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Hauptsache laut: der Pausengong

Schräg und verlässlich ruft er das Publikum in der Tonhalle aus dem Alltag zur Ruhe und zum Kunstgenuss. Dabei macht der Gong auf Knopfdruck reichlich Lärm. Es geht aber auch anders.
Bettina Kugler
Einsatz in der 18. Minute der Pause: Orchesterwart Stefan Gschwend ist der Mann am Drücker des Pausengongs. © Urs Bucher/ TAGBLATT

Einsatz in der 18. Minute der Pause: Orchesterwart Stefan Gschwend ist der Mann am Drücker des Pausengongs. © Urs Bucher/ TAGBLATT

Ob das ein Witz sein soll? Orchesterwart Stefan Gschwend reagiert ein wenig irritiert auf die Stippvisite im Durchgang zwischen ­Dirigentenzimmer, Musikerkatakomben und Publikumsbereich der Tonhalle St. Gallen. Es ist kein Ort zum Verweilen, eher ­einer, in dem Nervosität und Hektik mit Händen greifbar sind. Ein paar Instrumentenkästen stehen herum; auf einem Tresen thront das unscheinbare kleine Ding, mit dem Gschwend in wenigen Minuten nicht Musik, sondern Lärm machen wird: einen schneidenden Dreiklang, der unten im Foyer Gespräche abwürgt, zu hastigem Alkoholgenuss verleitet und daran erinnert, dass es für Damen nur drei WCs gibt. Also Presto treppauf! An jenem Abend wird es noch richtig laut werden im Saal – es ist das Tonhallekonzert mit Gustav Holsts monumentaler Suite «The Planets». Doch vorher soll Stille einkehren. Der Gong läutet sie ein.

Beim Neujahrskonzert heisst es: Da Capo

Auch Konzertdirektor Florian Scheiber, selten um wortreiche Antworten verlegen, ist überrascht, dass für einmal nicht die Musik im Zentrum des Interesses stehen soll, sondern das Resopalgerät unbekannter Herkunft. «Vermutlich stammt der Gong aus der Zeit des letzten grossen Umbaus der Tonhalle, Anfang der 1980er-Jahre», spekuliert er; das lieblose Produktdesign stützt seine Annahme. «Wahrscheinlich hat ihn die Elektrofirma hingestellt, und da ist er jetzt eben.» Viel Chichi jedenfalls wird in St. Gallen nicht darum gemacht. Der Gong gehört für Konzertgänger ebenso wie für Musiker zu den Selbstverständlichkeiten, die selten hinterfragt werden.

Heftig, laut, durchdringend muss er sein, die Leute im Foyer nach dem Prosecco aufscheuchen und einsammeln, an den Ort lotsen, an dem sie wieder still sein sollen. Laut genug auch, dass ihn die Musiker, die sich im Souterrain in vielstimmigem Durcheinander einspielen, nicht überhören. Je mehr Publikum, desto dezenter wirkt er klanglich. Vor Kammermusikabenden kann er in den Ohren wehtun. «Beim Neujahrskonzert muss gefühlt zehnmal der Gong betätigt werden», sagt Scheiber, «da ist der Geräuschpegel besonders hoch.»

Klangspur im Gedächtnis

Bei einer zwanzigminütigen Pause hat Stefan Gschwend seinen Einsatz in der achtzehnten Minute. Es dauert jedoch noch eine Weile, bis alle wieder an ihrem Platz sitzen. Zu früh wollen sie nicht nach oben gegongt werden, weiss Scheiber.

Während Schulgongs oft bei Sounddesignern in Auftrag gegeben werden, ist man in der Tonhalle pragmatisch. Bislang hat sich keiner beschwert über die Lautstärke und mangelnde Klangschönheit. Reflexartig folgt das Publikum dem synthetischen Dreiklang; der Appetit auf Kunst stellt sich ein wie in Pawlows Experiment der Speichelfluss beim Hund. Andres Bosshard, Klangarchitekt und Experimentalmusiker, schreibt dazu: «Jeder Pausengong ist eine eigene kleine Geschichte und hinterlässt über die Jahre eine Gedächtnisspur, die als unverwechselbares Klangbild in der Erinnerung haften bleiben wird.» Nimmt man die Klangspur der Tonhalle im Gedächtnis auf, ist sicher: Es kann nur etwas Schöneres folgen.

Gänsehautmoment oder Angstschweiss vorweg

Nebenan im Theater tönt es glockig und feierlich. Florian Scheiber lacht. «Ja, das ist Schuberts C-Dur-Sinfonie, die falsch weitergeht …» Die Bregenzer Festspiele nehmen mit einer erhabenen Fanfare Gänsehautmomente auf der Seebühne vorweg; schrill wie eine Schulglocke klingt es beim Vorarlberger Landestheater am Kornmarkt. Im Gedächtnis verbindet sich das Geräusch mit dem mulmigen Gefühl, gleich eine Lateinprüfung vor sich zu haben, aber keinen blassen Schimmer vom Ablativus absolutus. Dann lieber Stefan Gschwend am Drücker des roten Knopfs.

Richtig schön wird es hinter grünen Hügeln, auf Landpartie in Schwarzenberg zur Schubertiade. Dort steht das Pausenzeichen auf der Wiese vor dem Konzertsaal: in Gestalt zweier Waldhornistinnen im feschen Dirndl, die Schubert blasen. Das Publikum wartet schon auf sie, es lauscht andächtig, applaudiert. Dann geht es unter Gedrängel ins Foyer. Wo leider elektronisch nachgehupt wird. Das Resopalgerät in der Tonhalle hat jetzt erst einmal grosse Pause. Auf Wiederhören.

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