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Interview

«Die Macht liegt nur bei der Kunst»

Hans Ulrich Obrist ist der bekannteste Kurator der Welt. Der gebürtige Thurgauer spricht über unrealisierte Projekte, eine Ausstellung in seiner Küche und wie er im Nachtzug in 30 Tagen 30 Städte bereiste.
Christina Genova
Hans Ulrich Obrist in seiner Ausstellung im Luma Westbau in Zürich. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo, Zürich, 8. Juni 2019)

Hans Ulrich Obrist in seiner Ausstellung im Luma Westbau in Zürich. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo, Zürich, 8. Juni 2019)

Superkurator, Kunstbesessener und einer der einflussreichsten Menschen der globalen Kunstwelt. Dies alles trifft auf Hans Ulrich Obrist zu, den künstlerischen Direktor der Serpentine Gallery in London. Wir treffen uns im Löwenbräukunst-Areal in Zürich. Dort hat der gebürtige Thurgauer eine Ausstellung ku­ratiert. Er kommt direkt vom Flughafen und braucht einen Moment, um sich auf das Gespräch zu fokussieren. Danach ist er hochkonzentriert bei der Sache. Seine Antworten sind ausufernd, seine Art zu sprechen atemlos. Hans Ulrich Obrist spricht Hochdeutsch, das sei besser für seinen Ideenfluss.

«It’s urgent» lautet der Titel Ihrer Ausstellung mit ­Künstlerplakaten. Was ist so dringend?

Hans Ulrich Obrist: Es ist ein Satz, denn ich öfters verwende. Wir leben in einer Zeit, in welcher wir Kunst brauchen, mehr als je zuvor. Wir brauchen ihre radikalen Ideen, Visionen und Perspektiven in der Gesellschaft. Die Globalisierung führt zu einer Homogenisierung: Eine Million Arten werden verschwinden, unsere eigene Spezies ist bedroht Gleichzeitig gibt es eine Gegenreaktion gegen diese Globalisierung mit neuen Formen des Nationalismus und Rassismus, Mangel an Solidarität, Protektionismus. Wir müssen eine andere Form der Globalisierung finden.

Wie wichtig ist es Ihnen, dass Kunst für alle zugänglich ist?

In der Serpentine Gallery muss niemand Eintritt bezahlen. Das ist aber nicht genug, weil es immer noch eine Schwelle gibt, und die müssen wir abbauen. Wir müssen mit der Kunst an Orte, wo sie sonst nie hinkommt, um Menschen zu erreichen, die sonst nie ins Museum gehen.

Zur Person

Hans Ulrich Obrist wurde am 
21. Mai 1968 geboren und wuchs in Kreuzlingen auf. An der Universität St.Gallen studierte er politische Ökonomie, bis er aufgrund der ersten Ausstellung in seiner Küche ein Stipendium bei der Cartier-Stiftung in Paris erhielt. Danach arbeitete Obrist unter anderem für das Musée d’Art Moderne in Paris und seit 2006 für die Serpentine Gallery in London. Dort lebt er mit seiner Partnerin, der koreanischen Künstlerin Koo Jeong-A. (gen)

Wie fanden Sie zur Kunst?

Als 11-Jähriger traf ich auf der Zürcher Bahnhofstrasse Hans Krüsi, der dort seine Blumen und seine Zeichnungen verkaufte. Das war meine erste Begegnung mit Kunst. Eine zweite wichtige Erfahrung war die Stiftsbibliothek St. Gallen. Was mich daran faszinierte war die Idee, dass man alles wissen kann. Schon als Kind hatte ich diese unstillbare Neugierde. Ich hatte den Wunsch, das ganze Wissen der Welt zusammenzutragen. Eine weitere Offenbarung waren die Figuren Giacomettis, sie lösten etwas aus in mir. Ich begann, immer mehr Museen zu besuchen und viele Postkarten zu kaufen. Im Kinderzimmer kuratierte ich damit meine ersten Ausstellungen. Später, als Kantonsschüler in Kreuzlingen, entdeckte ich, dass man mit dem Nachtzug für fast kein Geld durch Europa fahren kann. Ich reiste per Interrail von Stadt zu Stadt, dreissig Tage, dreissig Städte, und besuchte dort alle Museen, alle Künstler. Ich hatte kein Geld für Hotels: Wenn es keine Nachtzüge gab, habe ich nachts in Hotellobbys gelesen.

Wie standen Ihre Eltern zu Ihrer Obsession für Kunst?

Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater Prokurist in einer Baufirma. Sie hatten mit Kunst nichts zu tun, aber sie waren total offen und fanden es aufregend. Sie haben mich unterstützt. Am Anfang kamen sie auch manchmal mit, als ich noch zu jung war, um alleine zu reisen.

Gab es weitere Schlüsselmomente auf Ihrem Weg zum Kurator?

Mit 17 Jahren, nachdem ich in Hunderten von Museen in ganz Europa gewesen war, tauchte bei mir der Wunsch auf, Künstler zu treffen. Ich sah in St. Gallen eine sehr schöne Claude-Sandoz-Ausstellung. Ich fragte nach dem Kontakt und rief den Künstler an. Dann bin ich zu ihm gefahren.

Welchen Künstler besuchten Sie als nächsten?

Nach Sandoz war ich im Atelier von Fischli/Weiss. Ich sage immer, ich bin im Mai 1968 geboren und im Mai 1985 ein zweites Mal in Zürich bei Fischli/Weiss. Ich sah dort deren Kunstfilm «Der Lauf der Dinge» und fasste die Entscheidung, Kurator zu werden.

Mittlerweile haben Sie Hunderte von Künstlern getroffen. Wurden Sie nie abgewiesen?

Jean-Luc Godard ist der einzige, den ich nie treffen konnte. Sonst haben sich mir alle Türen ge­öffnet.

Ihre erste Ausstellung kuratierten Sie 1991 in der Küche Ihrer Studentenwohnung in St. Gallen. Wie kam es dazu?

Es war die Idee der Künstler Christian Boltanski und Fischli/Weiss. Sie stellten fest, dass es bei mir zu Hause nur Bücher gab, auch in der Küche. Ich habe ja noch nie in meinem Leben gekocht. Fischli/Weiss meinten, man müsse die Küche befreien von den Büchern. Und Boltanski sagte, machen wir doch eine Ausstellung. Es kamen so sechs, sieben Leute zur Eröffnung, insgesamt waren es 27 Besucher während dreier Monate.

Sie haben ein riesiges, weltweites Netzwerk. Wie pflegen Sie es?

Es ist ein unendliches Gespräch, analog und digital, das nie aufhört. Während der Woche besuchen mich in London Menschen aus der ganzen Welt. Jedes Wochenende mache ich eine Reise, auch an Weihnachten, 52-mal im Jahr.

Sie gelten als eine der ­einflussreichsten Persönlich­keiten der Kunstwelt. Wie mächtig sind Sie?

Macht hat man eigentlich nie.

Doch! Klar haben Sie Macht.

Dem muss ich resolut widersprechen. Die Macht liegt letztlich nur bei der Kunst. Sie ist das Einzige, das uns überdauern wird. Der Künstler Peter Fischli sagte mir einmal: Es hat noch nie jemand das Grab eines Kurators besucht. Das darf man nie vergessen. Man darf sich nie wichtig fühlen als Kurator. Ich bin nur wichtig, solange meine Arbeit eine Nützlichkeit hat gegenüber der Kunst.

Sie selbst führen sehr viele Interviews. Dabei fragen Sie immer nach unrealisierten Projekten. Welches sind Ihre?

Ich habe ganz viele. Ich würde gerne einen Roman schreiben. Zweitens müsste ich mein Interviewarchiv von 4000 Stunden aufarbeiten. Drittens möchte ich eine interdisziplinäre Kunstschule gründen, mit Stipendien für Künstler aus aller Welt. Viertens wäre es interessant, eine Schweizer Botschaft zu übernehmen und sie zu einem kulturellen Zentrum zu machen, wie Uli Sigg in China.

Sie fragen auch immer nach Träumen. Wovon träumen Sie?

Ich habe ja lange nur wenig geschlafen. Bis ich die Feministin und grossartige Autorin Hélène Cixous traf. Sie erzählte mir, sie habe immer ein Notizbuch an ihrem Bett. Sobald sie aufwacht, schreibt sie darin ihre Träume nieder. Sie hat mich angeregt, dasselbe zu tun. Aber ich stellte fest, dass ich relativ wenig träume. Und Hélène Cixous sagte mir, dass man schlafen müsse, um zu träumen. Und so habe ich zu schlafen begonnen, und einen Nachtassistenten engagiert.

Und kommen jetzt die ­Träume?

Ja, ich träume immer mehr.

Hinweis

«It’s Urgent», bis 18.8. Luma Westbau, Löwenbräukunst, Zürich.

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