Haydns Sonne, Schönbergs Nacht

Ernsthaftigkeit und sangliches Spiel verbinden die Geigerin Julia Fischer und den Schweizer Pianisten Oliver Schnyder. Am Mittwoch begeisterten sie in der Tonhalle St. Gallen beim Migros-Classics-Konzert.

Bettina Kugler
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Einfach schön: So klingt Haydns Violinkonzert G-Dur bei Julia Fischer und der Academy of Saint Martin in the Fields am Mittwochabend in der Tonhalle. Ein kleiner, unprätentiöser Vorläufer späterer Virtuosenschwergewichte der Romantik. Keine Musik, die Aufsehen erregt, sich mit Effekten wichtig macht, das Publikum derart in Staunen und Verzückung versetzt, dass es am Ende einfach aufspringen und stehend applaudieren muss.

Was die deutsche Geigerin, längst auf Augenhöhe mit Anne-Sophie Mutter, am Ende doch erreicht und in ihrer bescheidenen Art freundlich zur Kenntnis nehmen wird – nach Mendelssohns Doppelkonzert d-Moll mit Oliver Schnyder am Klavier und einer Zugabe aus dem Reich der Teufelsgeiger, ebenfalls mit leichtem Strich, dezenter Zurückhaltung und Souveränität gespielt.

Seelenverwandte Solisten

Es ist ihr sanglicher, nicht zu üppiger Ton, der sofort bezaubert; ihr Gespür für anmutige Phrasierung, ihr Teamgeist im geradezu kammermusikalischen Zusammenspiel mit der erfahrenen Academy: alles Tugenden, die Haydns sonnig helles Konzert adeln. Zumal Julia Fischer ihre makellose Technik nicht beweisen und zur Schau stellen muss. Man hört schon bei Haydn, wozu sie in der Zugabe von Saint-Saëns in der Lage ist.

Hier wie dort walten Verspieltheit und Esprit, während Julia Fischer mit dem ihr seelenverwandten Oliver Schnyder in Mendelssohns Konzert zu emotionaler Hochform aufläuft. Die Musiker der Academy of Saint Martin in the Fields gönnen den Solisten ihren virtuosen Wettstreit und machen in grösster Harmonie mit ihnen hörbar, welches Genie im seinerzeit erst vierzehnjährigen Mendelssohn schlummerte. Technische Brillanz ist bei Schnyder und Fischer nie Selbstzweck, sondern stets Mittel zu eloquentem Dialog.

Innig und aufgewühlt

Mit grösster Selbstverständlichkeit nimmt Julia Fischer für Arnold Schönbergs «Verklärte Nacht» im Orchester Platz – wobei die Führungsrolle in diesem betörenden Fall spätromantischer Klangpoesie nicht einmal bei der ersten Geige liegt. Die Academy braucht das nicht; sie agiert mit zartem Pathos, durchstreift innig und aufgewühlt, dabei hochkonzentriert Schönbergs nächtliche Schatten.