Hase mit Engelsflügeln

Für Bildungsbürger und Pilcherfans: Das Vorarlberger Landestheater eröffnet mit «Faust» die Saison.

Helmut Voith
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Für Bildungsbürger, die auch mal heimlich Pilcher-Filme gucken, hat Intendant Alexander Kubelka Goethes „Faust I“ in gut vier Stunden auf die Bühne des Vorarlberger Landestheaters gebracht. Auch nach der Pause waren die Reihen kaum gelichtet, obwohl nichts Neues mehr zu erwarten war. Denn der Rollentausch zwischen Faust und Mephisto fand zuvor bei der Verjüngung statt, Faust war nun der Hitzige, Sex-Hungrige, Mephisto der Müde, dem Fausts Aufträge gehörige Mühe bereiten. Vor der Kerkerszene kam die Rückverwandlung – Faust und Mephisto, Gut und Böse, austauschbar, nur zwei Aspekte eines einzigen Ich: «Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust...»

Grotesk überdreht

Und sonst? Am Anfang fast zehn Minuten stummes Spiel vor dem Vorhang, dann der Gang durch die Vorspiele. Der Streit von Theaterdirektor und Dichter hat es dem regieführenden Intendanten besonders angetan: „Besonders aber lasst genug geschehn!“ Also Action. Kubelka zeigt sich bemüht, komödiantische Elemente auszuspielen, um zu unterhalten, grotesk überdreht beispielsweise in Auerbachs Keller. In einem indifferenten Bühnenbild zwischen silbrig spiegelnden Wandelementen treten die Akteure als Heutige auf. Ein putziger Hase mit goldenen Engelsflügeln ist darunter, der als Erzengel wie beim Osterspaziergang stumm agieren darf.

Faust (intensiv: Helmut Rühl) ist zu Anfang der um Wahrheit Ringende, der resignierend aufgeben will. Ein Egoist ohne Bezug zur Umwelt. Das ändert sich erst durch die Begegnung mit dem blutjungen Gretchen (apart Alexandra Maria Nutz), auf dessen Natürlichkeit er voll abfährt. Durchaus denkbar, auch dass der impulsive und doch so oberflächliche Mephisto (wendig Stefan Maass), der zuerst als artiger schwarzer Pudel auftritt und Szenenapplaus bekommt, die faustische Seele eben nicht versteht, so dass ihm die Sache aus dem Ruder läuft. Am Ende steht ein zaudernder Faust weit hinten im Kerker. So bleibt offen, ob er nicht doch... Aber warum sollte er eigentlich?

Spiel mit der eigenen Identität

Fausts Ego ist der Auftakt zu einer Spielzeit unter dem Motto „Ich“. Ein verführtes Ich folgt in Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“, die in Zusammenarbeit mit dem Landeskonservatorium Feldkirch auf die Bregenzer Bühne kommt, ein mit Witz vertauschtes Ich mit Oscar Wildes Komödie „Bunbury“. Im Schauspiel folgt Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, als zweite Musikproduktion Verdis Oper „La Traviata“. Ins Spiel mit der eigenen Identität passen auch Shakespeares „Was ihr wollt“ und Max Frischs „Biographie: Ein Spiel“.

Infos unter www.landestheater.org.