Hauch von Revolution

Konzert Am Lucerne Festival trat Daniel Barenboim mit seinem West-Eastern Divan Orchestra auf. Ein Ereignis waren zwei Uraufführungen.

Mario Gerteis
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«Viva la Revolución!» heisst das diesjährige Motto des Lucerne Festival. Das sei musikalisch nicht politisch zu verstehen, meinte der Präsident des Stiftungsrats, Hubert Achermann, am Eröffnungsabend. Er bezog sich explizit auf die tönende Revolution von Strawinskys «Sacre du printemps» vor hundert Jahren (Simon Rattle wird ihn am 29. August mit den Berliner Philharmonikern präsentieren). Die Frage bleibt, warum man ein klassenkämpferisches Plakat mit spanischer Inschrift gewählt hat – aus Iberien oder Lateinamerika stammt nämlich kein einziges Musikstück.

Mehr flott als konturiert

Auch Dirigent Daniel Barenboim, der mit seinem West-Eastern Divan Orchestra – israelische und arabische Musiker sitzen gemeinsam an den Pulten – im KKL spielte, betonte beim Podiumsgespräch, es ginge ihm mehr um das menschliche Zusammenleben als um politische Aspekte. Das ist eher tief gestapelt, kann das Orchester doch in den betreffenden Ländern kaum auftreten; zudem gab es in den beiden Luzerner Konzerten viel Wagner, der in Israel immer noch verboten ist. Kein Zufall, dass Barenboims 1999 gegründetes Ensemble nicht im Nahen Osten, sondern in Sevilla seinen Stammsitz hat.

Barenboim lässt seine Mitstreiter munter musizieren, ohne den gewählten Stücken ein allzu ausgeprägtes Profil zu verleihen. Eine mehr flotte als konturierte Interpretation, die den Ouvertüren von Wagner und Verdi sowie der 7. Sinfonie von Beethoven eine eher pauschale Klanggestalt verpasste. Dass in diesem Orchester durchaus exzellente Kräfte sitzen, mochte Alban Bergs Kammerkonzert belegen. Jedenfalls schwangen die dreizehn Bläser ungeniert über die beiden Solisten Michael Barenboim (Violine) und Karim Said (Klavier) hinaus.

Alles wird zum magischen Strom

Hauptereignis der Konzerte mit dem West-Eastern Divan Orchestra waren indessen zwei Uraufführungen; auch hier gab es zumindest die kleine Revolution einer Grenzüberschreitung. Der Jordanier Saed Haddad und die Israelin Chaya Czernowin haben ihre Werke im Auftrag des Orchesters und des Lucerne Festival geschrieben. Das zehnminütige «Que la lumière soit» von Haddad entpuppt sich als zeitgenössisches Virtuosenstück für Trompete, Posaune und Vibraphon. Zudem wird ein Versteckspiel mit Elementen aus Beethovens Neunter Sinfonie betrieben, was allerdings gelegentlich recht beliebig anmutet.

Um wie viel eigenständiger gibt sich «At the Fringe of Our Gaze» von Chaya Czernowin (dieses Jahr «Composer in Residence»). Zwanzig Minuten ohne Kompromisse an sogenannte Eingängigkeit und vielleicht gerade deshalb von frappanter Wirkung. Geräusch und Musik sind kaum mehr zu unterscheiden, alles wird zu einem magischen Strom, der suggestiv in pianissimo-Regionen dahinzieht und zwischendurch sogar in Stillstand gerät. Eigentlich sagt der Titel alles: «Am Rande unseres Blicks» – dort eben, wo man in sich hineinhorcht.