, standen doch da am Donnerstag die üblichen langweiligen Kongresshaus-Weine herum, irgendwo lag wohl auch noch der weiche Aprikosenkuchen. Schade. Wer die jungen urbanen Menschen gleich nach Büroschluss um 18.30 Uhr ins Konzert lockt, sollte sich nicht nur um die künstlerische Form, sondern gewiss auch um den Rahmen Gedanken machen. Es muss ja nicht gleich veganes Essen sein.
Die Botschaft der Reihe ist aber klar: Hier wird versucht, Zugang zu einem neuen, jungen Publikum zu finden. Und dieses vergnügte sich bestens. Die Schranken waren schon nach ein paar Worten der famosen Hazel Brugger gefallen. In ihrer kühnen zehnminütigen Rede ging sie mit der Institution «Konzertabend» so charmant und frech um, dass Tonhalle-Habitués herzhaft über sich selbst lachen konnten.
Dass es gleich danach todernst wurde, lag nicht an der Dingsbums-Sinfonie von Tschaikowsky, sondern am Zürcher Dingsbums-Dirigenten. Hat dieser 29-Jährige (!) den Saal doch endlich mal voll mit Gleichaltrigen, hat ihm eine Slam-Poetin eine Steilvorlage gegeben und von Pinguinen auf der Bühne gesprochen, kommt Monsieur Bringuier in den Saal, als sässen da die treusten 98-jährigen Abonnenten: Er verbeugt sich artig, dreht sich schwungvoll um, arbeitet … und geht schnurstracks wieder ab. Ein Wörtchen zum Publikum? Zwei Zentimeter Schwellenabbau? Warum auch, ich bin doch hier der Maestro! Ach, alte Klassikwelt, wann merkst du endlich, dass du im Sterben liegst?
Die Reihe TOZintermezzo kann sich noch verbessern – aber sie hat unheimlich viel Potenzial. Schon im Februar geht’s in die zweite Runde. (hristian Berzins)

TOZintermezzo Do., 11. 2. 2016, und Do., 17. 3. 2016, 18.30 Uhr (mit Hazel Brugger).

Zumal ich offen gestanden nicht einmal wirklich weiss, was denn so ein Violoncello genau ist. Für mich klingt das ein bisschen nach lila-farbenem Limoncello.

Aber ich schweife ab. Wir sind ja heute hier wegen dem, was passiert, und nicht wegen all dem, was hätte möglich sein können.

TOZintermezzo, 45 Minuten für 45 Franken, ein Franken pro Minute, das ist genau so teuer wie der Schnupperkurs für Jugendliche im Country-Line-Dance an der Migros Klubschule in Olten. Eine Minute für einen Franken, 15 Mal teurer als ein Platz im Parkhaus Opéra, und immerhin saftige viereinhalb Mal billiger als ein intimes, zukunftsweisendes Telefonat mit Hobby-Prophet Mike Shiva.

45 Minuten, von denen Ihnen nie wieder jemand eine klauen können wird, ein Abend in der Tonhalle Zürich, das ist quasi wie Youtube schauen in echt, mittendrin statt nur dabei, 45 Minuten, das ist Zeit, die Sie sonst mit 22-einhalb Mal Zähneputzen füllen könnten, mit 820 Mal sehr herzhaft niesen, 8100 Wimpernschlägen oder einer halben Wartezeit für ein Gespräch mit der Hotline von der Cablecom.

Und warum das Ganze? Warum Kultur, warum Orchester, und warum um alles in der Welt ausgerechnet Poetry Slam als Vorspiel vor dem Vorspielen? Warum sollte man denn eigentlich überhaupt noch aus dem Haus gehen, gerade im kalten Hochnebel, wie er einem dieser Tage um die Ohren suppt. Warum nicht einfach wie die Bären in Alaska Ende Oktober Harz, Laub und Haare fressen, bis der Enddarm zugestöpselt ist und man sich einen Winter lang nicht in die Hose macht. Licht aus, Decke über den Kopf und warten, bis im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt.

Dann könnte man die Adventszeit verschlafen und müsste sich beim Anblick der Bahnhofsstrassen-Weihnachtsbeleuchtung nicht fragen, ob ein Suizid in der Parfum-Abteilung vom Jelmoli als politisches Statement oder kaltherziger Wahnsinn durchgehen würde.

Dann doch lieber Tschaikowskis Sinfonie Nummer 5 in e-Moll. Da weiss der Bildungsbürger, was er hat! Der Name spricht ja schliesslich Bände.

Ursprünglich wollten meine Eltern uns Kinder auch durchnummerieren. Bruggers Erstes, Bruggers Zweites, Bruggers hoffentlich bald Letztes. Und je nach Charakterzug hätten sie uns dann noch eine Tonart unterjubeln können. Besser allemal als ihr zweiter Plan, uns nach dem Ort zu benennen, wo wir gezeugt wurden. Manchmal nennt mich meine Mutter heute noch liebevoll ihr «Wohnzimmer-Teppich-Kind» und meinen einen Bruder stolz und schlicht «Ibiza». Leider nicht nach der Insel, sondern nach dem Seat Ibiza.

Aber warum sind Sie also heute hier? Damit Sie Ihren Freunden am Weihnachtsfest dann erzählen können, Sie seien in der Tonhalle gewesen? Damit diese sich wiederum schlecht dafür fühlen, schon wieder nur Fussball, schon wieder nur lustige Katzenvideos auf dem Smartphone auf dem Klo geschaut zu haben – damit Sie eine Ausrede haben, warum Sie heute Abend schon wieder nicht joggen waren, oder weil Sie, wie ich, geflüchtet sind vor Horror-Chläusen und Kaufhausketten-Lautsprechern, die «Last Christmas, I gave you my heart» in die überparfümierten Säle schleudern?

Vielleicht sind wir auch alle einfach hier, um uns ein knappes Stündchen lang vom Gedanken abzulenken, dass wir alle unweigerlich irgendwann mal sterben werden. Weil wir hoffen, dass von uns am Ende noch was übrig bleibt. Eine Sinfonie, ein Wikipedia-Artikel, Cholera-Gerüchte, ein vergessener Regenschirm an der Tonhallen-Garderobe, irgendetwas halt, was uns das Gefühl geben könnte, dass das Leben einen Sinn hat, weil es mal zu Ende geht und nicht obwohl.

Wäre Tschaikowski, oder wie man ihn selten nannte «Herr Tschaikowski», wäre Herr Tschaikowski also normal und glücklich gewesen; hätte er ständig grenzdebil in der Gegend herumgegrinst und sich nicht zumindest ab und an als tief geplagter Geist gefühlt, als Trauerkloss in kalter Borschtsch, dann wäre er kaum Komponist geworden, sondern hätte vermutlich «s KV gmacht und so chli work and travel und so, weisch, chli anderi Kulture go aluege, isch de Wahnsinn, es git Lüüt, die händ so wenig und sind trotzdem so zfride, amazing».

Schliesslich ist Kultur ja nichts Normales. Niemand, der «normal» ist, kommt auf die Idee, unter monatelangen Schweissausbrüchen ein paar Holzplatten zusammenzukleben und so lange zu formen, bis man darauf Saiten spannen kann, um darauf wiederum mit Pferdehaaren Töne zu erzeugen, die anderen Leuten Glück bringen könnten.

Kultur ist nie normal, normal ist die Natur, normal ist, wenn der Vogelmann so lange singt, bis seine Vogelfrau sagt «jä guet Ruedi, chasch la tschäddere lah, machemer halt sones Vogelchind, wird da halt nüt mit minre Karriere».

Normal ist, dass der Pinguin einen Frack trägt, weil man ihn dann von oben im dunklen Wasser nicht gut sieht und von unten gegen die helle Sonne auch nicht. Nicht normal hingegen ist, dass ein paar Leute sich wie Pinguine verkleiden und dann lange geprobte Balzgeräusche von Vögeln machen, weil vorne ein preisgekrönter Franzose mit einem Zauberstab irgendwelche wirren Formen in die Luft reinwedelt.

Das ist doch nicht normal, das ist kulturell.

Kultur ist immer künstlich, Kultur ist immer Kunst, Kunst ist immer Kultur, Kultur ist schnell gepflanzt und und leicht wieder weggebracht.

Natur hingegen: langsam im Entstehen und durch Kultur dann manchmal schnell wieder kaputt. Es gibt 2015 Jahre alte Mammutbäume, die in einer zwanzig Minütigen Husqvarna-Säge-Session zerstört werden. 2015 Jahre Wachstum für ein paar Luxus-Tischplatten und einen Haufen Späne. Und andererseits würden zwanzig Minuten Spaziergang übers Wasser reichen, um 2015 Jahre später noch den Geburtstag eines virtuosen Redners als offiziellen Feiertag zu deklarieren.

Kultur wird gelernt, Kultur ist nurture und nicht nature, und ich würde vermutlich lieber jeden Abend ein komplettes Orchester für meine Mutter und meinen Vater aus eigener Tasche bezahlen, als meinen Eltern noch einmal erklären zu müssen, wie man iTunes installiert.

Und wie gesagt, eines Tages werden wir alle sterben. Aber an allen anderen Tagen eben nicht.

Ich wünsche Ihnen ganz viel Spass beim Konzert – freue mich einerseits sehr, hier zu sein, und kann es andererseits ja gar nicht fassen, dass ich das hier, was gerade passiert ist, einfach so, im Rahmen der kultivierten Natur der Dinge, machen durfte, Hazels Erste, in e-Moll.»

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