Hauptsache «xond»

Viel Krankes aus dem Gesundheitswesen bringt das St. Galler Cabaret Sälewie auf die Kellerbühne. Und demonstriert mit guten Ideen und herrlichen Figuren, dass Lachen tatsächlich gesund ist.

Petra Mühlhäuser
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Katrin Schatz als junge Frau erzählt einem älteren Herrn (Reto Wiedenkeller) von ihren Wehwehchen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Katrin Schatz als junge Frau erzählt einem älteren Herrn (Reto Wiedenkeller) von ihren Wehwehchen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Frau Welt «muss zum Dokter, und da hockt er»: René Wagner nimmt sich der hustenden und schniefenden Rosanna Schoch an, assistiert von Katrin Schatz und Reto Wiedenkeller, die trotz wildester Fachbegriffe nicht erklären können, was Frau Welt hat. «Mer findet nüt, drum het sie nüt», befinden die Ärzte und schicken sie weg, worauf sie im Bahnhofpärkli an einem «Herzinfärktli» stirbt.

Pflichtprogramm für Fachleute

«Xond» heisst das diesjährige Programm des Cabarets Sälewie, das Fredy Schweizer am Klavier begleitet und zu dem Lukas Ammann Regie geführt hat. Es dreht sich um Krankes im Gesundheitswesen. Das sollten sich die Fachleute unbedingt anschauen: Bei einem Wettbewerb präsentieren eine Vertreterin und ein Vertreter der Spitäler von St. Gallen und Appenzell die Vorzüge ihrer Institution, das Publikum soll abstimmen, welches Spital geschlossen werden muss. Zum Glück blieb es bei der Ankündigung, denn was soll man schon wählen? St.

Galler Hightech? Appenzeller Schlauheit? Ebenso zum Pflichtprogramm gehören sollte die bissige Szene vom 358. Thinktank im Gesundheitswesen, der trotz intensiven Nachdenkens immer dieselben Ideen ausspuckt, wie man die Kosten senken könnte.

Einfach krank, denkt man sich da, und ungesund ist auch Katrin Schatz als junge Frau, die sich ein Muttermal aus dem kleinen Zeh schneiden lassen will.

Im Wartezimmer erzählt sie einem älteren Herrn von ihren Wehwehchen: Die Schuhe sind ein Gesundheitsrisiko, aufs Make-up ist sie allergisch, ihre Augen vertragen die blauen Linsen nicht, auch die Ganzkörperhaarentfernung ist ihr nicht bekommen. Doch sie träumt von einer Brustvergrösserung und trägt eine ganze Tasche voll Mitteli gegen irgendwas herum. Gesund ist immerhin das Lachen darüber.

Der ältere Herr (Reto Wiedenkeller), der sich das alles anhört, mutiert für die nächste Szene zum etwas melancholischen Arbeitslosen, der wegen einer Krankheit Stelle und Kollegen verloren hat – aber nicht seine Träume.

Von einer Figur zur nächsten

Rasant schlüpfen die Akteure von einer Figur in eine andere. Unter Amateur-Cabaret stellt man sich gemeinhin etwas weniger Gekonntes vor.

Die Figuren sind durchdacht und wunderbar auf die Spitze getrieben, dramaturgisch bestens präsentiert. Die vier Akteure ergänzen sich ideal und können eine breite Palette an Charakteren auf die Bühne bringen. Da wäre die alte strickende Frau (Rosanna Schoch) mit ihrer Verschwörungstheorie gegen alte Leute («sie wönd üs uusrotte») und ihr vernünftiger Karli, der sich anhören muss, dass fehlende Parkplätze, zu grosse Einkaufswagen und die Kürzungen bei der IV das beweisen.

Oder der vielleicht etwas naive junge Mann, der sich bei einem Schnitzkurs in den Daumen schneidet und den vom Hausarzt nähen lassen muss. Weil er aber zuerst auf den Notfall geht, setzt er die ganze Maschinerie des Spitals in Gang. Einfach köstlich, wie er nun der Freundin erklärt, warum er 20 Stunden weg war.

Stimm- und sprachgewaltig

Erstaunlich auch die Stimmen vor allem der beiden Frauen.

Den Gesundheitswesen-Krankheits-Blues betrifft das ebenso wie das Lied «Schöner leben», bei dem es um die Ikea geht (nein, nicht ums Zusammenbauen).

Viel St. Gallisches kommt dabei zur Sprache. Nicht zuletzt lebt das Cabaret immer wieder vom genüsslich ausgekosteten hiesigen Dialekt. Wunderbar, diese urchigen, träfen Worte tief aus der Kehle.

Sälewie pflegt noch weitere Traditionen: Wer das Cabaret schon früher erlebt hat, erkennt die Entrüpa wieder – der Präsident der Entrüstungspartei (René Wagner) empört sich diesmal über die Zürcher und den Globus, die Calatrava-Halle, den Ruckhaldentunnel und die hiesige Schuldirektorin («Wie kann jemand so viel bewegen, ohne dass sie das wollte?»). Einen Wiedererkennungseffekt bietet auch das Potpourri mit Zitaten aus Schlagern, Chansons und Volksliedern.

Aufführungen: Morgen Di, 5. und 6., 8., 9., 12., 13., 16., 20., 22., 23., 26., 27., 29., 30.1., je 20 Uhr, am So 17., 24., 31.1., je 17 Uhr; www.kellerbuehne.ch

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