Hans und Heidi im Glück

Junge Schauspieler Sie sind drei Männer und drei Frauen. Sie sind seit kurzem am Theater St. Gallen. An diesem Wochenende beginnt mit dem Theaterfest ihre neue Saison. Wie ihr Alltag aussieht, erzählen sie bei einer munteren Begegnung. Rolf App

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Hallo, wir sind jetzt da! Sechs neue Schauspielerinnen und Schauspieler entern die Bühne des Theaters St. Gallen – Meda Gheorghiu-Banciu und Luzian Hirzel (oben), Danielle Green und Julian Sigl (Mitte), Wendy Michelle Güntensperger und Sven Gey. (Bild: Michel Canonica)

Hallo, wir sind jetzt da! Sechs neue Schauspielerinnen und Schauspieler entern die Bühne des Theaters St. Gallen – Meda Gheorghiu-Banciu und Luzian Hirzel (oben), Danielle Green und Julian Sigl (Mitte), Wendy Michelle Güntensperger und Sven Gey. (Bild: Michel Canonica)

Auf der Zugfahrt zum Vorsprechen am Theater St. Gallen hatte Danielle Green einem älteren Mann im Zug davon erzählt. «Er hat mir gesagt: Sie sind schon genommen, ich bin Ihr Glücksengel.» Einen Glücksengel hatten die andern nicht – aber Glück. Und einer von ihnen, Luzian Hirzel, wird diesen Samstag beim Theaterfest (siehe Kasten) sogar den «Hans im Glück» spielen. Die andern: Das sind neben Danielle Green zwei weitere Frauen und drei Männer. Alle sind sie neu am Theater, alle sind sie jung: 26 oder 27 Jahre alt. Bis auf Wendy Michelle Güntensperger, die ist erst 19. «Mich hat der Regisseur Wolf-Dietrich Sprenger angerufen und erklärt, dass sie in St. Gallen eine <Heidi> suchen», erzählt sie.

Feste Stellen sind rar

Glück hatten sie, denn die festen Stellen sind rar an den Theatern. Aber sie mussten und müssen es sich auch hart verdienen. Zuerst mit der Schauspielausbildung, dann mit dem Vorsprechen an allen möglichen Theatern – immer mit der drohenden Arbeitslosigkeit im Nacken. Und jetzt mit dem Leben an einem fremden Ort.

Aus allen Himmelsrichtungen

«Als Schauspieler lernt man die Einsamkeit kennen», sagt Danielle Green zum Wanderleben, das vielen beschert ist. «Umso schöner, dass wir hier so freundlich und offen aufgenommen worden sind.» Und «umso besser, dass wir uns gegenseitig gut mögen», fügt Julian Sigl bei. Man spürt das schon beim Treffen in der Kantine, später beim Fotografieren: Sie sind nicht Konkurrenten, sondern Verbündete.

Aus allen Himmelsrichtungen sind sie nach St. Gallen gekommen – Danielle Green aus Hamburg, Julian Sigl aus Linz, Sven Gey aus Köln, Meda Gheorghiu-Banciu aus Berlin, Wendy Michelle Güntensperger aus Rapperswil-Jona und Luzian Hirzel aus Hölstein im Kanton Baselland. Eine bunt zusammengewürfelte Schar, die auf ihre eigene theatralische Art gerne Geschichten erzählt und ebenso gerne lacht. Sechs junge Menschen mit markanten Stimmen und ausdrucksvollen Gesichtern, die man nicht so leicht vergisst. Und die, wie Wendy Michelle Güntensperger, früh gewusst haben, dass sie nur eines wollen: spielen. Nach dem Motto: «Lieber unsicher und glücklich als sicher und unglücklich.»

Also lieber die Bühne als das Büro, hat sie sich gleich nach der Sekundarschule gesagt und ist auf die Schauspielschule gegangen. «Es ist ein glücklicher Fall von Berufung», sagt auch Julian Sigl. «Wenn man Interesse an den Menschen hat, dann ist das ein ganz toller Beruf.» Denn um Menschen geht es, um ihre Gefühle und Geschichten. Doch leicht ist es nicht, diese Geschichten glaubwürdig zu verkörpern. «Es ist ein Beruf, der viel Handwerk verlangt», sagt Sigl. Routine gehört dazu. «Aber», sagt er, «man darf eine Figur nicht zumachen – weil man dann nicht mehr sieht, was spannend ist, Schmerz oder Leid.»

Der anstrengende Alltag

Der Alltag sieht so aus: Normalerweise Probe von 10 bis 14 und von 18 bis 22 Uhr. Oder abends Vorstellung. Auswendiglernen, spielen und nochmals spielen, manchmal über Wochen dieselbe Szene. Sich einfügen in ein Team, mit dem Regisseur klarkommen.

«Total präsent» bei den Proben

«Es ist Arbeit», sagt Sven Gey. «Auch wenn man keine Lust hat zu arbeiten, muss man arbeiten.» Und, fügt Wendy Michelle Güntensperger hinzu: «Man muss bei den Proben total präsent sein.» Das ist anstrengend, auch wenn das Resultat Freude macht. Kein Wunder, hat man auf der Schauspielschule zu Meda Gheorghiu-Banciu und ihrer Klasse gesagt: «Ja, Talent habt Ihr alle. Aber das Können liegt in der Wiederholbarkeit.» Was gelernt wurde, muss abrufbar sein, an guten wie an schlechten Tagen. Man muss sogar mit einer Rolle zu Rande kommen, die einem wenig liegt.

Erste Erfahrungen haben die Sechs gemacht. Hier in St. Gallen konnte man einige im Grüninger-Stück sehen. Sie wissen, wie man in die Haut eines andern schlüpft, und sie machen sich auch ihre Gedanken über das, was sich zwischen ihnen und dem Publikum abspielt. «Es ist ja der ganze Raum, der zusammengehört», erklärt Meda Gheorghiu-Banciu. Sven Gey sagt es so: «Man ist total abhängig vom Publikum.»

«Auch Buhrufe sind super»

Das kann in die eine oder die andere Richtung gehen: dass Publikum und Schauspieler auseinanderdriften oder dass sie einander bestärken. Manchmal «entwickelt sich so ein Zauber», erzählt Meda Gheorghiu-Banciu. Sven Gey erinnert sich an eine Vorstellung des «Käthchens von Heilbronn», die richtig voll war: «Das war die beste, alle von uns haben da besser gespielt.»

Vom Publikum wünschte sich Julian Sigl gerne mehr: mehr Reaktion, mehr Austausch. «Man kann mich auch mit Tomaten bewerfen», sagt er schmunzelnd. Danielle Green findet auch Buhrufe «super, da es etwas mit dem Publikum macht». Und Wendy Michelle Güntensperger hat nach der «Heidi» erlebt, wovon viele träumen: dass sie danach in der Autogrammstunde von begeisterten Kindern belagert wurde.

Mal sehen, ob Luzian Hirzel als «Hans im Glück» ähnliches erlebt.