Hamlet kriegt die Krise

«HotSpotHamlet», zweiter Teil: Die Studiofassung von Eveline Ratering schickt den durchgeknallten Prinzen in Therapie – und nähert sich sensibel den Härten jugendlicher Selbstfindung.

Bettina Kugler
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Königliches Rollenspiel: Hamlet (Dimitri Stapfer) knetet sich Claudius und Gertrud. Bild: Tine Edel/Theater St. Gallen

Königliches Rollenspiel: Hamlet (Dimitri Stapfer) knetet sich Claudius und Gertrud. Bild: Tine Edel/Theater St. Gallen

Ob sich die Jugendpsychi nun im Staate Dänemark befindet oder sonstwo – das spielt in Eveline Raterings Version des «Hamlet», Teil zwei des Spielzeitauftakts «HotSpotHamlet» und sehr frei nach Shakespeare, keine grosse Rolle. Der Insasse, Patient H.v.D., ist einer dieser wohlstandsverwahrlosten jungen Männer, aufgewachsen mit hohen Ansprüchen und wenig Zuwendung. Einer, der gern mal mit Papa angeln gegangen wäre. Doch der hatte immer Wichtigeres zu tun. Jetzt ist der Alte tot – Herzinfarkt? – und bringt den Sohnemann fast um den Verstand mit seinem «Räche mich!». Wie dessen Stimmung ist, auf einer Skala von 1 bis 10? Aus seinem Versteck hinter umgeworfenen Möbeln (Ausstattung: Nic Tillein) reckt Hamlet wortlos den Mittelfinger empor. Die Diagnose: depressive Verstimmung mit heftigen Wutausbrüchen.

Stimmen im Kopf, angriffiger Sound

Dimitri Stapfer als verstörter Thronfolger in spe trägt, was sonst, Schwarz von Kopf bis Fuss. Die kurzen Beinkleider über der engen schwarzen Hose erinnern noch vage daran, dass wir es mit einem Typen zu tun haben, der seit gut vierhundert Jahren seinen ruhelosen Dienst auf den Bühnen der Welt tut. Von gestern aber ist dieser Hamlet nicht. Ab und zu redet er recht geschwollen; könnte ja sein, dass das mit seinen Wahnvorstellungen zu tun hat. Oder vielleicht ist es die Stimme des Geistes, den er zu hören glaubt.

Ansonsten wirkt er so normal wie andere in seinem Alter. Stimmungsschwankungen, Selbstzweifel, das Gefühl, die Welt sei ein Gefängnis und die Jugendpsychiatrie nicht der schlimmste Ort: Hamlets emotionale Achterbahn wird dem Zielpublikum 14+ nicht völlig fremd sein. Der Sound dieser Produktion, live von Benjamin Hartwig an Synthesizer, Mikro und E-Gitarre gespielt, ebenso wenig. Hamlet hört keine Lautenlieder der Shakespeare-Ära. Mit seiner Frisur könnte er an der Fussball-EM 2016 antreten, einmal abgesehen von der Beinschiene. War da was?

Eveline Ratering und Dramaturgin Anja Horst setzen raffiniert Signale, die neugierig machen auf Hamlets Geschichte – ob man sie nun schon kennt oder nicht. Viele Figuren aus Shakespeares Drama mischen am Rande noch mit, ohne dass es zu verwirrend wird. Das Königspaar spielt Stapfer mit Knetklumpen; er äfft und grimassiert. Den Rest übernimmt Odeta, seine «1:1-Betreuung».

Die «1:1-Betreuung» fällt aus der Rolle

Ihre Herkunft wird konkreter als jene Hamlets: Odeta ist in Kosovo aufgewachsen, wo «Blut dicker ist als Wasser»; wo man zu seinen Kindern schaut und auch Brüder nicht hängen lässt, selbst wenn sie einem auf der Seele herumgetrampelt sind. Wenn Boglárka Horváth zum ersten Mal zwei Schritte aus der Szene nach vorn tritt und als Sozialpädagogin mit Migrationshintergrund kurz privat wird, kommt das noch etwas zeigefingerartig daher: Achtung, zweite Baustelle! Noch eine, die das Stück deutlich ins Hier und Jetzt holt. Dass sie sich gut in Hamlets fremdbestimmte Geliebte Ophelia hineinversetzen kann, zeigt sich erst nach und nach und macht das Stück doppelt spannend. «Hörst du auch die Stimmen deiner Toten?», fragt Hamlet keck – ohne zu ahnen, wie richtig er damit liegt. Es dauert eine Weile, bis Odeta ihren Schutzpanzer aus professioneller Munterkeit öffnet, und zeigt, dass sie mitnichten robust genug für diesen Job, für diese Welt ist.

Das ist der Moment, in dem das Stück sich auf seinen brachialen Anfang besinnt und nochmals richtig aus der Haut fährt, in einem wilden, befreienden Tanz. Um die entscheidende Frage dem Musiker zu überlassen und sacht ins Publikum hinüberzuspielen.

22./24./28.9., 19 Uhr, Studio