Clownin Gardi Hutter lässt Hanna gehen. Hanna will aber nicht gehen

In zwei ausverkauften Vorpremieren im Chössi-Theater feiert Gardi Hutter in «Gaia Gaudi» den Abgang ihrer Kunstfigur Hanna. Aber Hanna will nicht gehen, reinkarniert und gebiert gleich noch drei Kinder.

Michael Hug
Drucken
Teilen
Kopieren und Einfügen: Gardi Hutter erfindet sich neu. (Bild: PD)

Kopieren und Einfügen: Gardi Hutter erfindet sich neu. (Bild: PD)

Der Tod ist ein Fest – da muss auch die Wiedergeburt eine Gaudi sein. Hanna geht und kommt als Gaia wieder, so wird die Reinkarnation ein Fest mit drei frischgeborenen Kindern noch dazu. Hanna stirbt und gebärt, wiedergebärt sich selbst, und das mit Getöse. «Dieses Mal», sagt Gardi Hutter zu ihrem neuen Stück, «bin ich schon am Anfang tot.» Hanna, nicht Gardi, ist tot, liegt im Sarg, aufgebahrt und drapiert, bereit, unter die Erde zu kommen, zur Mutter Erde, zur Urmutter Gaia. Darum «Gaia Gaudi», der Titel des Programms, ein Fest mit Gaia, der Mutter allen Seins.

Von einer Generation zur nächsten

Ein Stück mit vielen Schichten. Sagt selbst Gardi Hutter: «Es geht darum, was da passiert, wenn etwas von einer Generation zur nächsten weitergeht. Da spielt sehr viel mit, Übergabe, Loslassen, Frust und Freude sind sehr nah beisammen.» Übergabe? Hutter ist im Alter, wo man die AHV bekommt und nicht mehr dafür bezahlt, aber: «Ich kann nicht aufhören, ich habe ja keine Hobbys.»

Es geht bei Gaia Gaudi auch um ihre eigene Ablösung. Hanna ist tot, und muss, respektive Gardi, übergeben, loslassen. Hanna liegt im Sarg, ist weg vom Fenster, die Jungen erscheinen auf der Bildfläche und übernehmen: Tochter Beatriz Navarro, Sohn Juri Cainero und Schwiegertochter Neda Cainero. Plötzlich wird aus der Fiktion Realität. Plötzlich ist die Bühne privat und Privates Bühne.

Die Jungen möchten etwas Eigenes daraus machen. Beatriz ist Sängerin, Juri Perkussionist, Neda Tänzerin. Natürlich kommen da auch neue Ideen ins Stück, musikalische Inspirationen, tänzerische Elemente. Der berühmte Stempel, der Neues aufdrückt. Der Tod ist ein Fest mit Musik und Tanz, die Reinkarnation ein Zaubertrick, und dazu gibt es Käsekuchen. Während Gaia alias Hanna alias Gardi den Kuchen vertilgt, wird sie zum Spiegel-Ich und gebiert noch auf dem Totenbett drei Kinder. Ebenso unbefleckt wie ihr grosses Vorbild Gaia aus der griechischen Mythologie. Auch die hat einst drei Kinder geboren, ohne dass ein Mann nötig gewesen wäre, dafür gab es drei Söhne. Gardis Gaia frisst sich am Käse fett und schickt – ungewollt, unerwartet, unverhofft – drei Nachfolge-Hannas ins Leben.

Braucht es Hanna nun nicht mehr? Gardi Hutter: «Es findet auch real statt. Ich bin Hanna und Mutter gleichzeitig. Als Mutter wurde ich abgelöst, und nun steht es der Schauspielerin bevor.» Aber Hanna ist nicht übertragbar, nicht kopierbar, no copy/paste. Oder doch? In der Gaudi sind es plötzlich vier Hannas. Hanna ist tot – es lebe Hanna! Die Jungen geraten gut, und schnell wachsen sie der Mutter über den Kopf. Hanna zweifelt, will eingreifen, wird aber nicht gehört. «Ich habe noch nie so ambivalente Gefühle gehabt bei einem neuen Stück», meint Gardi Hutter nachdenklich. Und: «Das Spannende ist, dass wir unsere Konflikte, wenn wir sie denn lösen, auf der Bühne ins Groteske steigern können.»

Schon am Anfang tot und Auferstehung als Gaia

Sieben Mal sei sie in ihren Stücken gestorben, nun ist sie schon am Anfang tot. Doch als ob sie vergessen hätte, ihr Werk – Gardis Werk? Hannas Werk? – zu übergeben, steht sie wieder auf. Weil das als Hanna im wahren Leben nicht geht, aufersteht Hanna als Gaia. Sie tritt nicht ab am Ende, sondern feiert erst mal ihr neues Leben im Quartett mit den Jungen.

Da darf man als Zuschauerin oder Zuschauer gespannt sein, was als nächstes kommt im neunten Programm von Gardi Hutter. Dass sie wiederkommt irgendwie, als Hanna, als Gaia oder was auch immer, scheint klar. Obwohl Gardi Hutter vom Ende nicht spricht. Nur: «Ich habe ja keine Hobbys.»

Gaia Gaudi ist köstliche Unterhaltung mit Tiefsinn. Die beiden Vorpremieren im «Chössi» darf man als sehr gelungen betrachten. 100-mal ist die Gaudi bereits gebucht, erst in Zürich, dann in Deutschland und im Januar auch in der Ostschweiz.