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HAUS IM HAUS: Der kommerzialisierte Schrecken

Der britisch-japanische Künstler Simon Fujiwara baut im Kunsthaus Bregenz jenes Amsterdamer Haus nach, in dem Anne Frank beinah den Krieg überlebt hätte. «Hope House» gibt zu denken.
Rolf App
In Anne Franks nachgebautem Schlafzimmer hat auch Justin Bieber seinen Platz. (Bild: Markus Tretter)

In Anne Franks nachgebautem Schlafzimmer hat auch Justin Bieber seinen Platz. (Bild: Markus Tretter)

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Im April 2013 besucht Justin Bie­ber am Tag vor seinem Konzert das Anne-Frank-Haus in Amsterdam und vertraut hernach dessen Gästebuch an: «Anne war ein tolles Mädchen. Hoffentlich wäre sie ein Bieber-Fan gewesen.» Als dies vom Anne-Frank-Haus öffentlich gemacht wird, ergiesst sich eine Flut von Beschimpfungen über den Popstar. «Dieser kleine Idiot ist viel zu eingebildet», schreibt jemand.

Ein knappes Jahr später kommt Beyoncé zu Besuch. Sie trägt einen einfachen Hosenanzug von Topshop und lässt sich ganz bescheiden zu Füssen jener Aufnahmen fotografieren, die Anne Frank zeigen. «Innert einer Stunde ist der Hosenanzug ausverkauft, weltweit», erzählt Simon Fujiwara. Alle sind begeistert, der Fall scheint klar. Trotzdem fragt Fujiwara in die Journalisten hinein, die sich gestern im Kunsthaus Bregenz versammelt haben: «Wer ist uns denn jetzt sympathischer?»

Das ist allerbeste Zimmermannskunst

Der 35-jährige Künstler denkt nicht daran, selber eine Antwort zu geben. Auch nicht in jener aussergewöhnlichen Ausstellung, die er gestaltet hat und in der jenes Haus nachgebaut wurde, in dem Anne Frank und ihre Familie sich mehr als zwei Jahre versteckt hielten. Alles sieht echt aus, alles ist vorgetäuscht, das heisst: allerbeste Vorarlberger Zimmermannskunst. Doch Fujiwara weiss Trost: Auch das Anne-Frank-Haus in Amsterdam ist zu grossen Teilen nicht mehr jenes Haus, in dem Anne Frank ihr Tagebuch geschrieben hat. Eine Million Besucher zählt es im Jahr, es ist, sagt Fujiwara, «ein Ort der Hoffnung, der Unschuld, der Empathie und andererseits des Terrors, der Angst, der Tragödie».

Das Modell zum Nachbau, der sich jetzt über drei Etagen des Kunsthauses Bregenz zieht, hat Fujiwara übrigens im Shop des Anne-Frank-Hauses erworben. Muss man das als Kommerzialisierung des Holocaust verachten? Oder akzeptieren, weil das Geld für gute Zwecke verwendet wird? Der in London geborene Sohn einer Britin und eines Japaners stellt Fragen, er gibt keine Antworten. Und leitet rasch über in unseren Alltag. «Ich weiss ja, der Kapitalismus macht mich nicht glücklich. Trotzdem liebe ich mein neues Auto», erzählt er. Oder: «Ich bin überzeugt, dass alle Menschen gleich sind. Trotzdem mag ich die einen, andere aber nicht.»

Was Merkels Make-up zu erzählen weiss

Simon Fujiwara versteht sich als Sammler und Deuter dessen, was unsere Zeit ausmacht. Und was er gefunden hat, breitet er in Anne Franks Haus aus. Nicht nur Fragen, sondern Objekte. Und zwar mit einer guten Portion britischen Humors. Etwa wenn er jenes Make-up von Angela Merkel präsentiert, das in seiner feinstofflichen Struktur auch der schärfsten HD-Kamera standhält. Mehr Schein als Sein, wie auf andere Weise bei Beyoncé.

Und was steckt dahinter? Fujiwara kommt auf die Religion zu sprechen. «Sie empfiehlt mir, an Gott zu glauben. Ich kann aber auch behaupten, dass es keinen Gott gibt. Beim Kapitalismus geht das nicht. Man kann Gott anzweifeln. Niemand aber kann die Existenz des Kapitalismus in Frage stellen.» Dem Zusammenstoss der Gesetze des Kapitalismus mit dem Bedürfnis des Menschen, auf der Seite des Guten zu stehen, erwachsen all die Widersprüche, die kleine Alltags- wie grosse Menschheitsfragen kennzeichnen. Auch das seit jeher dem Wandel unterworfene Gedenken an den Holocaust bleibt davon nicht unberührt (siehe unten). Trotzdem haftet seinem «Hope House» tiefe Sehnsucht nach dem echten, intensiven Leben an.

Kunsthaus Bregenz, bis 8. April

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