Harry der Bär ist gestorben

Er war ein genialer Übersetzer und ein noch genialerer Vorleser: Jetzt ist Harry Rowohlt siebzigjährig einer langen Krankheit erlegen. Auch die «Lindenstrasse» trauert um ihn.

Rolf App
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Harry Rowohlt: Übersetzer, Vorleser, Kolumnist und Schauspieler. (Bild: epa/Arno Burgi)

Harry Rowohlt: Übersetzer, Vorleser, Kolumnist und Schauspieler. (Bild: epa/Arno Burgi)

Markant war sein Gesicht mit diesem riesigen Bart. Noch markanter aber war Harry Rowohlts Stimme, mit der er ganze kleine Kammerspiele bestreiten konnte. Und die jetzt, für immer, verstummt ist. «Der Baum nadelt» hiess eine dieser Kurzpossen, in denen sich Harry Rowohlts schräger Humor austobte. Auch «Pu der Bär» von Alan Alexander Milne lebt von Harry Rowohlts vielseitigem Organ. Kein Wunder, bekam er für die gelesene Fassung des Kinderbuch-Klassikers die goldene Schallplatte.

Der bienenfleissige Übersetzer

Obschon er als das vollkommen irdische Glück beschrieb: «Im Eingeweide einer Kneipe mit klugen Freunden dummes Zeug schwätzen», war Harry Rowohlt ein bienenfleissiger Übersetzer. Mehr als 120 Bücher hat er aus dem Englischen ins Deutsche übertragen, und zwar vor allem jene Art von Literatur, die als unübersetzbar galt. Es war Literatur für Sprachverliebte wie ihn. Autoren wie Flann O'Brien, Frank McCourt, Philip Ardagh, Kurt Vonnegut, Ian McEwan und Dylan Thomas haben in ihm einen genialen Übersetzer gefunden, der oft für ihre Sprache eine neue deutsche Sprache erfunden hat.

Ernst Rowohlts Sohn

Für seinen Namen hat er sich oft erklären müssen. «Ich wurde in der Hochallee 1 in Hamburg 13 geboren. Im Luftschutzkeller, als Zehn-Monats-Kind», hat er seine Anfänge beschrieben. Am 27. März 1945 kam er in Hamburg als Harry Rupp zur Welt, denn die Mutter, eine Schauspielerin, war da noch mit einem andern Mann verheiratet. Erst später ehelichte sie seinen Vater, den Verleger Ernst Rowohlt.

Dessen Erbe hätte Harry Rowohlt antreten können, er wollte aber nicht. Die Bemerkung seines Bruders, A.S.Neills «The Last Man Alive» sei «unübersetzbar», hatte ihn auf den Geschmack gebracht. In der Übersetzung von Harry Rowohlt schaffte es das Buch unter dem Titel «Die grüne Wolke» als erstes Jugendbuch auf die Spiegel-Bestsellerliste.

Nach und nach flankierte Rowohlt seine Haupttätigkeit mit anderen, damit verknüpften Aktivitäten. Legendär waren seine Lesungen, exzessive Soloauftritte, die selten weniger als vier, gelegentlich sogar mehr als sechs Stunden dauerten. Rowohlt nannte sie «Schausaufen mit Betonung», weil er während der Lesung gern ein wenig trank, weshalb er 1996 auch zum «Ambassador of Irish Whiskey» ernannt wurde. Die Lesung selbst unterbrach er gern für irgendwelche Anekdoten, autobiographische Erzählungen, Gespräche mit dem Publikum. Lustvoll liess Rowohlt sich von seiner Phantasie treiben, und das Publikum trieb mit ihm mit. Ein ganz ähnliches Prinzip verfolgte er in seiner Kolumne «Pooh's corner» in der «Zeit», den «Meinungen und Deinungen eines Bären von geringem Verstand».

Im Juni 2007 gab Rowohlt bekannt, er leide an der nicht heilbaren Krankheit Polyneuropathie. Aber er werde seine Rolle als Darsteller des Obdachlosen Harry in der «Lindenstrasse» weiterführen, notfalls im Sitzen. Am Montag ist Harry Rowohlt gestorben.