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Hans Magnus Enzensberger: Der legendäre Lyriker zu Gast bei Konrad Hummler

Seit über sechzig Jahren verbindet er scharfsinnige Zeitkritik mit spielerischer Lyrik. Hans Magnus Enzensberger ist eine lebende Legende. Am Wochenende war er zu Gast bei der Bach-Stiftung – für eine Rede und eine humorvolle Matinee.
Hansruedi Kugler
Hans Magnus Enzensberger beim Signieren seiner Bücher. (Bild: Hansruedi Kugler)

Hans Magnus Enzensberger beim Signieren seiner Bücher. (Bild: Hansruedi Kugler)

Der legendäre linke Politlyriker und Essayist Hans Magnus Enzensberger zu Gast beim ehe­maligen Privatbankier Konrad Hummler! Kann das gut gehen? So ganz sicher sei er sich nicht gewesen, meinte Hummler. Aber das Freigeistige und das pointierte Querdenken ist den beiden gemeinsam. Und weil der 88-jährige Enzensberger in der samstäglichen Matinee mit kunst- und humorvollem Scharfsinn das Publikum bezauberte, muss man sagen: So charmant hat einem noch selten einer seine Zeitkritik serviert.

Denn so harmlos, wie Enzensberger seine Gedichte an der Matinee etwas kokett bezeichnet, sind diese natürlich nicht. Das war offenbar auch für Konrad Hummler ein Grund, den Lyriker einzuladen. Während seiner Kantonsschulzeit habe Enzensberger indirekt für den Ausfall mühsamer Lateinprüfungen gesorgt, erzählt er. Denn fiel dessen Name, habe sein Lateinlehrer wegen dieses Repräsentanten der 68er-Protestbewegung solche Wutanfälle bekommen, dass er die Prüfungen vergessen habe.

«Lies keine Oden, lies Fahrpläne, die sind genauer»

Wüste Redeschlachten gibt es am Samstag keine. Enzensberger ist ja auch nicht gekommen, um seine EU-Skepsis, seine Medienschelte und seine Verachtung für die Digitalisierung zu wiederholen, die er seit vielen Jahren aus einer Position der Machtkritik heraus scharf formuliert – geschult an den neomarxistischen Philosophen Adorno und Horkheimer. Enzensberger lässt sich vielmehr ins muntere, kunstvolle Dreigespann mit dem Sprachwissenschafter Stefan Stirnemann und dem Pianisten Rudolf Lutz ein. Die drei spielen einander denn auch vergnügliche, lyrisch-musikalische Bälle zu. «Lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne: sie sind genauer ... wut und geduld sind nötig, in die lungen der macht zu blasen»– mit solchen lyrischen Provokationen hatte sich Enzensberger 1957 in die erste Reihe deutscher Schriftsteller katapultiert. Damit beginnt der hervorragende Vorleser auch am Samstag, mit komödiantischem Ton und mit einem selbstironischen «na ja, die armen Schüler mussten dann über mich und dieses harmlose Gedicht Aufsätze schreiben».

Die rund 50 Matinee-Gäste in Teufen sind sichtbar entzückt. Stefan Stirnemann fädelt sich geschickt mit einer Bemerkung zum Dichter ein: «Ein Rhapsode ist einer, der Gedichte aneinandernäht», was Pianist Rudolf Lutz zur Improvisation über Bernsteins «Rhapsody in blue» animiert, der leichthändig weiter zu Debussy und Beethoven hüpft. So geht das dann munter hin und her, immer angetrieben von Enzensbergers scharfsinnigen Gedichten, in denen er Konsumzombies und lächerliche Angstbürger ins lyrische Visier nimmt, aber auch nach dem wahren Dante suchen lässt oder in «Optimistisches Liedchen» den «tiefsten Frieden» im «dicksten Kapitalismus» lobt.

«Etwas viel Grauhaarige hier»

Ein Spötter allerdings ist Enzensberger nicht. Wie er hier in Teufen sitzt, gut gelaunt, wirkt er eher wie eine schelmische Frohnatur, angenehm, ohne Verbissenheit, milde und trotzdem mit analytischem Scharfsinn. Mit einem Augenzwinkern sagt er nach der Lesung, ein bisschen Verjüngung täte der Bach-Stiftung wohl gut: «Etwas viele Grauhaarige im Publikum», und lacht. Schliesslich ist er mit seinen 88 Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit der Älteste in der Runde.

Zu frommem Scherzen aufgelegt

Kantatenkonzert  Wer sich den glaubensstarken Lutheraner Johann Sebastian Bach als ernsten, strengen Mann und Musiker vorstellt, der reibt sich in der Kantate BWV 68 zum zweiten Pfingsttag verblüfft die Augen. Ein derart heiterer pfingstlicher Geist herrscht darin, dass man die Arie «Mein gläubiges Herze» fast als gottesdienstliche Champagnerarie bezeichnen möchte – genauso spritzig jubilierend, so voller überschäumender Lebensfreude, zum frommen Scherzen aufgelegt singt sie die niederländische Sopranistin Johannette Zomer.

Alles harmoniert prächtig an diesem Kantatenfreitag: die frühsommerliche Heiterkeit über den Appenzeller Hügeln, die freundlich helle Ausstrahlung der Grubenmannkirche in Trogen, der Gast, der gleich die Reflexion halten wird: der Lyriker Hans Magnus Enzensberger. Mit Bach hat der 88-Jährige zwar offensichtlich nicht viel am Hut, denn dieser kommt in der Rede des bekennenden «agnostischen Katholiken» aus dem Allgäu mit keiner Silbe vor. Doch nimmt Enzensbergers Verteidigung einer vielen Göttern und Geisteswelten zugetanen Lebensart den Grundton der Kantate durchaus auf.

Enzensberger will heiterer Agnostiker sein und bleiben Falls Enzensberger je der «zornige junge Mann» war, als der er in Zeiten der Revolte aufgetreten ist, so mag es immer auch eine Allüre gewesen sein: der Zorn eines Dichters, eine spielerische Position ohne Verbissenheit. Er habe damals schon eher als «Versöhnler» gegolten, beteuerte er zu Beginn seiner Reflexion; auch im fortgeschrittenen Alter ist er kein Eiferer und Grantler und erst recht nicht im Club der Atheisten anzutreffen. Es würde die geistige und auch die dichterische Bewegungsfreiheit viel zu stark fesseln. In der Kantate entspricht dem die frohe Ergebenheit im Glauben, ein vertrauensvolles Sich-Hinwenden zu Gott. Fliessend beschwingt erklingt es im Eingangschor. Mit vokaler Leichtigkeit nimmt Matthias Helm in Rezitativ und Arie den gravitätisch-ernsten Part ein. Und die Musiker unter Rudolf Lutz lassen sich davon pfingstlich entzünden.

Bettina Kugler

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