Hazel Brugger im Lockdown: Bücher nach Farben ordnen besänftigt die gelangweilte Seele

Die Schweizer Comedienne und «heute»-Show-Star Hazel Brugger dreht während des Lockdown mit Comedy-Autor Thomas Spitzer in ihrer Kölner Wohnung Filme. In ihrer mehrteiligen Youtube-Homestory «Social Distancing» fehlen zwar die Interviewpartner. Macht aber nichts. Hazel ist trotzdem in Hochform.

Julia Stephan
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Das Werk ist vollbracht: Hazel Brugger vor ihrem nach Farben sortierten Bücherregal.

Das Werk ist vollbracht: Hazel Brugger vor ihrem nach Farben sortierten Bücherregal.

Bild: Thomas Spitzer

Thomas mag «organisch» gewachsene Wohnumgebungen. Hazel steht auf «Ecken und Kanten». Thomas liebt Zimmerpflanzen. Hazel fühlt sich vom Grünzeug bedrängt. Deshalb hat Thomas ein paar seiner mit Biodünger liebevoll herangezüchteten Gewächse für Hazel extra in sein externes Büro gezügelt. Denn, so sagt er es in der gemeinsamen «Social-Distancing»-Serie auf Youtube mit prononcierter Reality-Show-Rhetorik sehr bestimmt in die Kamera: «Ich unterstütze Hazel, wo ich nur kann.»

Und Hazel, die bekannteste Schweizer Comedienne? Die kontert das in Reality-Formaten oft erzählte Märchen gegenseitiger Unterstützung mit dem Bild des kürzlich gemeinsam angeschafften Staubsauger-Roboters. Der liesse sich partout nicht auf den Grundriss der gemeinsamen Wohnung programmieren und knalle ständig gegen Möbel und Wände. «So ist Thomas.»

Ist Haareschneiden eine Liebeserklärung?

Da spricht ein eingespieltes Paar, das gelernt hat, Aggressionen zu sublimieren, indem es über Gegenstände ätzt. In Coronazeiten keine schlechte Eigenschaft. Die beiden scheinen ja auch tatsächlich ganz gut miteinander auszukommen in ihrer Kölner WG. Ob Hazel Brugger und ihr deutscher Humorkollege Thomas Spitzer ein Paar sind oder ob sie kollegial zusammenleben, das finden wir in ihrer neuen Serie nicht heraus. Dass Hazel, videoferngesteuert durch Thomas’ Coiffeuse, ihrem Mitbewohner in Folge drei aber die Haare schneiden darf, gibt zumindest Anlass zu Spekulationen. Der «Schweizer Illustrierten» hatte Brugger kürzlich verraten, dass sie schon ihrem Kindergartenschatz einst die Haare kürzte. Also doch eine Liebeserklärung?

Gedreht wurde die Serie als Homestory in der gemeinsamen Wohnung in Köln. Die beliebte Aussenreporterin der deutschen «heute»-Satireshow, die normalerweise Politiker mit ihren direkten Fragen aus dem Konzept bringt, und Spitzer, der für die «heute»-Show als Gagschreiber arbeitet, reiben sich an dem, was die Krise ihnen gelassen hat: das Zusammenleben mit den angehäuften Besitztümern auf ein paar Quadratmetern Mietwohnung. Auf diese Gegenstände werden in der «Social-Distancing»-Show neue Perspektiven gesucht. Man entdeckt alles neu, auch die Gewohnheiten des Mitbewohners, über dessen Birkenstock-Sandalen man sich plötzlich wundert.

Wie nebenbei erfährt man, dass Hazel Brugger das Preisgeld des Salzburger Stiers, des bedeutendsten Kabarettpreises des deutschsprachigen Raums, nicht in kreative Projekte investiert hat, sondern in ein USM-Regal («Ich brauche kein Geld um kreativ zu sein»). Hazel degustiert blind Joghurtsorten, bläst zu Ostern Strausseneier aus.

Und das stattliche Bücherregal, Status-Symbol in Coronazeiten, wird in Folge eins von ihr nach Farben geordnet. So erfahren wir nebenbei gleich noch, dass Hazel Bruggers Lieblingsbuch von Markus Werner stammt und «Die kalte Schulter» heisst. Was irgendwie stimmig ist, weil die Lachhaftigkeit der Existenz Hazel genauso umtreibt wie den Protagonisten aus Werners Roman.

Manchmal stürzt diese vertiefte Betrachtung des eigenen Lebensstils die sich gegenseitig abfilmenden Protagonisten in moralische Dilemmata: Darf Hazels Louis C. K.-Tasse während des Lockdowns aus dem Küchenschrank raus? Zur Erinnerung: Der US-Komiker, Bruggers künstlerisches Idol, war durch die «Me-Too-Debatte» in Ungnade gefallen und hatte bei seinem Auftritt in Basel letztes Jahr Proteste ausgelöst. Kollege Thomas sorgt sich anderswo: Er findet, dass die optisch imposante Hitler-Biografie während der Dreharbeiten nichts im Bücherregal zu suchen hat.

194 000 Fans auf Youtube schauen zu

Hazel Brugger und Thomas Spitzer beweisen mit ihrer Serie einmal mehr, dass sie grandiose Humor-Sparring-Partner sind, die sich Steilvorlagen für Pointen mühelos zuboxen. Ihr Youtube-Kanal «Hazel & Thomas» zählt mittlerweile 194 00 Abonnenten. Ihre Youtube-Show «Deutschland, was geht?», für die sie vom Sargbau-Workshop bis zum Alpaka-Yogakurs sich auf die bizarrsten Angebote unserer Dienstleistungsgesellschaft einliessen, ist legendär.

Genauso ihre ebenfalls in der Wohnung gedrehte anarchische Low-Budget-Talkshow «Die Hazel Brugger und Thomas Spitzer haben eine Show Show». Darin empfingen sie Politiker als inkarnierte Tiere. Unvergessen: Angela Merkel als Mops oder AfD-Politikerin Alice Weidel als Schildkröte. In Corona-Zeiten haben sie nur sich. Und das reicht anscheinend völlig aus.