Handicapierte auf die Bühne: Wie Minderheiten die Kulturwelt verändern

Handicapierte auf die Bühne: Wie Minderheiten die Kulturwelt verändern

Mit dem Rollstuhl ins Theater? Selbstverständlich. Mit dem Rollstuhl auf die Bühne? Noch nicht. Aber in der Kunst fallen die Hürden − für Handicapierte, für Jugendliche und Migranten.

Sabine Altorfer
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Angesagt war ein Theater mit zeitgenössischem Tanz, damals in London. Als dann eine Frau im Rollstuhl auf die Bühne fuhr, war ich perplex. Eine behinderte Frau als Tänzerin! Eine Zumutung! Was soll das? Wie geht das?

Das war 1995. Die Candoco Dance Compagnie und ihre durch einen Sturz auf der Bühne querschnittgelähmte Mitbegründerin Celeste Dandeker, die sich nach Jahren – im Rollstuhl wieder auf die Bühne wagte. Mich begeisterte, welchen Bewegungsreichtum, welche Ausstrahlung sie im Rollstuhl erreichte, wie sie mit nicht behinderten Tänzern mal achtsam, mal aggressiv Gefühle auslotete. Grossartig, diese Professionalität! Beglückend, diese Energie auf der Bühne! Erschüttert hat mich der Abend nur wegen mir selber. Weil ich mich fragen musste: Warum reagierte ich im ersten Moment so blöd? Und warum gab es so etwas zuvor nicht?

Candoco waren in den 1990er-Jahren Pioniere im sogenannt integrativen Tanztheater. Seither hat sich die Einsicht einigermassen verbreitet, dass behinderte Schauspieler, ältere Tänzerinnen nicht nur eine exotische Anreicherung darstellen, sondern eine Bereicherung. Sagen wir es deutsch und deutlich: Behinderte, Alte, Jugendliche, Ausländerinnen, Homosexuelle, Asylbewerberinnen oder Menschen mit anderer Hautfarbe sind Teil unserer Gesellschaft. Ihr Leben und Denken, ihre Erfahrung und Expertise sind folglich Teil unserer Kultur. Genauer: Sie sollten es sein. Nicht aus politischer Korrektheit und schon gar nicht aus Rücksichtnahme oder Mitleid. Sondern weil wir sonst etwas verpassen.

Das meint aber auch, dass diese Menschen von der Szene nicht nur als Mitmacher gebraucht, sondern als gleichberechtigte Täter anerkannt werden. Dass sie Regie führen, Drehbücher oder Songs schreiben, dass ihre Bücher preiswürdig sind.

Vorbild Fussball

Eine Band aus Ghana im Musikclub des Dorfes zu hören, ist normal. Dass eine Migrantin aus Ghana in der Dorfmusik oder im Stadttheater mitspielt, ist dagegen nicht sehr üblich. Kinder aus Migrantenfamilien trifft man eher im Fussballverein. Das ist gut so!

Denn ohne Secondos oder eingewanderte Spieler würde die Schweizer Fussballnationalmannschaft ziemlich schwächeln. Eine analoge Verstärkung kann auch die Kultur brauchen. Das Theater Hora und das Maxim-Theater in Zürich, die B*Bühne Aarau oder das Wildwuchs Festival Basel arbeiten mit behinderten Schauspielerinnen und Tänzern. Das Collectif Barbare mit jugendlichen Flüchtlingen aus Afghanistan. Aber es sind Nischenprodukte.

Am Theather Hora in Luzern treten auch Künstlerinnen mit geistiger Behinderung auf.

Am Theather Hora in Luzern treten auch Künstlerinnen mit geistiger Behinderung auf.  

Bild: zvg

An manchen Häusern sehe man Vermittlung und Teilhabe als Aufgaben, die man auch noch machen müsse, sagt Theatermann Peter Kelting. Für die Alte Reithalle Aarau, die 2021 neu eröffnet wird, sieht er sie nun gar als Rückgrat. Und zudem als Chance, ein jüngeres und breiteres Publikum zu erreichen. Wenn das kein Ansporn ist!

In der Kulturpolitik ist das Thema «Kulturelle Teilhabe» dagegen das Wort der Stunde. Kein Kanton, keine Stadt, die es in ihren Leitbildern nicht propagiert. Beim Bund war es 2016 erstmals ein Schwerpunkt und wird in der «Kulturbotschaft 2021–2014», dem Bundes-Kulturbudget, weitergeführt. Die Begründung:

«Das Ziel der Förderung der kulturellen Teilhabe ist – analog zur Förderung der politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Teilhabe – die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.»

Wenns um die Förderung und Chancengleichheit von Kindern geht, hat der Bund die Mehrheit des Volkes hinter sich. «Musikalische Förderung» wurde per Volksinitiative zur Bundesaufgabe.

Der Begriff «Kulturelle Teilhabe» ist wahrlich nicht hübsch, die Sache aber wichtig – und passt zur Schweiz. Kultur für alle und von allen als staatliche Aufgabe zu definieren, entspricht einem urdemokratischen Denken. Bereits in der «Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte» von 1948 heisst es in Artikel 27: «Jeder Mensch hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich der Künste zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Wohltaten teilzuhaben.»

Schwellen abbauen

Schwellen abbauen, psychologische wie physische, war die erste Stufe der «Kulturellen Teilhabe». Doch nicht nur als Zuschauer sollen alle Bevölkerungsschichten teilhaben, sondern auch aktiv: Lernen, mitmachen, selber aktiv werden oder als Profi künstlerisch tätig sein. Von interkulturell, partizipativ, von Inklusion und Chancengleichheit sprechen die Fachleute.

Kinder, die im Museum zeichnen, stören heute nicht mehr. Einige Museen  fördern sie sogar mit Spezialevents.

Kinder, die im Museum zeichnen, stören heute nicht mehr. Einige Museen  fördern sie sogar mit Spezialevents.

Bild: Oliver Menge

Wenn Teilhabe so wichtig ist, gibt es dafür sicher genug Kultursubventionen. Doch Absicht und Taten klaffen auseinander. Der Bund will in den nächsten vier Jahren wieder mit 100000 Franken schweizweit das Label «Kultur inklusiv» der Pro Infirmis unterstützen.  Generell werden Finanzierungsgesuche für Multikultiprojekte oft an die sozialen oder pädagogischen Amtsstellen weitergeschoben – so dass manche zwischen Stuhl und Bank fallen. Noch.

Alternatives Glück

Wenn man zurückblickt, wird deutlich, welcher Sinnes- und Wertewandel schon stattgefunden hat. Kultur war einst sauber schubladisiert in elitär oder populär. E oder U. Ernst oder Unterhaltung. So war klar: Rock und Pop sind U, Comic war U, Krimis sowieso – und «Unterhosentheater» war pfui. Geld gab es für E. U musste sich selber finanzieren, V wie Volkskultur auch. So klar, so einfach – so einschränkend.

Viele dieser Schranken sind gefallen. Zuerst durch die gesellschaftlichen Utopien und neuen Wertmassstäbe nach 1968 – und angefeuert durch die 1980er-Bewegung. Räume, Anerkennung und gleiche Wertschätzung auch für alternative Kulturformen, lautete die Forderung. Und das subito! Subito gings nicht. Aber immerhin entstanden Orte wie die «Rote Fabrik» Zürich, die «Reithalle» Bern, das «Kofmehl» Solothurn oder die «Kaserne» Basel.

Auch die traditionellen Häuser sind offener geworden. Kinder, die im Museum zeichnen und diskutieren, sind keine Störfaktoren mehr. Führungen für blinde und demente Menschen, für Singles oder Mütter/Väter mit Babys sind eher neu. Klassische Orchester machen Party für Jugendliche, ein Künstler lädt Skater ins Kunsthaus Zürich ein, und Floristinnen sorgen bei «Blumen für die Kunst» im Aargauer Kunsthaus für breites Entzücken.

Drei spannende Kulturprogramme mit ungewöhnlichen Akteuren:

Fast alles findet Platz im Hallenbad

Das Luzerner Neubad ist von der Lesebühne bis zum Konzertraum eigentlich alles. Hier stolpert man automatisch in Kultur.

Das Luzerner Neubad ist von der Lesebühne bis zum Konzertraum eigentlich alles. Hier stolpert man automatisch in Kultur.

Bild: Corinne Glanzmann

Eintauchen. Im Pool spielt ein klassisches Orchester, in der Küche kochen Migranten für alle, im Keller wird über Tantra diskutiert, in der Galerie werden Fotos gezeigt, in den Ateliers wird an alternativen Fussball-Panini-Bildern gewerkelt, im Garten gesetzt und geerntet und in der Beiz Bier getrunken. Alles an einem Abend, alles im Neubad. Das ehemalige Stadtluzerner Hallenbad hat sich zu einem Kultur-Hotspot entwickelt. Die 2013 gestartete Zwischennutzung − in absehbarer Zeit muss das Neubad einer Überbauung weichen − ist dabei vor allem in seiner Breite ein eigentlich fast schon unersetzbarer Player geworden.

Es findet fast alles seinen Platz, und durch seine zentrale Lage findet es auch viel Publikum. Ins Neubad kann man recht planlos gehen, im Idealfall stolpert man wie zufällig in eine kulturelle Veranstaltung. Nach dem dritten Bier ab an die Party im Keller, oder doch spontan ans Theater im Pool? Niederschwelliger kommt man in der Zentralschweiz bestimmt nirgends mit Kultur in Berührung. Nachmittags spielen Kinder auf dem Vorplatz, und am Abend wird an selber Stelle entschlossen diskutiert, geflirtet und getrunken.

Das Neubad ist auch Kino, Flohmarkt, Skibörse und Lesebühne. Auch für experimentelle Dinge. Wer will, erfährt Sachen, über die man sonst nichts erfahren hätte. Nächste Woche referiert beispielsweise die Klangforscherin Patricia Jäggi über «unsere Wahrnehmung und Deutung von Vogelgesängen». Daneben beehren namhafte Bands das Lokal. Eben erst spielten die deutschen The Notwist vor ausverkauftem Haus – es war ihr einziges Konzert in der Deutschschweiz. Bevor jetzt jemand Angst vor einer Überdosis Kultur hat: Es gibt Tage, da läuft im Neubad einfach nichts. Zu entdecken gibt es aber auch dann viel. 

Michael Graber

Das schreibende Klassenzimmer

Kreativität ohne Notendruck ist das Ziel des Projekts «Schulhausroman». Seit 2005 schreiben Schüler Literatur.

Kreativität ohne Notendruck ist das Ziel des Projekts «Schulhausroman». Seit 2005 schreiben Schüler Literatur.

Bild: Sabrina Strübi

Aufmunterung. Zum Aufwärmen der Kreativität braucht es nur Stift und Papier, ein «Sudelheft» – und zehn Minuten ohne Blick aufs Handy oder die Uhr. Mit «automatischem Schreiben» beginnt die Thurgauer Autorin Andrea Gerster (im Bild) jede ihrer acht Coachingrunden im Oberstufenzentrum Stacherholz. Die Teenager, die auf das Stichwort «Los!» ohne Zögern und Grübeln notieren sollen, was ihnen gerade in den Sinn kommt, haben seit Wochen Grosses vor. Gemeinsam schreiben sie einen Roman, eine Lovestory mit schwierigen Vorzeichen. «Exchange Year» wird ihr Buch am Ende heissen und zusammen mit zwei weiteren Schulhausromanen als Paperback erscheinen.

An diesem Nachmittag sind sie weit gekommen; nach kurzer Lockerung werden Marlene, Timo und ihre Klassenkollegen der Sekundarklasse 2a ihre Texte am Laptop überarbeiten und layouten. Schritt für Schritt ist der Roman gewachsen; sie haben in Gruppen Ideen gesammelt und präsentiert und darüber abgestimmt. Jeder hat ein Kapitel übernommen – und damit Verantwortung. Frei von Lehrplanzielen und Notendruck zu schreiben, hat ihre Neugier geweckt auf das, was Sprache kann, ihr Selbstvertrauen gestärkt und die Klasse zusammengeschweisst.

2005 von Richard Reich und Gerda Wurzenberger ins Leben gerufen, hat das Projekt «Schulhausroman» viele Erfolgsgeschichten geschrieben, schweizweit und darüber hinaus, seit 2017 viersprachig. Unterstützt wird es vom Bundesamt für Kultur und Stiftungen; namhafte Autorinnen und Autoren bringen sich ein. Im Fokus stehen meist Klassen, die als «wenig lese- und schreibaffin» gelten, will sagen: Jugendliche, die in ihrer Freizeit kaum zum Buch greifen und eher verzagt ans Schreiben von Bewerbungen gehen. Literarische Ambitionen hätten sie sich ohne Anstoss von aussen nie zugetraut.

Bettina Kugler

«Was hat das mit mir zu tun?»

Die Kongolesin Carine Kapinga Grab (33) konnte ihre Theaterkarriere in der Schweiz fortsetzen. Dem Maxim-Theater sei Dank.

Die Kongolesin Carine Kapinga Grab (33) konnte ihre Theaterkarriere in der Schweiz fortsetzen. Dem Maxim-Theater sei Dank.

Bild: Donovan Wyrsch

Mitreden. «Ohne das Maxim-Theater wäre ich heute Pflegefachfrau», sagt Carine Kapinga Grab (33, im Bild). Viele Künstler mit Migrationshintergrund, welche die kongolesische Schauspielerin und Tänzerin in der Schweiz kennen gelernt hat, haben sich für diesen Berufsweg entschieden. Weil man im Schweizer Kulturbetrieb lieber über «Vielfalt» spricht, als sie zu gewähren.

2010 kam die kongolesische Theaterfrau nach einer internationalen Karriere in die Schweiz. Ohne Deutschkenntnisse und mit einer Ausbildung, die wegen fehlender Nachweise im bürokratischen Schweizer Kulturleben wenig zählte. Nach einer Episode in der Pflege bot das Maxim-Theater in Zürich der 33-Jährigen die Möglichkeit, ihre Künstlerkarriere fortzusetzen. Die Institution will allen Menschen der Stadt Zürich Zugang zur Kultur ermöglichen. Hier werden die verschiedensten Lebenswelten für Theaterprojekte fruchtbar gemacht.

Inzwischen studiert Kapinga Grab   Theaterpädagogik im Master und leitet Theaterclubs in Zürich und Aarau. Kapinga Grab stört sich an den ausschliessenden Strukturen hiesiger Kulturinstitutionen. Was machen Menschen, die fürs Theater brennen, doch die deutsche Sprache nicht beherrschen? Warum muss man an der Schauspielschule mit einem Stück Bertolt Brecht vorsprechen und darf nicht aus der eigenen Lebenswelt schöpfen? Warum muss sich Kapinga Grab, die Christoph Marthaler bewundert, in einem Marthaler-Stück im Schauspielhaus anhören, wie Bühnenfiguren Witze über Kinder in Afrika reissen? Die Theaterfrau erzählt:

«Am liebsten würde ich mich in tausend Teile spalten und überall mitreden»

In Leitungsgremien, in Verwaltungsräten. Um mit anderen die Frage zu diskutieren: Was hat das, was wir da tun, mit den Menschen da draussen zu tun?

Julia Stephan

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