Ende eines Kulturdenkmals
Hände weg von diesem Saal! Dem Schauspielhaus Zürich droht die Abrissbirne

Das Zürcher Schauspielhaus war die letzte ­Zuflucht für zahllose Künstler, die vor ­Hitler flüchten mussten. Die Stadt plant den Abriss des Theaters und erntet dafür aus unterschiedlichen Lagern scharfe Kritik.

Daniele Muscionico
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Blick durch das Portal des Zürcher Schauspielhauses in den historischen Theatersaal, der neu gebaut werden soll.

Blick durch das Portal des Zürcher Schauspielhauses in den historischen Theatersaal, der neu gebaut werden soll.

PD

Die Fassungslosigkeit letzten November war gross. Aus New York, aus Deutschland und umliegenden Ländern sowieso reagierten Kulturschaffende entsetzt auf die Mitteilung: Zürich will das Schauspielhaus dem Baggerzahn opfern. Der 1888/ 89 erbaute Gebäudekomplex neben dem Kunsthaus soll durch einen Neubau ersetzt werden. Kostenpunkt 115 Millionen Franken. Die Begründung: Das Haus sei ein Sanierungsfall.

Es dauerte nur Tage, und es formierte sich Widerstand. Der Schleifung des grössten Theaters der Schweiz und einer der letzten Guckkastenbühnen Europas wollte man nicht tatenlos zusehen.

Unterschriften wurden gesammelt, Theaterschaffende, Autoren und ehemalige Intendanten meldeten sich zu Wort. Es gründeten sich gegen den Totalabriss Komitees und Bürgerinitiativen. Angestossen vom Heimatschutz, der einen Rekurs einreichte, bekam der Protest Wind in die Segel. Ihr erster Erfolg war die gemeinsame Pressekonferenz, die gestern in Zürich stattfand.

Markige Worte fanden hier die Gegner, und die internationale Presse, angereist, um ein Stück gelebte Schweizer Demokratie hautnah mitzuerleben, war ganz Ohr. Das Haus sei das «authentische Rütli», wurde etwa aus sozialdemokratischer Seite moniert. Der ehemalige SBB-Chef Benedikt Weibel wiederum verwies auf das Beispiel des Konzert Theater Bern, das unter seiner Leitung für 35 Millionen Franken unter Beibehaltung der historischen Substanz umgebaut wurde. «Auch bei uns hiess es lange, reisst doch ab und baut etwas Neues.» Die Befürworter hätten argumentiert, dass die Zustände im Stadttheater schlimmer als in der Kaserne ihrer ehemaligen RS seien. Der Umbau glückte in Bern schliesslich zu aller Zufriedenheit.

Den Pfauen abreissen heisst den Bundesbrief kübeln?

Vehement gegen den Abriss sind die Kritiker aus kultur-, theater- und architekturgeschichtlicher Hinsicht. Das Haus biete die rare Möglichkeit, die Geschichte des Theaterbaus am Bauwerk selbst wie an einer archäologischen Stätte abzulesen. In seiner Klarheit unverblümt äusserte sich der ETH-Professor Stefan Holzer: «Den Pfauen abreissen hiesse, den Bundesbrief von 1291 in den Abfall zu werfen.»

Der Protest ist begründet und bezieht sich auf einen Umstand, der historisch brisant ist: Die Zürcher Pfauenbühne steht für den Widerstand gegen Hitlers Nationalsozialismus. 1933 zwang die Machtergreifung zahllose deutsche und österreichische Intellektuelle und Theaterkünstler zur Emigration. Nicht wenige wählten als Zufluchtsort Zürich.

Der Pfauen steht bis heute in der Erinnerung der Nachkriegszeit für die wichtigste deutschsprachige Exilbühne. Im Theater verband und erkannte man sich in der Sorge um die Zukunft. Und nicht nur das: Das Haus und seine antifaschistische Theaterpolitik war und ist im Bewusstsein der Nachgeborenen ein Markstein für ein politisches Bekenntnis von Kunst.

Zahlreiche historische Uraufführungen fanden hier in jenen Jahren statt: «Mutter Courage» von Bertolt Brecht, «Der gute Mensch von Sezuan» und andere seiner Stücke. Doch nicht nur Brecht, die gesamte Avantgarde zeigte hier ihre Visitenkarte, Eugen O’ Neill, John Steinbeck, Thornton Wilder, Paul Claudel. Dass die Stücke nicht selten unter Polizeischutz gespielt werden mussten, zeigt, wie hochemotional die Politik und die Bevölkerung jener Zeit auf Kunst reagierten.

Die Avantgardeautoren beeinflussten auch die hiesigen Autoren, und noch in denselben 1940-er Jahren meldeten sich am Pfauen mit ersten Gehversuchen ein junger Architekt namens Max Frisch und ein Berner Pfarrerssohn mit Namen Friedrich Dürrenmatt. «Biedermann und die Brandstifter» entstand, «Der Besuch der alten Dame», Morgenluft für die Schweizer Dramatik und die Geburt grosser Schweizer Theaterautoren.

Über die Morgenluft des Theaters am Pfauen entscheiden wird im Frühling das Stadtparlament, später eine Volksabstimmung. Doch auf dem Spiel steht viel: Es ist der verantwortungsvolle Umgang mit der eigenen Geschichte.

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