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Hamlet springt in die Gegenwart

Hot-Spot nennt das Theater St. Gallen sein Hamlet-Projekt. Mal modellhaft, mal diskursiv, mal tänzerisch umgesetzt, kann man Hamlet frisch entdecken – ein erfreulicher Start.
Hansruedi Kugler
Drei Darsteller, drei verschiedene Hamlets: Dimitri Stapfer schreit und wispert sich im Studio seinen Vater aus den Ohren und aus dem Kopf; Oliver Losehand tanzt in der Lokremise erst ein zuckendes Solo, später ein Duett; Jeanne Devos ist als weiblicher Hamlet erschüttert auf der grossen Bühne. (Bild: Tine Edel, Sebastian Hoppe, Patrick Pfeiffer)

Drei Darsteller, drei verschiedene Hamlets: Dimitri Stapfer schreit und wispert sich im Studio seinen Vater aus den Ohren und aus dem Kopf; Oliver Losehand tanzt in der Lokremise erst ein zuckendes Solo, später ein Duett; Jeanne Devos ist als weiblicher Hamlet erschüttert auf der grossen Bühne. (Bild: Tine Edel, Sebastian Hoppe, Patrick Pfeiffer)

Hamlet schreit sich in der Jugendpsychiatrie seinen Über-Ich-Vater aus dem Schädel; Hamlet tanzt auf einem Shakespeare-Kongress schweigend Walzer; ein weiblicher Hamlet läuft im Klanghaus mit Blick auf den Schafberg als verzweifelter Moralist Amok. Mit drei völlig unterschiedlichen Hamlet-Inszenierungen hat Jonas Knecht, der neue Schauspieldirektor am Theater St. Gallen, seine Intendanz begonnen. Hot-Spot-Hamlet heisst das Projekt und setzt damit ein äusserst erfreuliches Zeichen: Egal ob nun der 400jährige Hamlet oder im Verlauf der Spielzeit das zeitgenössische Drama «Terror» von Ferdinand von Schirach oder Dürrenmatts «Durcheinandertal» auf der Bühne zu sehen ist – spartenübergreifend soll das Theater uns Heutige in unserer Gegenwart herausfordern: künstlerisch wie inhaltlich. Hot-Spot-Hamlet hat dies vorbildlich gezeigt.

Es war auch ein Kraftakt: Denn was geht uns Hamlet, dieser moralisch überspannte, hochbegabte Königssohn an, der seinen Vater rächen muss und seine Mutter verachtet, weil sie wieder heiratet? Seine impertinente Macho-Moral zieht das Stück ins Lächerliche. Was tun? Man kann das Stück ins Modellhafte übersetzen (Ohnmacht gegenüber Unrechtsregimen), ins Diskursive heben oder zum Tanzen bringen. Genau das macht Jonas Knecht, und das sei betont: nicht alleine. Seine Truppe scheint bei allen Gemeinsamkeiten ein hohes Mass an Eigensinn zu haben.

Atemberaubender Hamlet auf der grossen Bühne

Der fast wortlose, pantomimische und mehr getanzte als gespielte erste Hamlet in der Lokremise (von Jonas Knecht selbst inszeniert) hat das Publikum mit allen seinen Sinnen herausgefordert. Die Inszenierung reflektiert und dekonstruiert Shakespeares Theater mit seiner Mordlust und ist konsequent in Tanz, Gestik, Bewegung, Choreographie übersetzt – die Aufführung wird so zur bildstarken Wundertüte theatraler Ausdrucksformen, zum frechen, fabelhaften Kunststück. Dass es einem nach 400 Hamlet-Jahren auch auf der Bühne die Sprache verschlagen kann, ist dabei eine ironische Pointe. Als Favorit könnte einem der Studio-Hamlet einfallen. Dort kotzt Dimitri Stapfer den Ballast väterlicher Macho-Moral aus dem Leib. Konfrontiert mit der weiblichen Opfersicht einer Migranten-Ophelia fällt Hamlets selbstgefällige Jammerei in sich zusammen – eine packende Weiterschreibung. Der Studio-Hamlet wäre Favorit, wenn man im grossen Haus nicht einen Triumph der Schauspielkunst erleben würde. Wie Jeanne Devos diesen verletzlichen und bösen, höhnischen und trotzigen, verzweifelten und fatalistischen Hamlet spielt, ist atemberaubend. Dass der dänische Hof ins Klanghaus-Modell versetzt ist, nimmt man als verspielten Gegenwartsbezug gerne entgegen – weil der Fingerzeig deutlich ist, aber darin keine plumpe Politpolterei steckt (Besprechung in der gestrigen Ostschweiz am Sonntag).

Zwei Elemente durchziehen alle Inszenierungen. Erstens ein spasshaftes Detail: Ein Wasserspender spielt überall mit – aus ihm fliesst der Gifttrank, einmal ertränkt sich Ophelia gar in ihm. Zweitens, und das wird eine Konstante dieser Intendanz: Die Musik ist wesentlicher Bedeutungsträger. Dreimal Hamlet und kein Körnchen Verstaubtheit war zu sehen: frisch, klug, frech, laut, bunt, lustig, zart – weiter so.

Hamlet_LOK Ein Projekt mit Tänzern, Schauspielern und einem Musiker nach William Shakespeare Premiere Hamlet_LOK Freitag, 9. September 2016 Lokremise Inszenierung: Jonas Knecht Choreografie: Sergiu Matis Bühne: Markus Karner Kostüme: Friederike Meisel Musik | Musikalische Leitung: Andi Peter Dramaturgie | Text: Anita Augustin Es spielen Bruno Riedl | Oliver Losehand | Birgit Bücker | Anja Tobler | Christian Hettkamp | Hansjürg Müller | Hoang Anh Ta Hong | Lorian Mader | Emily Pak | Cecilia Wretemark (Bild: Sebastian Hoppe (Sebastian Hoppe))

Hamlet_LOK Ein Projekt mit Tänzern, Schauspielern und einem Musiker nach William Shakespeare Premiere Hamlet_LOK Freitag, 9. September 2016 Lokremise Inszenierung: Jonas Knecht Choreografie: Sergiu Matis Bühne: Markus Karner Kostüme: Friederike Meisel Musik | Musikalische Leitung: Andi Peter Dramaturgie | Text: Anita Augustin Es spielen Bruno Riedl | Oliver Losehand | Birgit Bücker | Anja Tobler | Christian Hettkamp | Hansjürg Müller | Hoang Anh Ta Hong | Lorian Mader | Emily Pak | Cecilia Wretemark (Bild: Sebastian Hoppe (Sebastian Hoppe))

Hamlet_Gross Tragödie von William Shakespeare Inszenierung Barbara-David Brüesch Bühne Stéphane Laimé Kostüme Heidi Walter Musikalische Leitung Christian Müller Musikalische Beratung Christian Zehnder Kampfchoreographie Klaus Figge Dramaturgie Armin Breidenbach (Bild: Patrick Pfeiffer)

Hamlet_Gross Tragödie von William Shakespeare Inszenierung Barbara-David Brüesch Bühne Stéphane Laimé Kostüme Heidi Walter Musikalische Leitung Christian Müller Musikalische Beratung Christian Zehnder Kampfchoreographie Klaus Figge Dramaturgie Armin Breidenbach (Bild: Patrick Pfeiffer)

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