Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

«Mit Humor macht man sich verletzlicher» – im Gespräch mit Hazel Brugger

Hazel Brugger füllt jetzt mit ihrem zweiten Soloprogramm die Säle in der Schweiz und in Deutschland. Ein Gespräch mit der 25-jährigen Zürcherin über Babys, Selbstironie und getragene Turnschuhe.
Interview: Michael Graber
Hazel Brugger: «Zu Hause lache ich sehr viel und gerne.» (Bild: Pius Amrein)

Hazel Brugger: «Zu Hause lache ich sehr viel und gerne.» (Bild: Pius Amrein)

Wir treffen Hazel Brugger zwei Tage vor der Premiere ihres neuen Programms. Sie arbeitet im Kleintheater Luzern und wirkt etwas angespannt. Am Abend findet die zweitletzte Vorpremiere ihres Stücks «Tropical» statt. Es scheint fast, als wäre da noch nicht alles fertig und Teile des Stücks noch im Umbau. Die Anspannung verfliegt aber, sobald das Interview beginnt.

Vor der Premiere am Freitag gab es noch gefühlte 300 Vorpremieren …

… nein, das ist gar nicht wahr. Es waren eher 14.

Ist das Stück nun fertig oder nicht?

Nein, es ist noch nicht fertig. Es ist per Definition erst dann fertig, wenn die Premiere ist, darum ist es jetzt noch nicht fertig. Es ist wie ein Geburtstermin, es ist einfach dann fertig, wenn es da ist.

Und dann ist es fixfertig?

Nein, das Programm wird immer ein bisschen anders sein. Für mich wäre es sonst langweilig. Der Zuschauer merkt davon aber eigentlich wenig, es sei denn, er kommt mehrmals.

Gab es diesmal mehr Druck beim Gestalten, nachdem Sie mit dem ersten Stück alles abgeräumt haben?

Ja, sicher. Es ist wie bei einer Schwangerschaft. Ich kenne das zwar nur aus der Distanz, aber man sagt, dass die erste Geburt deutlich länger dauere. Beim zweiten Mal komme das Kind in der Regel schneller zur Welt. Aber die Gelassenheit, die man eigentlich bräuchte, um mit dem zusätzlichen Druck umzugehen, hat man trotzdem noch nicht. Unter dem Strich fand ich den Druck jetzt grösser als beim ersten Programm.

Macht dieser Druck speziell kreativ oder blockiert er einen?

Mal spornt er an, mal blockiert er. Ich denke, dass vor allem der äussere Druck einen komplett blockiert. Und dann ist die Frage, wie man mit dieser Blockade umgeht. Manchmal ist man in dieser Blockade gefangen, und manchmal schottet man sich deswegen so ab, dass man schon wieder kreativ wird. Wenn man im Gefängnis sitzt, hat man auch mega viel Zeit zum Nachdenken. Man muss die Langweile bekämpfen.

Der Titel des neuen Programms lautet «Tropical». Da hat ja keiner eine Ahnung, worum es geht.

Ich finde es auch nicht wichtig, dass die Leute wegen des Titels wissen, um was es geht. Idealerweise kommen die Leute ja wegen mir und nicht wegen des Titels. Und ich bin ja da. Jedes Mal.

Wieso haben Sie in Luzern Premiere und nicht in Köln oder Berlin?

Weil ich dann mit dem «Kölner Stadt-Anzeiger» oder der «Berliner Morgenpost» und nicht mit euch reden müsste. War das eine gute Antwort?

Es geht.

Im Ernst: Mir gefällt es hier – ich hatte schon meine letzte Premiere hier. Das Essen ist gut, die Leute sind nett. Und: Es hat hier eine gute Grösse. Ich möchte nicht vor 600 Personen eine Premiere haben. Da weckt man Erwartungen, die man bei einer Premiere gar nicht erfüllen kann. Bei einer Premiere bin ich noch nicht dort, wo ich sein will.

Also ist man eigentlich doof, wenn man an die Premiere kommt?

Das haben jetzt Sie gesagt.

«Rechte Politiker denken oft, dass Selbstironie ein Zeichen von Schwäche ist.»

Dass Sie Säle für 600 Personen füllen können, hängt auch mit der «Heute-Show» im ZDF zusammen, wo Sie häufig Politiker vorführen. Was machen Sie lieber?

Das ist, wie wenn ich sagen müsste, welches meiner beiden Lieblingsessen ich lieber esse. Ich finde beides super. Und vor allem: Ohne das andere, würde mir das eine bald zum Hals raushängen. Es sind komplett unterschiedliche Dinge.

Haben Sie nicht Mitleid mit den Politikern, die Sie in der «Heute-Show» vorführen?

Doch. Natürlich. Aber wenn die auf keinen Fall wollen, dass die Aufzeichnung ausgestrahlt wird, dann strahlen wir das auch nicht aus.

Ist es einfacher, zu Leuten böse zu sein, die man nicht mag?

Ich finde es deutlich einfacher, wenn man sich gegenseitig mag. Dann ist es okay, böse zueinander zu sein – wie beispielsweise unter Geschwistern. Wenn ich weiss, dass ich diese Person nicht mag und mich diese Person nicht mag, dann ist es schwieriger zu sagen, ist das jetzt noch Humor, oder ist es bereits Mobbing. Das ist unangenehm.

Haben linke oder rechte Politiker mehr Selbstironie?

Grundsätzlich sollte jeder gute Politiker Selbstironie haben. Im linken Spektrum ist man sich bewusster, dass Selbstironie eigentlich sympathisch rüberkommt. Rechte Politiker denken oft, dass Selbstironie ein Zeichen von Schwäche ist.

Wie schaffen Sie es, in der «Heute -Show» nicht laut loszulachen, wenn sich gewisse Politiker komplett zum Affen machen?

Ich weiss vor allem, wie viel Arbeit dahintersteckt. Wir sind da sechs Stunden mit dem Zug hingefahren, und wenn ich mit Lachen anfange, ist alles kaputt.

Also trainiert man das nicht mit Freunden?

Nein. Ich lache im Gegenteil sehr viel und gerne zu Hause.

Kann man Sie tatsächlich zum Lachen bringen?

Ja. Sehr einfach sogar. Aber ich verrate jetzt nicht wie.

Sie machen in der «Heute- Show» höchst politische Dinge, sind selber aber überhaupt nicht politisch.

Das ist jetzt eine Unterstellung.

Aber in Ihrem Bühnenprogramm sind Sie zumindest unpolitisch.

Das stimmt. Und das ist auch absichtlich so. Ich denke auch, dass das Publikum ein Recht hat, nach zweieinhalb Jahren Präsident Trump und dem Erstarken der politischen Satire wieder mal zwei Stunden zu lachen, ohne dass es noch einen moralischen Einschlag haben muss. Das Leben ist ja insgesamt auch viel mehr als einfach nur Politik.

«Jeder Comedian wäre doch im Grunde gerne ein Rockstar.» (Bild: Pius Amrein)

«Jeder Comedian wäre doch im Grunde gerne ein Rockstar.» (Bild: Pius Amrein)

Sie haben mal gesagt, Humor sei ein Weg, mit unangenehmen Situationen umzugehen. Wieso zeigen dann gerade Politiker so selten Humor?

Das ist eine gute Frage. Mit Humor macht man sich verletzlicher. Humor kann auch immer falsch verstanden werden. Vor allem von Leuten, die einen falsch verstehen wollen. Wenn ein Politiker einen Witz macht, der nicht oder falsch zündet, dann ist das ungleich schlimmer, als wenn ein Comedian das macht. Darum hat man ja auch immer das Gefühl, dass ein Politiker so mutig ist, wenn er mal einen Witz macht.

Viele versuchen dann, witzig zu sein, wenn ihre Karriere zu Ende geht.

Es gibt schon solche, die es versuchen. Thomas Aeschi von der SVP war etwa bei Michael Elsener in der Sendung zu Gast und hat ein paar Jokes gemacht – sie haben halt einfach nicht gut funktioniert. Das liegt einerseits am Kontext und andererseits daran, dass Humor eben auch ein Fach ist, das man lernen muss.

Sagt die 25-Jährige.

Ja, ich bin auch noch nicht da, wo ich hin will. Geben Sie mir noch 10 Jahre. Andererseits mache ich das ja auch schon, seit ich 17 Jahre alt bin.

In Ihrem Programm geben Sie viel Persönliches preis. Braucht es als Komikerin Privates auf der Bühne?

Ich glaube schon. Damit es mehr als nur Blödelei ist, muss es etwas Privates haben. Damit macht man sich verletzlich. Das wiederum legitimiert, dass ich nicht noch eine politische Message habe. So kann ich sagen: «Hey, meine Message ist, dass wir menschlich angreifbar sind. Jeder Mensch tickt anders. Ich ticke so. Jetzt könnt ihr euch daran bedienen.»

Wie privat ist dieses Private?

Sehr privat teilweise. Aber schon nicht so privat, dass ich auf der Bühne denke: Diese 400 Leute will ich jetzt nie mehr auf der Strasse sehen. Aber es ist schon alles sehr ehrlich.

Setzt man sich auch Grenzen?

Ja. Sobald es um andere Menschen geht – und das geht es ja schnell, wenn es privat wird.

Aber Sie sprechen ja wahnsinnig viel über Ihre Familie.

Aber für die ist es ja auch okay.

Immer?

(lacht)

Also zumindest fast immer. Ich deute ihnen im Vorfeld an, was ich sagen werde, und wenn sie es komplett daneben finden, lasse ich es halt.

Im Pressetext zu Ihrem neuen Stück steht: «Dort, wo es wehtut, fängt das Lachen erst richtig an.» Muss man sich als Künstler auch manchmal selber wehtun, um die Leute zum Lachen zu bringen?

Ja. Ich denke sogar, dass das das Spannendste ist. Wenn die Leute sehen, dass da jemand steht, der eine Krise durchlebt hat und jetzt aber drüber hinweg ist, kann sich das Publikum zum einen mit Schadenfreude an der Krise ergötzen, zum anderen aber auch eigene Lehren ziehen, wie man aus einer Krise herauskommt. Da fühlt sich das Publikum danach stärker als vorher. Also vielleicht. Merken Sie, ich versuche gerade, mir Theorien aus dem Ärmel zu ziehen?

Es klingt ganz gut.

Danke.

In Ihrem Programm gibt es zwei Konstanten. Den Tod ...

Der kommt nicht mehr vor. Der hat sich abgeschafft.

Okay. Und das andere sind Babys. Kommen die wenigstens wieder vor?

Ein bisschen. Babys sind super.

Warum sind Babys super?

Weil Babys super sind. Das ist die kurze Antwort.

Und die lange?

Babys zeigen uns, wie viel wir mal gewesen sind. Ich finde es komisch, wenn man sagt, dass Babys wie ein weisses Blatt sind, und dann kommt immer mehr dazu. Babys können eigentlich schon alles, und wir trainieren denen dann nach und nach alles weg. Die Sensibilität zum Beispiel. Babys merken, wenn jemand nicht ausgeglichen ist, und reagieren dann darauf. Das verlieren sie leider mit der Zeit. Zudem finde ich es spannend, zu wissen, dass jeder mal ein Baby war – auch Christoph Mörgeli war mal ein Baby, eine komische Vorstellung.

Wollen Sie selber auch mal Babys?

Das finde ich jetzt eine sehr persönliche Frage. Aber ja: Wenn ich mal Kinder will, dann schon Babys. Mit Babys anfangen, und dann schauen wir weiter.

Wann haben Sie das letzte Mal gedacht: Darüber kann man keine Witze machen?

Vorgestern.

Worum ging es?

Um das Kind, das in Spanien in den Brunnenschacht gefallen ist. Darüber kann man keine Witze machen. Es ist einfach nicht lustig. Und es ist vor allem nicht nötig, dass man da Witze drüber macht.

Also sind tote Kinder die Grenze?

Tote Kinder von jemand anderem, ja. Wären es meine eigenen, wäre es wohl etwas anderes.

«Man könnte 24 Stunden am Tag über Sexismus sprechen.»

Auf Twitter haben Sie kürzlich einen Screenshot gepostet, auf dem jemand Sie um gebrauchte Turnschuhe mit einem Autogramm drauf bat. Ist das das Merkwürdigste, was je an Sie herangetragen wurde?

Um Himmelswillen, nein. Nicht im Ansatz. Ich weiss zwar nicht mehr, was das Merkwürdigste war, aber da gab es noch viel üblere Dinge.

Was macht man bei solchen ­Anfragen?

Einfach nix. Oder vielleicht einen Screenshot für Twitter.

Lesen Sie Kommentare unter Ihren Videos auf Facebook und Co.?

Wenn ich das Video selber gemacht habe, schon. Ich habe gerade eine neue Serie, da schaue ich dann schon rasch, was die Leute dazu meinen. Bei der «Heute-Show» aber nicht. Da sind es schlicht zu viele Kommentare.

Da stehen teilweise recht böse Sachen. Sie seien «linksversifft» ...

Ah, Sie lesen mir jetzt meine bösen Kommentare vor. Danke vielmals. Sehr cool.

Die richtig Bösen habe ich ausgelassen. Aber im Ernst: Kann man irgend­wann mit solchen Sachen umgehen?

Nein, nicht wirklich. Man kann so damit umgehen, wie wenn man am Abend Nachrichten schaut und am Morgen trotzdem wieder aufstehen kann. Aber wenn man sich wirklich damit befasst, nimmt einen das schon mit.

Neben den bösen Kommentaren hat es auch viel Anzügliches drunter.

Das sind alles Männer über 50.

Auffällig finde ich, dass das immer nur bei Frauen steht, die etwas auf der Bühne machen. Keine Frau käme auf die Idee, bei einem Mann etwas Ähnliches zu schreiben.

Männer, die etwas auf der Bühne machen, sind eben auch selten hot (lacht). Die haben so viel Humor und Charisma, dass sie gar nicht schön aussehen müssen, um attraktiv zu sein. Aber natürlich würde ich nie so etwas als Kommentar schreiben. Ich habe aber auch noch nie gedacht: «Hey, der ist schön. Komm, ich frage ihn nach seinen alten Turnschuhen.»

Aber ist es als Frau nicht mühsam, dass man so oft auf das Äussere reduziert wird?

Ach, natürlich ist das alles mühsam. Es ist doch für Sie sicher auch mühsam, dass Sie ein Gespräch mit einer Frau führen und sich überlegen müssen, wie Sie sie drauf ansprechen, dass sie eine Frau ist. Das ist halt so. Man könnte 24 Stunden am Tag über Sexismus sprechen. Man kann es aber auch lassen und sich für zwei von 24 Stunden auf die Bühne stellen und ignorieren, dass 20 Prozent der Leute nur drüber reden, wie man aussieht. Ich mache das Ganze grundsätzlich für die anderen 80 Prozent.

Wenn wir schon bei Prozenten sind: Sie sagten, Sie seien noch nicht dort, wo Sie hinwollen. Bei wie viel Prozent sind Sie schon?

Etwa bei 30.

Was kann da noch kommen?

Uh (lacht). Vieles. Noch 70 Prozent mehr. Ich habe bis jetzt keine Dance­moves und keine Gesangseinlagen. Es wird mal wie bei DJ Bobo im Europapark. Jeder Comedian wäre doch im Grunde gerne ein Rockstar.

Das war’s. Viel Erfolg für die ­Premiere.

Danke. Wollen Sie noch meine Turnschuhe?

Was haben Sie für eine Schuhgrösse?

42.

Dann würden sie mir sogar passen. Aber ich denke, wir lassen es lieber.

Wir könnten ja tauschen.

Hazel Brugger – zum Tour-Ende in die Ostschweiz

Hazel Brugger wurde am 9. Dezember 1993 in San Diego, Kalifornien, geboren (ihr Vater hatte dort beruflich zu tun). Sie wuchs mit zwei älteren Brüdern in der Nähe von Zürich auf. Ihr Schweizer Vater ist Neuropsychologe, ihre deutsche Mutter Englischlehrerin. Nach der Matura an der Kanti Zürcher Unterland begann Brugger ein Studium der Philosophie und Literatur an der Uni Zürich, das sie nach einigen Semestern jedoch abbrach.

Mit 17 Jahren begann sie ihre Karriere auf einer Poetry-Slam-Bühne in Winterthur. 2013 gewann sie den Schweizer-Meister-Titel im Poetry-Slam, 2015 startete sie ihr erstes abendfüllendes Programm. Seit 2016 ist sie in der «Heute-Show» des ZDF als «Aussenreporterin» tätig. 2017 gewann sie als bisher jüngste Preisträgerin den Kabarett-Preis Salzburger Stier für die Schweiz. Seit 2016 lebt sie in Köln.

Das zweite Soloprogramm «Tropical» hatte am Freitag Premiere. Weitere Aufführungen in der Schweiz sind in der ersten Jahreshälfte zumeist bereits ausverkauft. Gegen Tour-Ende tritt Hazel Brugger in St.Gallen, Wil, Frauenfeld, Weinfelden und Herisau auf.
www.hazelbrugger.com

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.