Happy End auf ewig

Grimms Märchen leben noch heute, 200 Jahre nachdem sie gesammelt und bearbeitet worden sind. Warum das so ist, das zeigt eine Ausstellung in Zürich. Sie fächert die Märchenwelt weit auf.

Bettina Kugler
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Taufrisch nach hundert Jahren Schlaf: Dornröschen, aus einer englischen Ausgabe von 1920. (Bild: Illustration von Arthur Rackham)

Taufrisch nach hundert Jahren Schlaf: Dornröschen, aus einer englischen Ausgabe von 1920. (Bild: Illustration von Arthur Rackham)

Der Märchenwald liegt mitten im hektischen Treiben der Stadt. Ein paar Schritte abseits der Bahnhofstrasse öffnet sich eine schwere Tür, dahinter taucht man ein ins Reich der Königssöhne und bösen Stiefmütter, der hilfreichen und zornigen Zwerge. Verirrt sich wie Hänsel und Gretel in der tiefen Finsternis zwischen Stämmen und Ästen, lauscht den Stimmen aus herabhängenden Hörmuscheln: «Es war einmal ein König und eine Königin…», «…und als der jüngste ein Weilchen gegangen war, so trat ein kleines Männlein zu ihm…» «Ich arme Jungfer zart, ach, hätte ich genommen den König Drosselbart!»

Kritik an «Ammenmärchen»

«So leben sie noch heute», zitieren die Kuratorinnen Ingrid Tomkowiak und Christine Lötscher mit dem Ausstellungstitel eine beliebte Schlussformel der Brüder Grimm. Anlass ist der runde Geburtstag ihrer «Kinder- und Hausmärchen». Kurz vor Weihnachten, im Dezember 1812, veröffentlichten die Sammler und Forscher aus Kassel die erste Buchfassung jener vermeintlich volkstümlichen, nur mündlich überlieferten Geschichten aus der Welt der Wunder und Zaubermächte: Rotkäppchen, Schneewittchen, Blaubart, Aschenputtel und viele andere.

Die Quellen sind seit langem bekannt, etwa Charles Perraults «Contes de Fées», Giambattista Basiles «Pentamerone» oder Straparolas «Piacevoli Notti». Dennoch rekapituliert die Schau im Zürcher Strauhof noch einmal die literarische Erzähllandschaft vor den «Kinder- und Hausmärchen» – mitsamt den aufklärerischen Vorurteilen gegenüber «Ammenmärchen im Ammen-Ton». Christoph Martin Wieland etwa, als «deutscher Voltaire» erst kürzlich im Mittelpunkt einer Strauhof-Ausstellung, hörte sie wohl gern, «aber gedruckt müssen sie nicht werden».

Es dauert eine Weile

Ein Irrtum, zeigen die Kuratorinnen, beide Mitarbeiterinnen des Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien SIKJM. Zwar dauerte es ein Weilchen, bis Jacob und Wilhelm Grimm den unverwechselbaren Ton ihrer Märchen gefunden hatten, bis die rechte Auswahl «kindgerechter» Geschichten zusammengestellt und zum Lieblingsbuch der Illustratoren avanciert war. Nicht nur in Europa übrigens.

«… das lange gekauft wird»

Dann aber wurde wahr, was Achim von Arnim, Romantiker und Freund der Brüder Grimm, bereits am Heiligen Abend des Jahres 1812 voraussah. «Ich sag Euch im Namen meines Kindes herzlichen Dank», schrieb er an Jacob und Wilhelm Grimm, «es ist ein recht braves Buch, das sicher lange gekauft wird.» Gekauft wird es noch heute, in aufwendig gestalteten Hausbuch-Ausgaben oder einzeln, gekürzt, als Pixibüchlein aus der Plastikwanne im Supermarkt, als Trickfilm-DVD oder mobile App.

Warum? So recht wagt sich die Ausstellung nicht, das zu beantworten. Stattdessen widmet sie der Flut an Deutungen jeglicher Couleur einen eigenen Raum – angefangen mit der kühnen These der Grimms selbst, «lauter urdeutscher Mythus, den man für verloren gehalten» liege in den Märchen. Bis hin zur Lesart des modernen Managements: «Hilfreiche Netzwerke und unternehmerische Kompetenzen sichern die Erfolge der Märchenheldin», interpretiert Rolf Wunderer, Autor eines Handbuchs mit dem Titel «Führung in Management und Märchen».

Viel Wirklichkeit

Wie Stroh zu Gold wird oder aus einem Frosch ein Königssohn, so wandlungsfähig sind Märchen. Es passt viel Wirklichkeit hinein ins Wunderbare: Die Schlüsselszenen von Märchen wie «Frau Holle», «Rapunzel» oder «Der Wolf und die sieben Geisslein» lassen sich auf mannigfache Art ins Bild setzen und deuten. Weswegen Filmemacher und bildende Künstler nicht lassen können von ihnen – ebenso wie Psychoanalytiker, Pädagogen und Erzählforscher.

Blick in Froschkönigs Brunnen

So kann man im ersten Raum der Ausstellung, dem dunklen Hörstationen-Wald, tief in Froschkönigs Brunnen schauen, sich ein Spiel aus den Erzähl-Bruchstücken machen und raten, um welche Märchen es sich handelt bei den diversen Anfängen, Schlüssen und formelhaften Versen («Ruckedigu, Blut ist im Schuh…»).

Zugleich ist hier sinnlich umgesetzt, was der Erzählforscher Vladimir Propp die «Morphologie des Märchens» nannte: der Aufbau aus wiederkehrenden Versatzstücken. Er erleichtert das Erzählen ungemein – weil er sich tief ins Gedächtnis prägt.

Ein (zu) weites Feld wäre die künstlerische Umsetzung im Bilderbuch. Hier greifen die Kuratorinnen beispielhaft den Aarauer Künstler Felix Hoffmann heraus. Zwischen 1945 und 1978 schuf er zahlreiche Märchenillustrationen für den Sauerländer Verlag – Bilder, die noch heute durch klaren Aufbau und individuelle Figurengestaltung überzeugen. Aber umstritten waren: In ihrer Zeit waren sie vielen zu wenig kindgerecht. Zu naturalistisch. Zu dämonisch.

Eine augenzwinkernde Version

Entspannen und amüsieren kann man sich im letzten, den bewegten Bildern gewidmeten Raum vor der Mattscheibe. Zum einen sind dort frühe Versuche der Filmpioniere zu bestaunen. Der Clou aber ist ein Cinderella-Film der augenzwinkernden Art, durchgehend zusammengeschnitten aus 24 Versionen, von Georges Méliès' «Cendrillon» (1899) bis zur ARD-Fassung aus der Reihe «6 auf einen Streich». Grimms Originalton hat man danach noch immer im Ohr.

Bis 9. Juni. Strauhof Zürich, Augustinergasse 9

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