Die Miteinandermaler in Steckborn

Lorenz Boskovic und Vincent Scarth malen ihre Bilder vierhändig und sind derzeit im Haus zur Glocke in Steckborn zu sehen. Ein Atelierbesuch in Zürich.

Dieter Langhart
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Aus NZZ mach «Thurgauer Zeitung»: Vincent Scarth und Lorenz Boskovic in ihrem Atelier.

Aus NZZ mach «Thurgauer Zeitung»: Vincent Scarth und Lorenz Boskovic in ihrem Atelier.

Bild: Dieter Langhart

Die erste Frage, die fast alle stellen, die ihre Bilder sehen, lautet: «Geht das?» Gemeint ist: Gemeinsam am selben Bild malen. Klar gehe das, sagen Lorenz Boskovic (geb. 1990 in Steinebrunn) und Vincent Scarth (geb. 1992 in Windisch). Auch ein Rubens habe schliesslich ein Malatelier betrieben und nicht alles selbst gepinselt. An der Werkschau Thurgau war das Duo jüngst zu sehen, derzeit ist es im Haus zur Glocke in Steckborn in der Gruppenausstellung «Malerei? Malerei!» vertreten. Ihr Atelier haben sie in Zürich.

An ihrem Kreativort im stillgelegten Schulhaus haben sie alles ihnen Wichtige ausgelegt: ein gut zwei auf zwei Meter messendes Bild, drum herum liegen Gegenstände, die ihnen wichtig sind oder die als Motive auftauchen; an einer Wand hängt das Gemälde, das an der Werkschau zu sehen war. Gitarren, Elektronik und ein Schlagzeug verweisen auf die zweite Verwendung des Raums als Proberaum von Scarths Band. Überall sind Bücher, auch der Tisch ist verstellt – wichtigstes Gerät: die Moka.

Keiner ist Chef beim Paint-Sharing

Sie haben sich flüchtig gekannt, studierten an der Zürcher Hochschule der Künste und sassen auch in Judit Villigers Fachdidaktikkurs. «Sie fordert einen», sagen sie. Jetzt hat sie sie zu ihrer neuen Ausstellung eingeladen.

Wieso machen sie Paint-Sharing? «Wir probierten das mal aus. Jeder malte für sich, dann tauschten wir die Bilder, malten des andern Bild weiter.» Das Austauschen und Ausprobieren gefiel ihnen – und seit zwei Jahren entstehen all ihre Werke gemeinsam. Keiner ist Chef, das ist ihnen wichtig, also kein Meister mit seinem Adlatus. Scarth sagt: «Das war eine Entdeckung für uns – wir können es sehr empfehlen.» Beide unterrichten an Gymnasien, sie müssen sich also absprechen, wann sie miteinander malen. Und sie schlagen konzeptionell einen Bogen zu Judit Villiger und ihrer Kunstvermittlung: «Auch unsere Bilder weisen einen Vermittlungsaspekt auf.»

Vor gut einem Jahr stellten sie einen sieben Meter langen «Riesen-Wels» in Zürich aus. Zerschnitten nicht einen Fisch, sondern das Bild eines Wels, das allerdings auch stank. Sie wollten sich bewusst nicht auf eine Metaebene begeben, also nicht die Erwartungshaltung der Betrachter erfüllen.

«Wir sind Maler, nicht Künstler»

Lorenz Boskovic und Vincent Scarth vor jenem Bild, mit dem sie kürzlich an der Werkschau Thurgau teilgenommen haben.

Lorenz Boskovic und Vincent Scarth vor jenem Bild, mit dem sie kürzlich an der Werkschau Thurgau teilgenommen haben.

Dieter Langhart

Boskovic und Scarth wollen den Betrachter herausfordern, wollen wissen und zeigen, was hinter der Kunst ist. «Wir reden zwar viel über Kunst, aber beziehen uns stets auf Bilder. Wir sind Maler, nicht Künstler.» Für dumm verkaufen wollen sie niemanden, ihm aber ein Rätsel aufgeben. Ihre Bilder sollen mit dem Alltag interagieren, nicht dessen Abbild sein.

Für die Ausstellung in Judit Villigers Haus zur Glocke formulieren sie es so: «Lorenz Boskovic und Vincent Scarth malen, sich ständig unterhaltend, Schulter an Schulter, am gleichen Gemälde. Über die Malerei dokumentieren sie ihre Umgebung und verwischen dabei bewusst die Grenzen zwischen Realität, Bild und Erzählung.» Und als wollten sie dies illustrieren, holt Lorenz Boskovic eine Ausgabe der «NZZ» hervor, die in ihr Bild am Boden Eingang gefunden hat, und überklebt den Zeitungskopf mit einem improvisierten «Thurgauer Zeitung.» Die zwei zeigen auf ihr Bild, auf das grosse Loch, in das wir blicken, in dem es wuselt von konkreten und abstrakten Anspielungen und vor dem zwei Figuren stehen – ein irritierendes Raumerlebnis. Interessiert hatte sie das Bild einer Höhlenmalerei, weil es um hinterlassene Spuren geht. Verweise, Zitate in ihrem Werk – ein endloses Spiel für Boskovic und Scarth.

Wir unterhalten uns über Kunst und Künstler und kommen schliesslich auf den Berlinger Maler Adolf Dietrich zu sprechen. Sie kennen ihn schon länger und haben sich für die Ausstellung mit ihm und seinem Blick auf den Thurgau vertieft auseinandergesetzt. Judit Villiger konnte ihnen viel über ihn erzählen.

Malerei? Malerei!
Ausstellung im Haus zur Glocke in Steckborn mit Bettina Rave, Lorenz Boskovic und Vincent Scarth, Gela Samsonidse, Heidi Schöni und Marianne Müller.
Begleitprogramm:
Sa, 7.12., 18 Uhr: Essen und Konzerte im Phönix-Theater
So, 8.12., 17 Uhr: Führung mit Judit Villiger
Sa, 14.12., 17 Uhr: Finissage mit Führung und Suppe
hauszurglocke.ch https://boskovic-scarth.kleio.com/